hätte, liebreich zur Alten gewendet, wusste sie mit ihnen wieder abzuschliessen, um i h r e n Ideenkreis zu erfüllen. Dagegen unterrichtete Emmy sie nach gerade von allen Geheimnissen des Schlossbaues; und so hatte Elmerice durch die ganz verfallenen Hofdamen-Zimmer die geheimen Eingänge kennen gelernt, die nach dem Eudoxienturme und nach den Geheimzimmern der Katarina von Medicis führten. Mit der romantischen Liebhaberei der Jugend suchte sie diese Räume auf und wusste mit Emmy's hülfe wenigstens, den Jahrhunderte alten Staub und Moder in Etwas zu vertreiben, wenn sie auch ihr Zerstörungswerk, in Gesellschaft der Holzwürmer, nicht mehr aufhalten konnte.
Dennoch waren diese Zimmer eine Ausbeute für den nachdenkenden Geist einer jungen, gebildeten person. Die unsterblichen Sänger ihres Vaterlandes begleiteten die stolze, italienische Fürstin überall; ihre Werke standen in prachtvollen Einbänden, die, wie Kästchen von kostbarer Arbeit, die Pergamentblätter bewahrten, in Büchergestellen, die, von unverwüstlichem Zederholze kunstreich geschnitzt, ihre Schätze fest zu halten gewusst hatten. Hier fand Elmerice die zu jener Zeit modernen, damals schon vergessenen, französischen Dichter, die alten Minnesänger, die Provençalen mit ihren reichen, poetischen Schätzen; daneben seltene und wichtige Geschichtsbücher, Schriften staatsrechtlichen Inhalts, eine kleine Anzahl geistlicher Bücher: die Lehren der Jesuiten an Könige und Staatsmänner, päbstliche Breven – Auszüge aus Schriften über ihre hierarchische Wirksamkeit; – und endlich eine im Verhältnisse sehr kleine Anzahl Gebetbücher, alle im geist der damaligen Zeit, mit herrlichen Miniaturen verziert.
Tagelang fand Elmerice hier Beschäftigung, und ihre Kenntniss der italienischen Sprache ward unwillkürlich wieder erweckt. Dazu kam, dass sie sich hier – wenn sie, von der geheimen Unruhe ihres Herzens getrieben, Fennimors Zimmer verlassen wollte – gesicherter fand; denn den Eudoxienturm wagte sie nicht wieder zu betreten, da ein Besuch, der sie bis zum Banketsaale geführt hatte, fast mit ihrer Entdeckung geendigt hätte; indem s i e es war, deren davon eilende Gestalt Leonce damals an seinen Sinnen zweifeln liess. – Emmy war fast immer ihre Begleiterin; sie gewöhnte sich, ihre Spindel mitzunehmen und sass Stunden lang neben ihrem lesenden Liebling und genoss vielleicht noch alles Glück, von dem sie je geträumt hatte. Dadurch ward auch im Ganzen ihre Seele milder, sie verlor ihren starren Willen; ja, sie schien oft zu wünschen, ihre stille, engelgleiche Gefährtin möchte ihr irgend einen Befehl geben, eine Anordnung treffen, der sie sich fügen könne. Aber sie ahnte nicht, wie klein die Wünsche eines Herzens sich zusammen falten, das, in seiner stärksten, jugendlichen Empfindung zurückgedrängt, sich überdies gekränkt und verraten glaubt.
So umsonst schien ihr jeder Besitz – so gleichgültig vor Allem, was i h r davon zu teil ward, dass, was sie empfing, immer ausreichend war und ihre Wünsche und Ansprüche überbot!
Als sie Veronika's Briefchen erhielt, fragte sie Emmy, ob sie wolle, dass sie die gute Alte empfinge; Emmy glaubte einen Wunsch zu erraten und willigte augenblicklich ein.
Wie wenig Veronika auch die Empfindungen der Madame St. Albans teilte, konnte sie doch kaum ihr Erstaunen unterdrücken, als sie die Veränderung wahrnahm, die hier vorgegangen; denn obwol Veronika seit Fennimors Todtenfeier nie mehr das Schloss betreten hatte, so kannte sie doch durch ihren alten ärztlichen Freund die bisher hier herrschende Einrichtung hinreichend.
"Ja, ja, Veronika, die Zeit hat Euch nicht verschont," sagte Emmy, von ihrer Spindel aufblikkend; – "ich kann es bezeugen, Ihr blühtet wie Eine! Mein Engel sagte oft, Ihr wäret ein wahres Röschen; – und sie hatte doch an sich den Maassstab, was dazu gehörte, denke ich!"
"Nun, Emmy, was tut es?" rief Veronika heiter – "mir ist mein Alter bequemer, wie meine Jugend! Ich hatte ein Hasenherz in der Brust und fürchtete mich vor jedem dreisten Blicke, dass ich in die Wälder hätte rennen mögen! Jetzt, Emmy, lässt mir mein weisses Haar schon Ruhe. 'Da kommt die alte Veronika,' höre ich sagen; man grüsst und dankt und nimmt von mir, ohne mich dabei zu beäugeln. Da bin ich meinerseits viel freundlicher und redseliger, und mir ist damit eine Bürde von den Schultern."
"Soll wohl sein!" erwiderte Emmy; – "und lang ist es auch, dass wir uns nicht sahen! Ihr habt damals Viel für meinen Engel getan – und zuletzt die kleinen weissen Glieder in den Sarg gelegt – ich danke Euch dafür, Veronika!"
Selbst mochte sie fühlen, wie verspätet dieser Dank nachkam; denn prüfend blickte sie zu Veronika auf und suchte, weiter sprechend, ihre Gedanken zu erraten. "Ein später Dank, nicht?" fuhr sie fast freundlich fort. "Nun, Jeder hat seine Art – und Emmy's Art wird nicht Vieler Art sein!" –
"Doch jetzt lebt Ihr auf, Emmy, und unser liebes fräulein gibt Euch dazu Veranlassung. Nun, das ist schön! Euch ist eine Herzenserquickung wohl zu gönnen!"
Mit diesen Worten verliess sie Emmy, welche ihr wohlgefällig nachsah, und setzte sich zu Elmerice, die sie noch ein Mal herzlich begrüsste.
"Eine rechte Herzenssehnsucht hatte ich nach Ihnen, mein liebes Kind," sagte Veronika; – "aber ich weiss wohl, wie es hier steht; man darf nicht viele Versuche machen; – doch, hoffe ich, geht es Ihnen gut."