– "Deine Enkelin wird nicht glücklicher werden, als Du! Möchte ich erst sein, wo auch Du nur Ruhe fandest!"
Sie kehrte zu der Alten zurück, die, auf einem niederen Sitze ruhend, ihren Kopf auf die Armlehne von Fennimors Stuhl hatte sinken lassen, und betrachtete das alte, düstere Gesicht, worin der Schlaf Nichts aufheiterte, sondern nur tiefere Linien zog, mit einem kindlichen Anteile, der sie auch bald gewahren liess, dass Emmy nicht den Atem der Gesundheit hatte. Sie kniete nieder und berührte ihre Stirn – kalter Schweiss stand darauf. Jetzt rief sie besorgt ihren Namen. Die Alte fuhr erschrocken in die Höhe und starrte ihren Liebling mit gläsernen Augen an. "Fennimor," sagte sie – "Reginald ruft seine Tochter! Jene sollen kein Recht haben an ihr, Du sollst sie zu mir hierher bringen!" – Sie raffte sich empor; ihre Bewegungen waren immer heftig, gigantisch. Trotz des hohen Alters zeigte sich der starre Sinn, der jede hülfe entbehren wollte.
"Emmy," sagte Elmerice sanft – "Du sprichst es
aus, was ich gedacht! Ich will bei Dir bleiben – Jene sollen kein Recht an mir haben – Fennimors guter Geist hat schon Dein Begehren erfüllt – er trieb mich zu Dir zurück – ich will Dir allein gehören!" –
"So, so!" sagte die Alte, sich besinnend – "Du bist
ja mein Engel!" Doch fühlte Elmerice überrascht, dass sie ihren Arm fasste; – plötzlich brachen ihre Knie, und sie sank ohnmächtig in Fennimors Stuhl. Ausser sich, stürzte Elmerice über sie hin; – sie glaubte, ein plötzlicher Tod habe ihre alte Beschützerin dahin genommen. Doch bald sah sie, dass sie sich noch bewege, und sogleich bemühte sie sich, ihr hülfe zu verschaffen. Sie löste ihre Kleider, sie rieb ihr Schläfe und Pulse und nässte ihre Stirn mit kaltem wasser. Bald erwachte die Alte; aber sie war zu schwach, um sich erheben zu können, und hielt doch Elmerice's Hand fest in der ihrigen, als wolle sie sie verhindern, hülfe herbei zu rufen. Als sie nach einiger Zeit die Sprache wieder erhielt, sagte sie: "Kind, lass uns allein, ich will bei Dir sterben! Lass mich kein Gesicht mehr sehen aus der Welt, die s i e getödtet hat – und halte Du sie Dir auch ab. Morgen bin ich wieder wohl," fuhr sie fort, als sie die Tränen ihres Lieblings sah; – "sei nur getrost, mein Engel, es ist so schön, wenn wir allein sind, da werde ich bald zu Kräften kommen!"
So blieb sie bis gegen Morgen, von Elmerice bewacht, im Lehnstuhle sitzen; ihr Zustand erregte dieser grosse Besorgniss, da ein banges Keuchen eintrat, das den Ausbruch einer neuen Krankheit fürchten liess. Gegen Morgen machte sie den Versuch, von Elmerice geführt, ihr Bett zu erreichen, aber es trat eine neue Ohnmacht ein, die den Rest ihrer Kräfte mitzunehmen schien; denn von da an lag sie in bewusstloser Ruhe.
Elmerice sendete nun Asta zu Veronika, und als diese sogleich mit ihr zurückkehrte, sprach sie gegen diese den Wunsch aus, dass sie den Marquis d'Anville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten möge und der Marquise ihre Entschuldigungen überbringen, da sie Emmy nicht verlassen könne, und deren Ruhe durch Nichts gestört werden dürfe. Zu Allem bereit, beeilte sich Veronika, den Herrschaften aufzuwarten, die sie sämmtlich in der heitersten Laune beim Frühstücke antraf. Die Nachricht, die sie brachte, wurde mit der grössten Teilnahme angehört, und der Marquis gab augenblicklich Befehl, dass ein reitender Bote sich nach dem Kloster aufmache. Dort konnte man den alten Arzt vermuten, und, wenn er schon fort war, über seine weiteren Streifereien Auskunft erhalten.
"Und muss man sich wirklich damit begnügen?" rief die Marquise wehmütig – "kann man dies liebe, uns so nah angehörende Wesen durch Nichts in dieser traurigen Lage unterstützen?"
"Sie wenigstens, teure Marquise," erwiderte Veronika – "Sie wenigstens nicht! Denn die alte Emmy ist in diesem Punkte hartnäckiger, wie irgend ein anderer Mensch. Doch habe ich Hoffnung, dass sie mich ertragen wird, und dann kann ich nicht allein unser liebes fräulein unterstützen, sondern, wenn sie noch ausreichendere hülfe bedarf, auch Sie davon in Kenntniss setzen."
Dies tröstete Lucile in Etwas, da sie schon anfing das lebhafteste Interesse für Elmerice zu empfinden und an dies Zusammenleben eine Hoffnung knüpfte, die seit der Bekanntschaft mit Elmerice sich beiden Ehegatten aufgenötigt hatte.
Die auffallende Aehnlichkeit derselben mit Fennimors Bilde, und die eben so auffallende Liebe der alten, menschenfeindlichen Frau zu Elmerice, hatte die Betrachtung geweckt, wie wenig sie eigentlich von Miss Eton wüssten; wie sie in den Gesprächen der Tante eigentlich nie erfahren, welcher Abkunft sie sei, und stillschweigend angenommen, sie gehöre zu den vielen auswärtigen Freunden der Gräfin, mit denen diese durch Briefwechsel eine stete Verbindung zu erhalten wusste.
Diese unzureichende Auskunft, mussten sie sich gestehen, war nicht absichtlich so gegeben; sie war von Seiten der Tante gewiss nur eine Folge der Voraussetzung, dass sie mehr wüssten; von ihrer Seite jugendlicher Leichtsinn oder Zerstreuteit, welche sie an der Ungekannten nur das Interesse nehmen liess, dass ihr Umgang die geliebte Tante beglückt hatte. Jetzt, wo der