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uns allen heimlich ersehnt!"

Schon rief Margot: "Ich bin an der Tür, und sie ist nur angelehnt!"

Armand hielt Lucile einen Augenblick zurück. Sein Herz trieb ihn, ihr im Geheim ein liebevoll tröstendes Wort zu sagen. Leonce eilte daher an ihnen vorüber, und trat hinter Margot in das Eudoxien-Gemach.

Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht lange. Ueberrascht blickten sie auf Leonce, der, aus dem Zimmer zurück auf den Marquis zustürzend, diesen mit Heftigkeit am arme ergriff. "Armand," rief er, während Todtenblässe und hohe Röte sein schönes Gesicht abwechselnd überlief – "Armand, was kann das sein? Sieihr Bild!" – Er stammelte, er war gänzlich ausser Fassung.

"Was ist geschehen?" rief Armand erschrocken – "was kann Dich so überraschen?"

"O kommt dochkommt doch!" tönte Margots helle stimme aus dem Gemache. Schon flog Lucile der Richtung entgegen. Als sie die Tür aufstiess, stand Margot ganz vertieft in den Anblick eines lebensgrossen, weiblichen Bildes, und als Lucile davor hintrat, stiess sie mit einem Schreie der Ueberraschung die Worte aus: "Heiliger Gott, das ist sie!"

"Ja, in Wahrheit," rief Armand, der schon hinter ihr stand; – "das ist das Bild Fennimors! Zwar nicht dasselbe, was mein Oheim bei sich hatte; aber dennoch ihr treues, unverkennbares Abbild!"

"Und das meiner Schlafenden!" rief Lucile. – "Ja, ja, ich täusche mich nichtes gleicht ihr Zug für Zug; und gewiss sind die Augen mit den langen, schwarzen Wimpern, die ich geschlossen sah, so tief blau, wie diese! Ja," wendete sie sich zu Leonce, der, atemlos ihr zuhörend, dennoch Zeit gehabt hatte, sich zu fassen – "ich begreife Ihr Erstaunen! Auch ich glaubte, die lebende Fennimor käme mir entgegen, als ich hier eintrat."

"Nicht wahr," sagte Leonce zerstreut – "es kann selbst starke Nerven erschüttern? Sehen Sie hierdamit wir ausser Zweifel sinddiese Unterschrift: Fennimor Lester, vermählte Gräfin Crecy-Chabannegemalt im Jahre der Gnade 1670 von Eustace Lesüeur."

"Das ist also das zweite Bild, was er malte, welches wahrscheinlich Emmy Gray für sich zurück behielt. Ihr werdet Euch dessen erinnern," fuhr Armand fort – "Graf Leonin sagte mir immer, es habe die grösste Mühe gekostet, nur Eins von den Bildern zu erhalten, die Lesüeur damals machte; und erst, als er seinen Wunsch aussprach, einen Grabstein darnach anfertigen zu lassen, willigte Emmy Gray ein, oder liess sich vielmehr das eine, ihr minder liebe Bild wegnehmen."

Während dieser Worte betrachteten Alle das wundervolle Bild des unsterblichen Lesüeur. Jeder entdeckte neue Vorzüge; Jeder fühlte, es sei mit Liebe und Begeisterung bis in die kleinsten Einzelnheiten ausgeführt worden.

Fennimor war in einem weissen, gewässerten Moorkleide gemalt, welches über Schultern und Brust mit Agraffen von bunten Steinen befestigt war. Sie sass auf der von Eichenholz künstlich geschnittenen Bank, die zu dem dazu passenden Lesepulte gehörte, welches, zur linken Seite geschoben, mit Fennimor in Verbindung stand; denn ihre eine schlanke, weisse Hand ruhte darauf und auf dem kleinen Andachtsbuche, worauf man Worte las, die es als das neue Testament bezeichneten. Sie selbst schien sich nur eben davon weggewendet zu haben und sah, en face genommen, ganz aus dem Bilde heraus, mit einer so wunderbar anziehenden Stellung des Kopfes, dass Jeder fühlte, das habe der Maler nicht erfundendie natur habe es ihm vorgemacht. Ihre tiefen, blauen Augen blickten mit einem ernsten, begeisterten Feuer; der volle, kindliche Mund, der die schönste Bogenlinie bildete, war so gut und überredend halb geöffnet, dass er erst den Ausdruck der Augen vollständig erklärte; darüber die feine Nase, die wie von Marmor gemeisselt, und ohne dem lieblich runden gesicht seinen kindlichen Zuschnitt zu benehmen, dennoch ein reines, griechisches Vorbild war. Aber die braunen Locken! Man konnte erkennen, dass sie Lesüeur zur Verzweiflung gebracht hatten. Man hätte glauben können, er habe sie endlich mit Gold übermalt und dann bloss die Schatten hinein gesetzt; sie glänzten wirklich, und die Wellenlinien, die ihre zarte Stirn umgaben, hatten erkennbare, feine goldene Linien. Und dieser Engelskopf ruhte ahnungslos über dem schönsten Körper! Dieser vorgebogene, schlanke Hals, wie fein war er auf den Schultern angesetztwie sorglos hielt die Spange die Falten, die über dem Latze die feinen Formen umhüllten! Keine üppige Fülleeine Psyche, die auf den eben entfalteten Flügeln noch den zarten Blütenstaub trägt, den selbst Zephir sich zu berühren scheut!

Auf einem kleinen Fussschemel stand ihr linker Fuss ziemlich hoch, so dass die Bewegung des Oberleibes wie darüber hinausgebogen erschien, was ihr einen bezaubernden Ausdruck von kindlicher Naivität gab. – In ihrem Schoosse lagen Rosen, als habe sie dieselben im Kleide gesammelt, und die rechte Hand mit dem reizenden arme, der unter dem Robenärmel vorsah, hielt oder stützte sich auf ein fremdartiges Instrument, das man auf alten Bildern in den Händen der Engel wohl als kleine Harfen sieht. Dieses ruhete in den Falten des lang niederfallenden, reichen, seidenen Gewandes; – und der Hintergrund schien der Purpursammet einer Tapete.

"Ach," rief Margot