fühlte sie noch ein Mal die namenlose Grösse ihres Entschlusses; und die heissesten Schmerzen der Jugend – die eines gekränkten und verratenen Herzens – waren hier in der Einsamkeit nicht in demselben Maasse, wie eben vor Veronika, von ihrem edlen weiblichen Stolze behütet; – sie verlangten noch ein Mal ihre ganze herrschaft über dies junge Herz! –
Wir wollen die Minuten nicht zählen, die ihr so vergingen, und denken, dass sie sich schnell genug zu retten wusste, da sie, gegen sich selbst treu und wahr, immer von dem edlen Stolze beseelt ward, dessen Element die Selbstachtung ist.
"Fennimor," sagte sie, sich aufrichtend – "Dich konnte in Deiner hohen, menschlichen Stellung Keiner erreichen, der mit dem Scheine der weltlichen Vorrechte Dich blenden und verschüchtern wollte. Du bliebest, was Du warst – ein erhabenes Vorbild Deiner standhaft behaupteten Rechte! Ich bin Deine Enkelin, und so wahr mir Gott helfe, ich will vor Deinem Andenken nicht erröten müssen!"
Sogleich schrieb sie:
"Euer Gnaden haben, veranlasst durch die Aufforderung der Gräfin d'Aubaine, mich mit der erlaubnis beehrt, Ihnen aufwarten zu dürfen. Indem ich dem Ausdrucke meiner grössten Verehrung für Euer Gnaden, die Versicherung meiner Dankbarkeit hinzufüge, bin ich zu gleicher Zeit genötigt, diese Auszeichnung ablehnen zu müssen, da meine augenblicklichen Verhältnisse mir jede Veränderung meiner Lebensweise verbieten."
"Voll Hochachtung mich empfehlend
Elmerice Eton."
Ein stolzes, mitleidiges Lächeln überflog Elmerice's schönes Gesicht, als sie ihren Namen unterschrieb; und sie ging mit diesem Briefe in der Hand, festen Schrittes zu Veronika zurück, die sie an Emmy's Seite und vertraulicher mit ihr redend fand, als die alte, harte Frau es wohl wenige Wochen früher für möglich gehalten hätte. Auch war ihr eine gewisse Verlegenheit anzumerken, als Elmerice vor ihnen stand. Sie war selbst überrascht, in die gewöhnliche Menschenweise übergegangen zu sein; – ja, es schien ihr vor Elmerice, als habe kein Anderer ein Recht an sie – als sei sie ihr damit zu nahe getreten.
"Nun, nun," sagte sie – "meinem Engel gehört meine Zeit und Alles, was so eine alte Frau von Liebe noch in ihrem Herzen hat. – Ihr seid eine Schwätzerin geworden, Veronika; – und mit Zuhören und Antworten kommt denn so Etwas heraus!"
Gutmütig lächelte diese, wohl verstehend, was in Emmy vorging, und war daher auch zugleich bereit, ihren Besuch zu beendigen, um nicht einen Eindruck hervorzurufen, der ihrem wiederkommen hinderlich würde, was sie Elmerice's wegen, die ihr bedenklich gestimmt erschien, herzlich wünschte.
Aufs neue aber betrübte sie die abschlägliche Antwort ihrer jungen Freundin, als sie die liebenswürdige Ungeduld der Marquise d'Anville sah, die sich bei Lesung des kleinen Billets bald in gutmütige Besorgniss auflöste.
"Meine liebe Veronika," rief sie – "was werden wir nun machen? Das tut nicht gut. Die Antwort ist eben so höflich, als kalt abweisend – sie verdeckt etwas! Meine Tante Franziska wird sehr beunruhigt werden, und wir dürfen, fürchte ich, unsere Bemühungen noch nicht aufgeben."
"Lassen Sie uns warten, bis der alte Arzt kommt," sagte Veronika sinnend. – "Er ist nicht umsonst in so hohem Alter; vielleicht fällt ihm das Rechte ein. Auch hat er den Ungestüm, der oft recht wohltuend Bahn bricht da, wo feinfühlende Menschen lange vergeblich umher gehen."
Die Damen sassen in dem Salon, in welchem man sich zur Mittagstafel versammelte. In diesem Augenblicke trat Leonce ein, und erfreut, Veronika zu sehen, eilte er, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
"Wenn Sie Anderes im Sinne hätten, als Margot zu necken und mich damit zu kränken," rief Lucile – "würde ich Ihnen mein Vertrauen schenken; – aber so" – –
"Versuchen Sie es," erwiderte Leonce freundlich – "ich bin nicht so ganz in e i n e r Richtung verloren, dass ich nicht durch Sie in eine andere übergeführt werden könnte."
"Nun," sagte Lucile – "so will ich es versuchen!" Mit einigen Worten unterrichtete sie ihn von dem Briefe der Gräfin d'Aubaine und von den Schritten, die sie durch Veronika getan hatte. "Doch sehen Sie – das ist das ganze Ergebniss unserer Bemühungen" – fuhr sie fort und reichte ihm das Billet, was ihr Veronika gebracht.
Sie hatte nicht Ursache, ihrem jungen Verwandten über Mangel an Teilnahme zu zürnen. In sprachlosem Erstaunen, schien es, hörte er ihr zu, und lange hielt ihm Lucile das Billet hin, ehe er es nahm. "Weiss Gott," rief die Marquise – "er hat von unserer ganzen Mitteilung Nichts gehört und erwacht j e t z t aus irgend einem Traume!"
"Nein, nein!" rief Leonce, schnell aufstehend – "Sie tun mir Unrecht – ganz Unrecht! Ich bin aufs tiefste von Ihren Mitteilungen bewegt; – ein so junges, schönes, von unserer Tante geliebtes Wesen in unserer Nähe zu wissen und ihr nicht all' die Aufmerksamkeit beweisen zu dürfen, die sie verdient – in zweifelhaften Verhältnissen sie zu denken – unter der Aufsicht einer vielleicht Geisteskranken – es ist unerträglich! ganz unerträglich! Lucile, Sie können nicht wollen, dass ich dabei gleichgültig bleibe. Teure Veronika, helfen Sie uns; – ich könnte den