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männliche Gestalt stehen, und an ihrer Seite eine jüngere, weibliche, die Beide der Gräfin völlig fremd erschienen und sie an ihre erwarteten Gäste erinnerten.

Sogleich erhob sie sich, und mit ihrem edlen und gewinnenden Anstande nahete sie sich den Fremden, die Monsieur Lorint versucht hatte, ihr vorzustellen. Wer hätte sich nicht in dem Augenblicke, als sich die hohe, leichte Gestalt, so würdig von den reichen Falten des schwarzen Kleides umhüllt, ihnen nahete, sagen müssen: sie habe die unverwüstliche Schönheit der Seele, deren Dasein wir beim ersten Blicke empfinden, und die an dem Körper, der wie ein durchsichtiger, aber farbloser Schleier den Geist umgiebt, keinen grösseren Verfall zulässt, als die Verflüchtigung der Jugendreize!

Der Fremde schien, von ähnlichen Betrachtungen bewegt, ihren vollen Anblick geniessen zu wollen; denn er blieb in derselben Entfernung vor ihr stehen und liess sie in ihrer ganzen edlen Erscheinung auf sich zu kommen; aber sein grosses Auge, das unter starken, schwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete, sagte ohne Worte: ich bewundere Dich! Der Fremde zeigte eine sichere, würdevolle Haltung; die Schönheit eines alten Mannes, der sich seiner Jugend ohne Erröten erinnern darf. Sein weisses Haar hob sich noch voll um die freie Stirn, und die Feinheit der schönen, griechischen Nase verstärkte den edlen Ausdruck seines Kopfes. Er war über der gewöhnlichen Grösse, ohne Korpulenz, in reicher, einfacher Tracht, die aber nicht die der französischen Mode war; seine ganze Erscheinung flösste achtung und Vertrauen ein.

An seiner Seite stand eine junge, weibliche Gestalt, die fast andächtig ihre sanften Augen auf die Gräfin d'Aubaine gerichtet hielt und eins der zarten, blonden Mädchen war, an deren materielle Existenz wir kaum Glauben fassen können.

Die Gräfin gewann die von uns dargelegte Ansicht mit e i n e m Blicke ihrer klugen, erfahrenen Augen; und in der angenehmen Erwartung, einen Namen zu hören, der dieser interessanten Erscheinung entspräche, nahete sie sich mit jener verbindlichen Miene, welche die Frage ausdrückt, die der Mund noch zurückhält.

"Madame," sagte der Fremde, jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend – "ich erkannte Euer Gnaden augenblicklich wieder, obwol so viel Zeit zwischen diesem und unserm letzten Beisammensein liegt, dass mein einst schwarzes Haar Zeit hatte, mich zum Greise zu stempeln; – auch damals genoss Lord Duncan-Leitmorin Gastfreundschaft in Ardoise, und Gräfin Franziska d'Aubaine war die Heilige, die er anbetete."

"O, Lord Duncan," rief Gräfin d'Aubaine – "S i e führt in Wahrheit Gottes besondere Güte zu mir! Stets konnten Sie der Freude gewiss sein, die Ihre Ankunft hier erregen musste; und doch ist sie niemals erwünschter gewesen, als gerade jetzt, wo sie fast zur notwendigkeit geworden ist; und in dem augenblicke, wo ich Sie sehe, fühle ich erst recht die Wohltat, die mir Ihr Rat gewähren wird."

"Das habe ich fast erwartet, Frau Gräfin," erwiderte Lord Duncan; – "und dennoch tut mir Ihre offene, gütige Erklärung darüber unendlich wohl; denn sie hebt den letzten Zweifel, der mich noch beunruhigen konnte. An Sie bin ich nun in jeder Hinsicht verwiesen, da Sie selbst meine Sendung anzuerkennen scheinen."

"Lassen Sie mich erst diesen Engel begrüssen!" rief jetzt die Gräfin, deren Augen schon längst auf das holde Wesen an seiner Seite geblickt hatten.

"Marie Duncan sehnte sich, Ihre Hand zu küssen," sagte der Lord und führte das errötende Mädchen zur Gräfin, die ihr die arme entgegenstreckte und sie zärtlich an ihre Brust drückte. "Freundin meiner Elmerice, weisst Du, dass sie mir mütterliche Rechte einräumte? Willst Du mir einen ähnlichen Anteil gönnen?"

"Ach, Madame'," rief Marie, seelenvoll zu ihr aufblickend – "möchte ich ein so grosses Glück verdienen lernen!"

"Aber Du findest Deine Elmerice nicht!" fuhr die Gräfin fort. – "O, Lord Duncan, werden Sie nicht Rechenschaft von mir fordern und mich für einen schlechten Haushalter erklären, da ich den mir anvertrauten, köstlichen Schatz von mir liess, schutzlos in fremde, unheimliche Verhältnisse übergehend?"

"Nein, meine teure Gräfin!" erwiderte Lord Duncan; – "ja, eben diese augenblicklichen Verhältnisse des von mir väterlich geliebten, teuern Mädchens sind die Veranlassung, dass ich nach Frankreich kam; – und wie ich ohne Ihren Rat, Ihren Beistand keinen Schritt vorwärts tun kann oder will, so muss ich einräumen, dass Sie mich eben so nötig haben werden; und da ich Ihre Reisepläne schon kenne, denke ich, wir reisen, wenn Sie mich gehört haben, später zusammen."

"O, gern, gern!" rief die Gräfin, nachdenkend und bewegt; denn jetzt fühlte sie, Lord Duncan müsse wichtige Mitteilungen zu machen haben, und in dem augenblicklichen Verhältnisse seines Mündels mehr sehen, als sie, die ihre sorge nur auf die Gemütsstimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte. Hoch atmete sie bei diesem Nachdenken auf. Wie viele Jahre waren schonend an ihr hingezogen, und heute ward ihre Erinnerung für die Vergangenheit gewecktund wie lebhaft durch Lord Duncan ihr Gefühl angeregt, den sie als Freund Reginald's kannte, und dessen Bekanntschaft die glücklichste Zeit ihres kurzen Jugendlebens umschloss!

Lord Duncan erriet die Bewegung seiner edlen Freundin und suchte sie von ihren Empfindungen abzulenken. Die Gräfin verstand schnell seine