neu erweckte Wunsch, Nachkommen des unglücklichen Reginald zu entdecken mit Elmerice's auffallender Erscheinung zusammenfiel, beschlossen sie, bei der Tante den näheren Verhältnissen derselben nachzufragen. Armand wollte sich mit Leonce darüber beraten, und dieser oder er selbst sollte nach Ardoise zurückkehren und Nachrichten von der Gräfin Franziska einholen, sobald ihre Gäste sie verlassen hätten. –
"Ausserdem wird es Zeit," – sagte Armand – "dass wir Leonce zur Erklärung und zu einem berechtigten und öffentlichen Verhältnisse mit Margot bringen; denn sichtlich ist die Gemütsbewegung, in der er sich seit gestern befindet, durch Margot unschuldiger Weise veranlasst, deren unbefangenes Herz aber sicher nicht interessirt war."
"Nun," rief Lucile – "auch ich sah ihn gestern Abend, als ich am Fenster des Vorsaals Luft einatmete, ganz ausser sich, wie es mir schien, auf dem alten hof des Teophim auf und nieder stürzen; und als ich ihn diesen Morgen damit necken wollte und ihm sagte, ich hätte geglaubt, er habe Emmy Gray entführen wollen, bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus seinen düsteren Augen, und die Röte bestieg seine Stirn, wie ein Feuerzeichen, was Kampf bedeutet! Ich hielt mir die Augen zu, als ob ich mich fürchte, und doch war mir innerlich bei dem Scherze nicht wohl zu Mute; denn ich ahnte, dass Etwas Ernstes ihn quäle."
"Er ist, fürchte ich, eifersüchtig auf Guiche," sagte Armand; – "und was mir auffallend ist und ich fast unzart nennen möchte, ist, dass Guiche seine Neigung für Margot kaum verbirgt. Als wir gestern die alten Zimmer verliessen, blieben sie weit zurück; – Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem Treppensaale zu tun, und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem Zimmer der Gräfin Bussy. Erst folgte ihnen Leonce, und wie mir schien, schon mit sehr übellaunigem, wenigstens auffallend blassem gesicht; plötzlich aber stürzt er ausser sich zurück – die Treppe hinab – ohne mich zu sehen, obwol ich eben erst aus dem Banket-saal trat, wo ich mit dem Hausverwalter einige Verabredungen getroffen und ihn in dieser Zeit durch die offene tür beobachtet hatte."
"Ja," rief Lucile – "jetzt erinnere ich mich! Die Anderen hielten es für eine gewöhnliche Galanterie, wie wir sie an Leonce kennen: wir waren nämlich voran gestiegen und schon im unteren Flure, da rief Mademoiselle de la Beaume laut nach Miss Eton, die wir eben vermissten; und in demselben Augenblicke schrie ich laut auf, weil irgend ein Bewohner dieses feuchten Raumes über meinen Fuss schlüpfte. Das hatte Leonce gehört. 'Was ist geschehen?' rief er, die Treppe hinauf stürzend; – 'wo ist Miss Eton?' Sie stand fast erschrocken neben ihm, und er rief nun: 'Lucile, ich erkannte Ihre stimme!' Aber er war so ausser sich, dass wir ihn alle auslachten und ich gleich dachte: weder diese fremde Miss Eton, noch Dein Schrei bringt ihn so ausser Fassung!"
"Ich zögerte an der Treppe, mit den Domestiken sprechend," fuhr Armand fort – "um Margot abzuwarten. Da sie aber so wenig, wie Guiche erschien, trat ich in das Zimmer, in welches sie verschwunden waren; da standen Beide in lebhaftem gespräche, und eben riss Margot ihre Hand los, die, wie es mir schien, Guiche zwischen den seinigen hielt. Die kleine Unvorsichtige war bei meinem Anblicke ganz ausser Fassung; ich gab ihr den Arm und führte sie hinab. Wir schwiegen aber Beide; es schien mir, sie war sehr beschämt; Guiche folgte uns gar nicht und traf erst später bei der Gesellschaft ein. – Von da an ist Leonce aber nicht wieder zu erkennen, und ich muss ihn auffordern, offen mit mir zu reden. Er ist von den Verhältnissen des Grafen Guiche zu gut unterrichtet, als dass er nicht im stand sein sollte, ihn von seinem unvorsichtigen Werben um Margot abzuhalten. Graf Guiche steht nämlich in diesem Augenblicke sehr unangenehm zur Familie d'Aubaine. Margots Bruder ist mit Guiche bei demselben Regimente, das Bussy kommandirt; eine Abteilung dieser garde du corps hat den Dienst in Versailles; eine der tausendfältigen Kleinigkeiten, von denen man angenommen hat, dass sie die Ehre eines Offiziers verletzen, glaubt d'Aubaine von Guiche erfahren zu haben. Diese Dinge dürfen sich nie entkräften, selbst nicht an der innigsten, treuesten Freundschaft; denn in diesem Verhältnisse waren Beide und eben aus Montreal von einem Besuche bei Margots Eltern zurück gekehrt. Es musste also Blut fliessen; und obwol Leonce sich bemühte, sie zu versöhnen, forderte doch d'Aubaine das Duell. Da Vardes sein Sekundant war, ward Leonce der Sekundant von Guiche, und leider ward d'Aubaine gefährlich verwundet. Du kannst Dir den Zorn Deines Onkels denken, wie er die Nachricht von der Gefahr seines einzigen Sohnes bekam, und wie aufgebracht er auf Guiche war, dem er in der Parteilichkeit des Schmerzes allein die Schuld zuschob! Jetzt erholt sich der junge Mann und Leonce sucht Guiche mit dem alten Grafen zu versöhnen; da er den Ersteren sehr liebt und alle Schuld d'Aubaine gibt. Doch hat er selbst, als Sekundant des Gegners, den Zorn Deines Onkels zu erfahren gehabt; obwol ich nicht denken kann, dass dies bei dem alten Herrn einen nachteiligen Einfluss auf unsere Wünsche ausüben wird."