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was ihr je an irdischem Besitze gehörte, – und dennoch kam der Gedanke immer wieder; denn nur ihrem Pflichtgefühle räumte sie eine ausschliessliche herrschaft über sich ein und schon erliess sie einzelne fragen an Lorint über den Bestand der Reiseequipagen, welche die ganze Dienerschaft in Erstaunen setzten, da die Gräfin seit zehn Jahren das Schloss nicht verlassen hatte. –

In einem jener zierlichen Blätterklosets, welche die Gartenkunst des damaligen Jahrhunderts bestrebt war, mit möglichster Täuschung der natur abzuringen, ruhte die Gräfin d'Aubaine und sah durch den hohen Bogen des grünen Eingangtores eine grosse, schnurgrade gepflanzte Allee riesenhoher Platanen entlang, die mit einem malerischen Prospekte auf das Schloss endete, als sie Monsieur Lorint gewahrte, der mit den weiss seidenen Strümpfen, dem gestickten Scharlachrocke und der kleinen weissen Stutzperücke, eine kleidende Staffage dieser einsamen Blätterarchitektur ward. Als er näher trat, bemerkte sie den Glanz des silbernen Tellers in seiner Hand und war nun gewiss, er brächte ihr Briefe. Sie hoffte aus Ste. Rocheund stand auf, um, ihm entgegengehend, sie früher in Empfang nehmen zu können.

Der alte, etwas korpulente Herr beeiferte sich bei dieser Bewegung seiner angebeteten Gebieterin, sie so schnell, als möglich, zu erreichen, und bald stand er, ganz ausser Atem, mit dem reich belegten Teller vor der Gräfin.

"Zwei Briefe von meiner Nichte?" rief die Gräfin. –

"Ja, Euer Gnaden, durch zwei sich schnell folgende Boten; ausserdem befindet sich noch ein Courier anwesend, der Euer Gnaden eine fremde herrschaft anzumelden kommt." –

"Nun, und wenn?" sagte die Gräfin zerstreut und, schon in den ersten Brief ihrer Nichte vertieft, kaum Lorint's Worte beachtend. Lorint schwieg daher, sich vor das Kloset zurückziehend.

Mit welcher Freude nun auch die erste, begeisterte Erzählung der Marquise von der Bekanntschaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhältnissen derselben, das zärtliche Herz der Gräfin erfüllte, da Lucile, von Empfindungen der Bewunderung überströmend, ihrer schnell erweckten Zuneigung mit Ausdrücken erwähnte, die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fandenso wurde diese Freude doch eben so rasch niedergeschlagen und in Besorgniss verwandelt, als sie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten Mistress Gray und Elmerice's schnelles Zurückziehen erfuhr.

"Mein Gott," sagte sie lebhaft – "das geht nicht mehr so! Ich muss dennoch zu ihr; – mein armes, teures Kind, ich kann Dich nicht länger verlassen! Vielleicht tat ich es schon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt, das Deine Eltern in mich setzten. – Sorgt, Lorint," sagte sie, sich zu ihm wendend – "dass wir morgen abreisen können; ich werde nach Ste. Roche zu meiner Nichte gehen!"

Lorint verbarg sein Erstaunen, welches ihm das Blut in das Gesicht trieb, durch eine tiefe Verbeugung. "Ich komme nach dem schloss zurück," fuhr die Gräfin fort, da Monsieur Lorint noch immer stehen blieb – "richtet vorläufig das Nötigste zu meiner Abreise ein."

"Zu Befehl, Euer Gnaden!" erwiderte Lorint; – "ich wollte nur untertänigst an den Courier erinnern, der auf Antwort harret!"

"Ein Courier?" sagte die Gräfin überrascht, da sie jetzt erst die Nachricht hörte – "ein Courier aus Ste. Roche?"

"Nein, Euer Gnaden, ein Courier, der eine fremde herrschaft anmeldet, welche sich aber nur der Frau Gräfin selbst nennen will, und über die der Bursche keine Auskunft zu geben weiss, da er von dem nächsten Postause kommt, wo die herrschaft erst vor wenigen Stunden eintraf und ihn absendete, um die Anwesenheit Euer Gnaden zu erfragen und diese allgemeine Meldung zu machen."

"Das ist sonderbar," sagte die Gräfin; – "ich muss aber dennoch Bekannte annehmen, obwol ich kaum weiss, wer sich dieser eigenen Form bedienen könnte. Doch darf dieser Besuch keinen Einfluss auf meinen Entschluss haben. Besorgt zu morgen meine Equipagen und sagt dem Courier, ich wäre im Begriffe abzureisen, doch bis morgen bereit, Jeden willkommen zu heissen."

"Auch, glaube ich, können dies Euer Gnaden ohne Bedenken," fuhr Lorint mit der Vertraulichkeit alter Domestiken fort; – "denn die herrschaft ist, dem Aufwande nach, mit dem sie reist, von hohem Range."

"Wir werden dies erwarten," sagte die gütige Gräfin lächelnd; – "gebt die nötigen Befehle zu ihrer Aufnahme!"

Doch lange noch blieb sie allein in der schönen Einsamkeit, die sie umgab; sie vertiefte sich in die Mitteilungen ihrer Nichte und suchte sich dadurch in ihrem Vorhaben zu stärken, das sie, bei aller pflichtgetreuen Festigkeit ihres Sinnes, dennoch mit einem geheimen Bangen erfüllte, über das sie nicht Herr zu werden vermochte. Wie Viel sich an diese Empfindungen anreihen mochte, was von der Zeit und ihrem starken Willen verdeckt lag, wäre auf dem schönen, früh gealterten gesicht zu verfolgen gewesen, obwol es die feine Hand, welche das denkende Haupt stützte, halb verbarg.

So mochte die Zeit schnell an ihr hin gestrichen sein, und vielleicht hatte sie selbst die Abreise und mehr noch den angekündigten Besuch bereits vergessen, als sie die stimme von Monsieur Lorint vernahm, der, dicht vor dem Eingange des grünen Gemaches stehend, einige untertänige Worte murmelte. Sie zog die Hand von ihrem Angesichte und sah hinter Lorint eine hohe,