auf dem Altan – eine stille, horchende Beobachterin; – und die jungen Leute kauerten unten so eingeschüchtert, dass sie ihren Atem zu fürchten schienen.
"Es ist gewiss, dass von Aussen und zwar unter diesem Balkon das Geräusch sich hören liess," hob jetzt Mademoiselle de la Beaume mit einer sehr lauten und ernsten stimme an. "Aber ich sehe ein, dass ich nicht berufen bin, diesem Geheimnisse nachzuspüren; nur das Eine mag man sich nicht einbilden, dass man mich durch Gespensterfurcht von der Wahrheit ablenken kann; – kein überirdisches, sondern ein sehr irdisches Geräusch von Menschen drang an mein Ohr. Komm'," fuhr sie, wahrscheinlich gegen ihre betende Kammerfrau, fort – "ich bin dieser Scene überdrüssig!"
Die Türen fielen zu. Beide junge Leute atmeten auf; Margot brach jedoch in Tränen aus und rang die hände. "Ich bin verloren," rief sie – "es ist klar, dass sie dort oben Alles gesehen und gehört hat – ihre Strafrede war an mich gerichtet! – O, wie unglücklich bin ich durch Ihren unbesonnenen Streich!"
"Fassen Sie sich, Margot!" rief Leonce, besorgt und bekümmert über den Schmerz des guten Kindes. – "Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, dass Ihr Ruf darunter nicht leiden soll! Ich weiss, dass Mademoiselle de la Beaume ein edles, gütiges Wesen ist; ich eile morgen, ehe wir uns versammeln, zu ihr, und entdecke ihr unser wahres verhältnis."
"Nein, nein," rief Margot weinend – "um Gotteswillen nicht! Ehe mein Vater Alles weiss – ehe er einwilligt und mir vergiebt, darf Niemand darum wissen." –
"Nun, so müssen wir das ungerechte Misstrauen eine kurze Zeit tragen! – Jetzt zum Hauptzwecke meiner kühnen Tat! Ihr Bruder ist von seiner Wunde fast genesen; an ihn, wie an Ihren Vater habe ich geschrieben, und von Ersterem gestern eine völlig genügende Antwort erhalten; er selbst ist auf dem Wege nach Montreal, um Ihrem Vater die Ursache des Duelles selbst zu erzählen und der Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf sich zu nehmen; – dann, hoffe ich, werden meine Gründe Eingang finden und dann" – –
"Gehen Sie, Leonce," rief Margot ängstlich, die hände vorsteckend; denn sie schien seine schnellen Manieren zu fürchten – "ich höre Ihnen schon viel zu lange zu."
"Aber," sagte er neckend – "Sie haben nun doch gerade so lange zugehört, um Alles zu erfahren, was Sie selbst gern wissen wollten. Adio, Mühmchen, jetzt hoffe ich, trocknen Sie Ihre Tränen und träumen von Ihrem Vetter – oder" –
"Fort, fort! Kein Wort mehr!" rief Margot, sprang in ihr Zimmer hinein und schloss, da Leonce im Nu verschwunden war, vorsichtig die Fensterflügel. –
Wer zur Sommerzeit auf dem land, in einem Kreise liebenswürdiger Menschen, begünstigt von äusseren Annehmlichkeiten, eine kurze Zeit zubrachte, wird wissen, dass Jahre in der Stadt, mit denselben Menschen verlebt, nicht so zu nähern vermögen, als einige solcher ländlichen Wochen.
Es war, als ob von Allen sich die Hemmungen ablösten, die sich nach und nach in den geselligen Zuständen der Stadt ankünsteln. Der Schlepprock und der Fächer wich dem bequemen Kleide, welches der Promenade, dem Fahren und Reiten und auch dem vorkommenden leichten Sprunge, oder dem geschickten Rennen günstiger war, und der Sonnenhut ersetzte den Fächer, um die Hand frei zu lassen für die kleinen Spiele des Federballes oder der seidenen Reifenschnur. – Die Herren hatten keine Uniformen, keine Orden mehr; der leichte seidene Rock zeigte nur bei Tafel Stickerei und den stählernen Galanteriedegen.
Und wie diese äusseren Pallisaden nach und nach verschwanden, so trat auch Geist und Gefühl ohne Reifrock in natürlicherer Grazie hervor – und die glückliche Mischung der Gesellschaft gab ein ungemein angenehmes Zusammensein.
Dennoch fühlten Margot und Leonce mitunter den scharfen blick von Mademoiselle de la Beaume; ja, selbst die höfliche und bestimmte Weise, mit der sie das unter der Dienerschaft verbreitete Gerücht einer nächtlichen Störung von sich abwies, entielt für Beide die demütigende Gewissheit, dass das fräulein ihrer Sache sicher zu sein glaubte und sie zu schonen dachte.
Dies trübte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot, die – ein Gegenstand von drei gleich eifrigen Bewunderern – sonst ein ganz heiteres Leben führte. Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet, Leonce in Atem zu halten, wenn er darauf bedacht war, ihnen den Rang abzulaufen; denn der Chevalier de Vardes war, ungeachtet eines fast hässlichen, von den Pocken verdorbenen Gesichtes, doch in hohem Grade liebenswürdig durch Witz, Heiterkeit und tausend kleine, gesellige Geschicklichkeiten und, wie es schien, von Margot's schönen Augen bezaubert. Gefährlicher aber noch erschien der junge Graf Guiche. Er war seiner Schwester sehr ähnlich, und Beide hätten, ohne Ausstellung der Kritik, für das schöne Geschwisterpaar der alten Götterwelt gelten können. Aber der junge Guiche besass auch die belebende Schönheit des Geistes und eine würdevolle Ruhe des Karakters, die mit seiner plastischen Schönheit aus einem Gusse schien. Er war nicht, wie Vardes, der haschende, flatternde Schmetterling, der die Blume ewig neckend umspielt – er erinnerte an den Sonnenstrahl, von dem Leonce gescherzt, der ruhig und in gleicher Wärme auf der Knospe ruht, sehnsüchtig ihre geschlossenen Blätter betrachtend.
Es war, als ob