"Nun, dann kann ich auch nicht glauben, dass sich Guiche um Margot bemüht!" rief Lucile; – "denn dann kennt er Leonce's Wünsche und wird bloss Margot's Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewinnen wollen."
"Wir können das abwarten!" rief Armand; – "doch muss ich mich gegen Leonce erklären – es erregt zu sehr meine Ungeduld." –
Diese Erklärung fand sich jedoch nicht. Die Geselligkeit und Leonce's sichtlicher Wunsch, Armand zu vermeiden, hielt die Brüder entfernt.
Es war überhaupt eine Störung wahrzunehmen. Zwar waren die Kostüms fertig und bereits angelegt; aber Elmerice's Verschwinden, die traurige Veranlassung desselben hatte die Lustigkeit gelähmt, die man erst von diesem Maskenscherze erwartete. Es war, als ob mit ihrem Ausscheiden sich die Berechtigung dazu vermindert habe, und Mademoiselle de la Beaume erschien am zweiten Morgen in ihrer gewöhnlichen Kleidung und versicherte, sie habe die ganze Nacht von ihrer Toilette Fieber gehabt; denn Katarina von Medicis habe ihr in person Unterricht geben wollen, sich ihrem Kostüme gemäss zu betragen, und da habe sie zusehen müssen, wie sie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Hölle eingerichtet habe. – So erschienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern und niederhängenden Locken, die ihnen allen auffallend schön kleideten. Die Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt, und die Damen wurden auch nur gelegentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert.
Indessen traf am anderen Mittage die Nachricht ein, der alte Arzt sei angekommen und bereits in den Zimmern der Mistress Gray. D'Anville stellte an der äusseren tür des Turmes sogleich einen Diener auf, der den alten Herrn zu ihm führen sollte, wenn er von der Kranken zurückkomme; und wir überlassen Alle dieser Erwartung, um zu erfahren, was sich indessen an einer anderen Stelle für diese besonderen Verhältnisse vorbereitete. Die Gräfin d'Aubaine war, nach der Abreise ihrer jungen Freunde von Ardoise, mit der uneigennützigen Ruhe, die der Hauptzug ihres geläuterten Karakters war, zu ihrem einsamen Leben zurückgekehrt. Lebhaft angeregt durch die Erscheinungen der geistigen Welt, die sie aus ihrer gesicherten Ruhe mit anteilvollen Blicken verfolgte, nahmen die Zusendungen aller in Paris entstehenden, neueren Schriften ihre Zeit ausreichend in Anspruch – wenn wir noch hinzufügen, dass sie das geistvolle Resumé der ihr daraus erwachsenden Betrachtungen mit absichtslosem Fleisse, sich selbst zur Prüfung, in schriftlichen Aufsätzen sammelte. Doch behielt sie nach Aussen den vollständigsten Anteil für alle ihr näher gerückten Verhältnisse, und unter ihnen standen ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am nächsten, gegen welche sie sich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen, mit dem die älteren sie ihr als Vermächtniss übergeben hatten. Die zärtliche Freundschaft, die das junge, anziehende Wesen ihr eingeflösst, gab ihr eine genaue Kenntniss ihres feinen, leicht verletzlichen Sinnes, und liess sie über die zweifelhaften Verhältnisse, in denen sie sich jetzt befand, eine berechtigte Unruhe empfinden. Doch hoffte sie noch immer, durch die Anwesenheit der Marquise d'Anville in Ste. Roche, einen ausreichenden Schutz für ihren Liebling annehmen zu dürfen, und fühlte sich schmerzlich getäuscht, als sie die Nachricht zurück erhielt, wie bestimmt Elmerice sich jeder Gemeinschaft mit ihr entzogen habe, wie fest diese neuen Verhältnisse sie zu fesseln schienen.
Sie hatte darüber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer Jugend um Auskunft über Emmy Gray. Aber es war ein undeutliches Bild, was sie vorfand, und weniger hatte die Zeit dies bewirkt, als die damalige Zerstörung ihres Geistes, und dass nach ihrer Genesung die ganze traurige Begebenheit wie mit heiligen Siegeln in dem mund Aller verschlossen war, die sie umgaben. – Was sie darüber später erfuhr, war ihr durch Madame St. Albans mitgeteilt, die durch ihren Besuch, wie durch die Erwähnung der Nähe des Klosters Tabor, sie wieder zu einigem Anteile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefrischt hatte, die sie mit ihren übrigen Schmerzen fest hielt und aus denen sie jetzt einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice schöpfte.
Die finstere, feindselige Stimmung, die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug, war für die Gräfin eine Ursache mehr, ihre junge Freundin als ein O p f e r ihres Mitleidens anzusehen; und wie sie diese weit getriebene Teilnahme mindern solle, das war der Gegenstand ihrer Ueberlegungen. Sie entwarf hierzu in einem Tage mehr Pläne, als ihr ganzes übriges Leben aufzuweisen hatte, nur immer wieder verworfen oder verändert durch ihr grosses Zartgefühl. Die Furcht, mit einer Autorität aufzutreten, die sie zu edel und uneigennützig war geltend zu machen, wenn sie nicht durch wirkliche notwendigkeit erzeugt ward, machte, dass sie bis zu dem Gedanken gelangte, s e l b s t nach Ste. Roche zu gehen, um durch ihre Nähe Elmerice, die sich ihr sicher nicht entziehen konnte, zu zerstreuen, ohne sie ganz der Teilnahme für ihre alte Freundin zu berauben.
Aber diess war freilich ein grosser Entschluss, den die edle Franziska trotz der Aufopferungen, deren sie fähig war, doch nicht ohne eine grosse, innere Bewegung fassen konnte, und von dem sie eben so lebhaft wünschte, er möchte ihr erspart werden. Denn Ste. Roche war der Markstein ihres irdischen Glückes! Ste. Roche hatte das unschuldige und tugendhafte Dasein des einzigen Mannes, den sie je geliebt, auf immer zerstört! Wenn sie dortin dachte, schien es ihr ein riesiges Grabmal, das Alles bedeckte,