Tafel bestiegen die Herren ihre Pferde, und die Damen besuchten mit gehörigem Gefolge die Gastzimmer, um eine letzte Uebersicht zu halten und die ihnen nachgetragenen Blumenvasen nach ihrer Anordnung aufstellen zu lassen.
"Begreifst Du den Zustand, in den Leonce geriet, wie er das Bild von Fennimor erblickte?" fragte Margot ihre Cousine, als sie, auf einen Balkon tretend, sich niederliessen, während in den Zimmern ihre Befehle ausgeführt wurden.
Ein rascher, fast neckender blick aus Lucile's Augen traf Margot, die plötzlich errötend, ihr Gesicht nach dem geöffneten Zimmer wendete.
"Nun," sagte Lucile – "was weiter – er ist empfänglich für weibliche Schönheit; und – gestehen wir es nur – diese Fennimor schlägt Alles nieder, was an uns selbst in diesem Fache zu loben sein möchte. Doch trösten wir uns, mein Mühmchen, Bilder sollen uns nicht gefährlich werden!"
"Davon ist auch nicht die Rede," sagte Margot ziemlich ernst. "Du müsstest ein seltsames Gemüt haben, wenn Armand sogar Deine Eifersucht erregte. Ich denke, Fennimor könnte leben, und Deine Ruhe würde an ihrer Seite doch unangefochten bleiben."
Lucile lächelte mit inniger Befriedigung. "So ist es, meine holde, kleine Weisheit – und Du hast gut Schlüsse machen, da er selbst Deinen schönen Augen gegenüber den standhaften Prinzen machte."
"Lass' den Spott, Lucile," sagte Margot – "wir wollen ein wenig vernünftig reden. Ich gestehe Dir, Leonce gefällt mir nicht – es f e h l t ihm Etwas – glaube mir, ich habe ihn schärfer beobachtet, als Ihr Alle!"
"So!" sagte Lucile lachend. "Ein seltsames Geschäft für ein junges fräulein von achtzehn Jahren! Solche Beobachtungen sind, wenn sie scharf sind, leicht gefährlicher natur. Was fangen wir an, wenn Du mit so bedenklichen Dingen Dich beschäftigst?"
"Du willst nicht vernünftig sein, Lucile, und ich wäre es so gern einmal. Leonce flösst mir den grössten Anteil ein; aber ich fühle, dass ich ihm nicht helfen kann; und da ich sehe, dass Ihr Alle taub und blind seid, so wollte ich Dich darauf aufmerksam machen – vielleicht, dass Armand durch liebevolle fragen ihm zu hülfe kommen könnte!"
"Vielleicht," lächelte Lucile – "dass Du selbst ihm durch einige liebevolle fragen zu hülfe kommen könntest, auf die er Dir gewiss die Antwort nicht schuldig bleiben würde. Genug! Du hast Deine Absicht, mein besonderes Interesse für ihn zu wecken, nicht verfehlt; doch so leichtsinnig, wie Du glaubst, waren weder Armand, noch ich. Auch wir sind einig, dass ihm Etwas fehlt, auch wir finden, dass er verändert ist; aber wir finden zugleich, dass wir ihm nicht geben können, was ihm fehlt, und haben längst beschlossen, ihn Dir zu überantworten. Da Du ihn nun so scharf beobachtet hast, so zweifle ich nicht, eine liebevolle Frage Deinerseits wird Dir sein ganzes Vertrauen erwerben."
"Und Du?" rief Margot, bis unter den Scheitel erglühend, indem sie, ungeduldig mit dem fuss stampfend, aufsprang – "D u bist heute nicht zu einem vernünftigen Worte tauglich! Ich habe Alles vergeblich an Dich verschwendet und stehe wie ein albernes Kind vor Dir und muss Deine ausgelassene Laune ertragen, als hättest Du Recht!" –
"Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten, werden Sie den Reisezug der Herrschaften durch das Tal kommen sehen." sprach der Haushofmeister, sich am Eingange der tür zeigend.
Sogleich folgte man der Anweisung, und mehrere Reisewagen, von einigen Herren zu Pferde begleitet, zeigten sich den erfreuten Damen.
Noch ein Mal durchliefen sie die Zimmerreihe, die nun, so viel dies in den Gemächern von Ste. Roche möglich war, ein ansprechendes Ansehen gewonnen hatten, und eilten dann hinab, ihre Gäste zu empfangen.
Heloise von Guiche, die jetzige Gräfin Bussy, war mit Lucile in demselben Kloster erzogen worden, und später hatten sie zu gleicher Zeit ihren Platz als Ehrendamen der Königin erhalten. Oft verschüchtert von den herrschenden Sitten bei hof, hatten Beide ihren Trost in einander gefunden und Beide schätzten sich mit der ruhigen Zuneigung, die man allein der achtung schuldig wird.
Die blonde, jugendliche Heloise hatte die regelmässige Schönheit, mit der wir nach einigen Augenblikken des Erstaunens fertig werden, wenn wir uns überzeugt haben, dass die Seele, die dahinter lebt, ein eben so regelmässiger Körper ist, der auf der Aussenseite nie eine Veränderung hervorrufen wird, nach der wir doch anfangen uns zu sehnen, wenn wir Zeit behalten, unsere Ansprüche über das Vergnügen der Anschauung hinaus zu richten. Man konnte nichts Vollständigeres sehen, als ihre rein griechische Gesichtslinie, ihr Haar von hochblonder Farbe, ihre bewundernswürdige Hautfarbe und die hohe Gestalt, welche die gewöhnliche weibliche Grösse überragte und, von einer antiken Fülle verschönert, immer an die Statuen erinnerte, denen wir die Bekanntschaft mit der alten Götterwelt verdanken. Dazu kam die plastische Ruhe ihrer Bewegungen, die vorzüglich karakteristisch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderschönen arme und hände hervortrat – genug, sie war eine erstaunenswerte Erscheinung, der man eher einen Tempel zur wohnung, ein Piedestal zum Ruhepunkt angewiesen hätte, als das Gesellschaftszimmer und den Fauteuil. Doch war ihr hierzu Alles anerzogen, was nötig war, und das immer gleiche, verbindliche Lächeln, der Gebrauch, stets leise rieselnd zu sprechen, die grosse gefälligkeit