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Verstand verlieren, wenn ich an die Lage des jungen Mädchens denke!"

Ausser sich, drückte er dabei das Billet in seinen Händen und stürzte an das fernste Fenster, um es zu lesen.

Lucile sah ihm einen Augenblick ziemlich erstaunt nach; als sie ihren blick abwendete, sah sie auf Veronika's Gesicht dasselbe Erstaunen ausgedrückt. "So sind die Männer, meine Liebe," sagte sie lächelnd – "immer über das Maass hinaus! Aber das macht die Verehrung für Tante Franziska!"

In demselben Augenblicke erschien der Vikar und die übrigen Gäste, und man begab sich zur Tafel. Doch war Leonce nicht, wie sonst, die Seele der Unterhaltung. In der grössten Unruhe schien er die Dauer der Tafel zu ertragen und bald, nachdem sie aufgehoben war, verliess er die Gesellschaft. – –

Ein Gewitter, welches mit erquickendem Regen den Nachmittag anhielt, verhinderte einen beabsichtigten Besuch in der schönen Abtei Tabor; und nach einer Zerstreuung suchend, machte die alte, unternehmende Prinzessin de la Beaume Allen den Vorschlag, die verschobene Besichtigung des Schlosses zu unternehmen.

Als man, mit Sorgfalt vorschreitend, den Banketsaal erreicht hatte und hier von dem ziemlich bekannten unglücklichen Ereignisse an Ort und Stelle sich teilnehmend unterhalten hatte, zeigte der Marquis d'Anville den Damen an, dass er die mit eisernen Schlössern und Querbalken verwahrte Tür zu den ehemaligen Gemächern der Katarina von Medicis habe wegnehmen lassen, und dass es in ihrer Macht stehe, sie zu betreten.

Alle hielten einen Augenblick inne. Was in ihre Willkür gestellt war, ward nun erst ein Gegenstand ihrer zweifelhaften überlegung, und Lucile, die es veranlasst, durfte als Frau vom haus nicht, wie sie wünschte, entscheiden; da besonders das schöne Gesicht der Gräfin Bussy zu Marmor erblasst war.

Endlich erklärten die Herren, sich teilen zu wollen. Einige wollten die Zimmer betrachten, die ihre Neugier reizten und so leicht erreichbar nun vor ihnen lagen. Andere wollten bei den Damen in dem düsteren Banketsaale bleiben. Lucile bat, sich den Herren anschliessen zu dürfen, die die weitere Forschung wagten, und trat, von ihrem Gemahle, von dem Grafen Bussy und dem Chevalier de Vardes begleitet, vor die verhängnissvolle Tür.

"Nun, Lucile?" fragte der Marquis d'Anville; – denn so leise sie Alle zur tür geschlichen waren, stand doch Lucile mit dem Drücker der Tür in der Hand und wagte nicht einzutreten. "Willst Du Deine kleine Hand als Riegel da vorgeschoben lassen und uns den Mut benehmen, diesen wegzuschieben, wie wir mit jenen eisernen taten, die, von Rost zerfressen, wenig Widerstand leisteten?"

"Gleich," sagte Lucile mit leiser stimme und wendete ihr holdes Gesicht, zwar lächelnd, aber seiner frischen Farbe beraubt, zu ihrem Gemahle – "mir war eben, als hörte ich sprechen!" –

"Dann tritt zurück, mein teures Kind, es greift Dich dennoch an. Die Phantasie rächt sich für Deine kühne Herausforderung!" –

"Nein," sagte Lucile – "sie soll nicht stärker sein, als ich!" – Die Tür öffnete sich, Alle traten in ihren weiten Bogen einund Allen widerfuhr dasselbe: ein an Schrecken grenzendes Erstaunen.

Wir wurden schon ein Mal, an Fennimor's Seite, in dies Geheimzimmer der Königin Katarina geführt, und werden uns an die eigentümliche, finstere Pracht desselben erinnern können. Es war wohl geeignet, wenn das Andenken der grauenvollen Bewohnerin den Geist ergriff, eine Bewegung des Schreckens zu rechtfertigen, da, wo die Spuren ihrer Missetaten noch so vollständig erhalten waren! Aber wie sehr musste sich für Alle der Eindruck steigern, als hinter dem grossen Schreibtische der Königin, der auf weissem Marmor ruhend, vollständig erhalten war, eine wunderschöne, weibliche Gestalt aufgerichtet stand, die, todtenbleich und mit starren Augen auf die Eintretenden blickend, ganz einem schönen geist glich, der in diese unzugänglichen Räume gebannt war. Dazu kam die fremdartige Kleidung, die niederhängenden, glänzenden, braunen Locken, ohne die Entstellung der damaligen Frisur, das schöne Mieder von weisser Seide, mit den kostbaren Juwelen-Spangen, das sich anschmiegende, in reiche Falten niederfallende Kleid, das die Form des Körpers nicht entstellte, der Aermel, der aufgeschnitten hinten über hing und den schönen Arm, die schlanke, weisse Hand entüllte, die auf der Lehne des Stuhles ruhete, während die andere fast krampfhaft in die schwarzen MarmorSchnörkel der Tischeinfassung griff. Dahinter sass, in schweren grauen Damast gekleidet, ein Wesen im höchsten Alter, spukhaft von Ausdruck, das weisse Haar von einer fremdartigen, kleinen Haube kaum bedeckt. Die Spindel und der Faden in der dürren Hand schien versteinert; sie selbst, wie die jugendliche Gestalt, ohne Atem und Leben!

Wir werden begreifen, dass hier ein lautloser Augenblick eintrat, in welchem Niemand etwas Anderes, als anblicken konnte. Doch mit der grösseren Leichtigkeit des Geistes, die den Frauen eigen ist, sich in den Zuständen zurecht findend, war auch Lucile die Erste, die sich dem schönen Wunder nahete. Mit dieser Annäherung schien das Leben in dem reizenden geist wiederzukehren! Die Brust hob sich, ängstlich flog der Atem über die Lippen, und die erste Bewegung war, dass der schöne Kopf mit seiner Lockenfülle sich auf den Busen senkte.

Lucile blieb bei diesen Zeichen einer grossen Gemütsbewegung einen Schritt noch von ihr, besorgt stehen; da erhob sich die Alte und vorschreitend und die Marquise