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Margot vor diesem Blicke, dessen Ursprung sie mädchenhaft zu erraten schien, sich zuweilen zu flüchten suchte, als könne sie ihn nicht mehr ertragen; und als ob sie dann nur bei Leonce Zuflucht fände, so eilte sie zu ihm, der sie immer schon zu erwarten schien. Besonders aber hatte eine unbedeutende Veranlassung die Gefühle des jungen Guiche so sehr verraten, dass Margot seitdem vor ihm floh, um jede weitere Veranlassung zu vermeiden. Eine Flucht wilder Tauben hatte nämlich die Reiter auf einem Waldwege beinah überfallen, und Margot, die den Zug anführte, war in den ersten Schwarm gekommen und fast von ihnen bedeckt. Ganz ausser sich, Alles vor sich niederrennend und stossend, war Guiche in diesem Augenblicke, wo er sie bedroht hielt, an ihre Seite gestürmt. Er hatte ihren Vornamen mit Accenten einer leidenschaft genannt, die von Niemandem wieder vergessen wurden; fand aber zu seiner grossen Verwirrung ein ganz ruhiges Pferd und eine, nur durch seine Heftigkeit, bestürzte Reiterin, die ihn kalt zurückwies und jede Gefahr abläugnete.

So standen die Verhältnisse, als eines Morgens ein Bote aus Ardoise einen Brief an die Marquise d'Anville brachte, in welchem sich eine Einlage mit der Adresse: "an Miss Elmerice Eton," befand. Die Tante schrieb der Marquise auf das zärtlichste und liebevollste und bat sie, diesen Brief an ihre junge Freundin Miss Eton abzugeben, von der sie so eben höre, dass sie sich in Ste. Roche bei Mistress Gray befinde. "Ich sage Dir nicht, was ich wünsche," fuhr dieser liebenswürdige Brief fort; "denn ich weiss, was meine Lucile nach Empfang dieser Nachricht tun wird; ich wünsche Dir bloss Glück zu der Dir und mir gleich unerwarteten gelegenheit, meine liebenswürdige, junge Freundin kennen zu lernen, und wünsche und hoffe, dass Du ihr die schwermütige Einsamkeit, mit der sie eine Pietät gegen die alte, ihr wunderbar ergebene Frau zu erfüllen denkt, in Etwas durch Dein Hinzutreten erleichterst."

Unbeschreiblich war der jubel, mit dem Lucile, den Brief in der Hand, zu ihrem Gemahle lief. "Jetzt, jetzt, mein Lieber, habe ich den Schlüssel zu Emmy's Heiligtume! Jetzt ist mein Geist erklärtjetzt kenne ich den schlafenden Engel in Emmy's GemacheElmerice Eton ist es, an die ich einen Brief von Tante Franziska in Händen halte!"

Nach einigen Erklärungen teilte der Marquis die Freude über die gute Nachricht und begann mit Lucile Pläne zu entwerfen, wie man sich Elmerice nähern sollte.

Lucile stimmte endlich ein, sich mit Margot nach dem Frühstücke zu Veronika zu begeben und von ihr den Weg zu erforschen, diesen Brief in die hände der jungen Dame zu bringen; bis dies geschehen und die Antwort erfolgt sei, wollten sie den Uebrigen ihre Entdeckung verschweigen.

Es gab nichts Lieblicheres, als die junge Marquise bei Veronika einkehren zu sehen. Dem Alter gegenüber, entäusserte sie sich all ihrer Vorrechte und war wie ein liebenswürdiges Kind, das, aus der Schule kommend, die Grossmutter umschwärmt. Dagegen erschwerte Veronika ihr diese Hingebung auch nicht durch eine frostige oder ironische Zurückhaltung, die so oft, bloss aus Hochmut und Ungeschick zusammengesetzt, geringere Frauen zu den vielen Missgriffen verleitet, die es den höheren Ständen mit Recht verleiden, ihren Umgang zu suchen; da sie durch solche Manieren, mit anscheinender Uebergehung ihrer menschlichen Verdienste, immer an die Aeusserlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden, und um so mehr, da einem solchen Benehmen die leicht durchblickende, hochmütige Versicherung zum grund liegt, dass man seine Rechte durch freundliches Entgegenkommen beeinträchtigt fürchte und sich glaube entbehren zu können, wenn nicht von der anderen Seite Alles zuerst geschehe.

Veronika hatte, den höheren Ständen gegenüber, die Naivität eines edlen Naturells, und ihr war in diesem, wie in jedem anderen stand, Jeder lieb, der etwas Rechtes war; und sie sah keinen Grund, ihr Wohlwollen zurückzuhalten, weil es zufällig einen Adligen traf.

So hatte sie auch mit Lucile und Margot eine Art mütterliches Liebhaben und innige Freude an Beider schönem Naturell. Sie hatte schon gelernt, ihnen eine Freude zu machen; und wenn man durch die Blumenbeete ging, sah man kleine Mützen von weissem Papiere sich auf den schlanken Stengeln schaukeln, und Rose und Nelke, oder sonst eine zarte Blume, mussten ihre Reize schonen, bis die lieben Damen vom schloss kamen. Dann führte Veronika sie vor die Beete und nahm den Blumen höflich ihre Mützchen ab; und wenn sie ihr schönes Köpfchen, von der Sonnenglut unversehrt, hervorstreckten, klopften die jungen Frauen vor Freude in die hände, und Veronika schnitt sie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel Sträusse davon.

Heute sass Jede schon mit ihrem Strauss in der Hand in der kühlen Halle vor Veronika und beeiferte sich, von den lieben Gästen zu erzählen, und Veronika begleitete ihre Erzählung mit Ausrufungen, fragen und wohlgefälligem Nicken ihres kleinen, weissen Kopfes.

Jetzt erzählte ihr die Marquise von ihrem Besuche bei Emmy Gray. "Auch Ihnen, liebe Mademoiselle Veronika, habe ich meine Sünde verborgen; denn wie musste ich Ihnen vollends vorkommen, die Sie von allen solchen Torheiten frei sind."

"Ach," lächelte Veronika – "das hat Alles seine Zeit, liebe Marquise! Ich bin alt geworden mit den Dingen dort, und Geheimnisse sind es so eigentlich für mich nicht; – aber irgend wie und wo regt sich in uns Allen einmal die Neugier! Zum Beispiel