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"nie sah ich etwas Aehnliches! Ich wollte, wenn sie lebte, zu ihren Füssen liegen! Sie muss, wenn sie gesprochen hat, die Geheimnisse des himmels verraten haben!"

"Aber," rief Lucile – "sie lebt! Ich sah sie! Ich bitte Dich, Armanddenke Dir, dass die, welche ich in Emmy's Bereiche sah, lebt; dass sie vielleicht eine VerwandteGott, dass sie vielleicht Fennimors Verwandte ist! Ich bitte Dich, lass uns daran denken, der Alten näher zu kommen; sie muss uns den Eintritt gestattensie darf sich uns nicht länger entziehen!"

"Nein, teure Lucile, lass uns in unserem Eifer nicht zu weit gehen! Ihr könnt mir den Widerstand, den ich, so lange wir hier sind, Eurem Andringen entgegen setzte, nicht als Eigensinn auslegen. Es ist die Heiligkeit des gegebenen Wortes, die mich fest sein lässt! Die unanrührbare Stellung, die mein Oheim dieser armen, gekränkten Seele auch nach seinem tod zu sichern suchte, war von dem vielen Unglücke, das er verschuldet hatte, das einzige, was in seiner Macht lag, versöhnend zu gestalten. Es war ihm gleich, was aus allen seinen Besitztümern ward; aber Emmy's Lage zu sichern, mit allen Launen, mit allen Anforderungen und Torheiten, die sich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden konnten, dazu schien ihm keine Instruktion bindend, ausreichend genug; – und wenn er Alles schriftlich und gerichtlich bestätiget hatte, nahm er doch auf eine rührende und mir unvergessliche Art mich dann noch persönlich in Anspruch, und ich musste immer wieder aufs Neue ihm das Versprechen geben, sie wie ein Heiligtum zu ehren."

"Ach, das wollen wir ja eben!" rief Lucile. "Ich will sie ehren, als stände sie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie!" –

"Vergiss nicht, meine Teure, dass wir sie nicht nach unserer Weise beglücken oder ehren können! Bedenke, nach dem, was Du weisst, die notwendige Gestaltung ihres Karakters! – Als ich nach dem tod des Grafen Leonin ihr zuerst unter meinem Namen ihre Revenüen auszahlen liess, schrieb ich ihr in englischer Sprache, der einzigen, die sie liest, ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes an seine Mutter. Ich bat sie, mir zu gestatten, dass ich ihr ausreichendere Pflege senden dürfe; ich bat sie, ihr einen Besuch machen zu dürfen! Alles verfehlte jedoch seinen Zweck. 'Ich will von Euch Allen Nichts, als ungestörte Ruhe, und dass Niemand meine Rechte in diesem schloss anrührt!' Dies stand kaum leserlich auf einem alten, vergelbten Blatte, das mein Bote mir zurück brachte. Kinder waren dabei die Mittelspersonen gewesen; Niemand hatte Emmy selbst zu sehen bekommen."

"Beruhige Dich," fuhr er fort, sich Lucile nahend, die sichtlich durch diese Rede beschämt und verlegen war. "Dein kleines Vergehen, das überdies so spurlos vorüber ging, quält mein Gewissen nicht und belastet Dich weniger, da ich mich vielleicht niemals so ausreichend über meine Verpflichtungen aussprach."

"Nun," sagte Margot – "es ist immer gut, dass Ihr es tatet; denn ich gestehe, dass ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte, wegen Eures ungestümen Widerstandes, wie wir am Tage nach der Erscheinung am Fenster, durchaus die Alte besuchen wollten."

"Gewiss verdiene ich auch Ihre Verzeihung" – erwiderte Armand. "Uebrigens wird es Sie freuen, zu hören, dass mir eine andere Aussicht eröffnet ist."

"etwa in dem liebenswürdigen, alten Vikaroder in Veronika?" rief Lucile. –

"Sie stehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Gray; ich sprach mit Beiden darüber. Die einzige person, die sie zuweilen sieht, ist ein sehr alter Arzt, dessen tüchtigen charakter mir die beiden edlen Geschwister sehr loben, und von dem sie glauben, dass er selbst Neigung habe, mich kennen zu lernen. Ich würde ihn schon gesehen haben; aber er hat das Physikat des ganzen Kreises, und ein wichtiges Geschäft rief ihn gerade an dem Tage, wo er sich hatte bei mir anmelden lassen, zu einem fernen Krankenhause der soeurs grises, in welchem sich bedenkliche Symptome gezeigt haben sollen. Doch entielt sein Brief eine ziemlich bestimmte Aufforderung, seine Rückkehr abzuwarten." –

Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt tröstete die Damen über ihre kühneren, durch Armand's Festigkeit vereitelten Pläne, und jetzt gewannen sie erst Augen für den Eudoxien-Turm.

Wir kennen dessen Ausstattung. Fennimor's Sorgfalt hatte zuerst den Zerstörungen der Zeit entgegengewirkt, in derselben Weise fuhr Emmy gewissenhaft in seiner Pflege fort, und so war hier Viel zu betrachten; denn auch der Harfion ruhete in einem Chorstuhle von geschnitztem Holze, und das Betpult der armen Eudoxia, was, von der Zeit gerüttelt, kaum noch wagerecht stand, war dennoch von jeder Spur der Vernachlässigung frei und lange den wehmütigen Blikken Aller ausgesetzt.

Doch entdeckten sie von hier keinen Ausgang weiter, und man trat den Rückweg an, aufs neue lebhaft von dem Wunsche ergriffen, Emmy in ihrer eigensinnigen und jetzt so geheimnissvollen Einsamkeit nahen zu dürfen.

Zur Zeit der Tafel kam der voraneilende Courier des Grafen von Bussy und meldete die Annäherung der Herrschaften, und die geschickten Diener des Marquis d'Anville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gastzimmer. Nach der