jetzt, da gäbe ich viel darum, ich könnte einen blick in die alten Gemächer tun. Denn, sehen Sie, die junge Schönheit, die Sie dort gesehen haben, an der hängt mein Herz, und ihre Lage will mir gar nicht gefallen." –
"Ist es möglich! Sie kennen Miss Eton – für die wir heute Morgen von Tante Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung, sie aus ihrer Einsamkeit zu ziehen?" –
"Ja, meine lieben Damen, ich kenne sie; – und wer sie kennt, wird sie nie vergessen!" Dann erzählte sie ihnen, was wir bereits wissen, und verschwieg ihnen auch nicht die wunderbare Aehnlichkeit mit Fennimor, welche eben die leidenschaftliche Zuneigung der alten Mistress Gray erregt habe.
"Aber," sagte die Marquise – "wie machen wir es nur, um Miss Eton den Brief zuzustellen? Müssen wir warten, bis der alte Arzt zurückgekehrt ist, oder können wir ihn der kleinen Asta anvertrauen?"
"Beides ginge wohl," erwiderte Veronica; – "aber Anderes habe ich seit lange beschlossen, und diese Veranlassung soll es zur Ausführung bringen. Wollen Sie mir den Brief an Miss Eton anvertrauen, so will ich versuchen, ihn selbst zu übergeben."
"Wirklich?" riefen Beide überrascht; – "und glauben Sie Eintritt zu erlangen?" –
"Ich werde durch Asta Miss Eton schriftlich darum bitten, sie besuchen zu dürfen; – und fast glaube ich, die Alte wird mich nicht zurückweisen, wenn Miss Eton es für passend hält, meinen Besuch zu wünschen." –
"Das gebe denn Gott!" rief Margot – "und, liebste Veronika – sehen Sie sich Alles recht genau an; behalten Sie sich Alles, was Sie sehen, und erzählen Sie es uns dann recht genau wieder. Sie glauben nicht, welch Verlangen ich nach diesen Geschichten habe; sie stören oft meine Nachtruhe!"
"Ach," lachte die alte Veronika schelmisch – "die Nachtruhe wird wohl durch das Getreibe dort nicht in Aufruhr kommen! Ich habe so allerlei gehört, mein kleines, schönes fräulein, was mir dazu einen anderen Schlüssel gibt. Nun, werden Sie nur nicht so glühend rot, mein Liebchen – es hilft Ihnen doch nichts und es ist zum Freien und Gefreitwerden eine schöne Zeit. Sehen Sie nur, wie prächtig meine Orangen blühen! Weiss Gott, ich schneide Ihnen die schönsten Zweige heraus, wenn Sie mit dem lieben jungen Marquis herunter kommen und sagen: 'wo hast Du nun Deinen Kranz?'"
Lucile lachte ausgelassen; doch Margot winkte der Alten ungeduldig, zu schweigen, und rief dann Gott und Menschen zu Zeugen ihrer Unschuld. – Da war jedoch Niemand, der ihr glaubte, und sie schalt nun liebkosend die alte Veronika, die mit Lucile fortfuhr, sie auszulachen. Elmerice führte indessen ihr Schwermut nährendes Leben mit der ergebenen Schwärmerei fort, die fast von ihrer Gefährtin verlangt und auch durch die wunderliche Situation unterstützt ward. Seit dem Tage, wo wir sie mit Emmy auf dem Wege zu dem Eudoxienturme verliessen, hatte sich ihre schwermütige Ansicht des Lebens und ihre Abneigung, in die Welt zurück zu kehren, noch erhöht. Nachdem sie Fennimors Bild gesehen, überraschte ihr eigenes Spiegelbild sie mit der Aehnlichkeit, und sie weigerte sich von da an nicht mehr, sich für die Enkelin der gekränkten Gräfin Crecy zu halten; aber zugleich hörte sie, dass die unrechtmässigen Erben gekommen seien, das Eigentum ihres Vaters in Besitz zu nehmen. – Und als sie die verhängnissvollen Namen erfuhr, flehte sie Emmy aufs Neue an, sie nicht in diese Ansprüche hinein zu ziehen, sondern sie zu schützen und zu verbergen, damit auch jede Berührung mit jenen Bewohnern unmöglich werde.
Doch hatte sich ihr Spielraum im schloss erweitert. Der Eudoxienturm ward ihr Lieblingsaufentalt. Zur Nacht, wenn gegenüber in dem anderen Flügel des Schlosses die Lichter angezündet wurden, schlich sie an Emmy's Seite auf den kleinen Altan, der von hier in den Hof sah, und blickte in die erleuchteten Räume, in denen sie nach gerade die Verwandten der Gräfin d'Aubaine aus ihrem Betragen zu einander, kennen und unterscheiden lernte. Ach, welche Schmerzen sog sie ein; – wie verfolgte sie besonders das junge, schöne und glückliche Mädchen, das Margot d'Aubaine sein musste; – und wie hielt sie die, ihr durch den Brief der Gräfin Franziska verratenen Wünsche der Familie bereits erfüllt, wenn sie die zärtliche Aufmerksamkeit sah, die ihr von ihrem jungen Vetter Leonce zu teil ward! Sie dachte an Leitmorin, an den Kreis ihrer jungen Freunde, und wie sie damals, wie Margot jetzt, der Gegenstand der Liebe Aller war. Dann kam sie sich alt und von der ganzen Welt verlassen vor und gelobte sich, für das teure Wesen zu leben, das sie mit so uneigennütziger Liebe umfing. Wenn dann die Lichter erloschen, und die geselligen Räume wieder in Dunkel gehüllt waren, blieben Elmerice's Augen noch lange darauf ruhen und schienen immer noch zu sehen, was sich dort eben bewegt hatte!
Mit unermüdlicher Geduld sass ihr Emmy Gray die langen, schweigsamen Stunden gegenüber. Für sie war das Anblicken ihres Lieblings die süsseste Unterhaltung; – und Jahre lang von jeder Mitteilung entwöhnt, hatte sie das Wort nicht mehr nötig. Aber Elmerice liess ihren Empfindungen nie so eigennützig Raum, dass sie die Zustände Anderer darüber aus den Augen verloren