's, nur als von ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten, trieb mich am anderen Morgen früh aus meinem Bette, und ich wandelte hinaus – ich glaube fast, schon in der Absicht, in Emmy's wohnung einzudringen. Durch Gebüsche mich durchdrängend, stehe ich vor dem kleinen Eingangsturme – und diese mir als verschlossen und verrammelt geschilderte wohnung liegt plötzlich mit geöffneten Türen vor meinen Augen."
"Sagt, war es nicht verzeihlich, dass ich eintrat? Ach, ich habe nur einen allgemeinen Eindruck erfahren; Einzelheiten kann ich Euch nicht anführen; mein Herz, meine Sinne waren in der Erwartung gespannt, Emmy jeden Augenblick begegnen zu können. Nur so viel weiss ich, ich durchwandelte fürstlich eingerichtete Räume – alle im frischesten Glanze – das Ganze, wie zum Feste, mit blühenden Blumen geschmückt – ein Paradies – oder vielmehr ein würdiger Raum, sich Fennimor gegenwärtig zu denken. Da sah ich endlich Emmy Gray." –
"Wie," riefen Alle, "Du sahst sie?" –
"Ja, aber s i e m i c h n i c h t ! In tiefem Schlafe ruhete sie in einem Lehnstuhle vor einem grossen prachtvollen Bette. Diese in Alter und finsterem Gram erstarrten Züge konnten nur Emmy Gray gehören! Aber wen bewachte sie in diesem Bette? Gott," fuhr sie fort, indem sich ihre Augen füllten – "Armand, Du hast uns Fennimor so genau beschrieben, Du sahest ihr schönes Bild so oft bei Deinem armen Oheim, ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefasst, dass ich kaum den lauten Schrei bezwang, wie ich in dem grünen Damastzelte des Bettes Fennimors schlafendes Engelsbild erblickte." –
"Lebend? Einen lebenden Gegenstand?" riefen Alle. –
"Ja, lebend! – Wenn die reinste Farbe, die der gesunde Schlaf auf unsere Wangen malt – wenn das Lächeln des halb geschlossenen Mundes – wenn der leichte Kinderatem, der jugendlich ihren Busen hob; – wenn dies anders Lebenszeichen sind! – Dabei der braune Lockenschmuck – die schmale, weisse Hand, die Du gerühmt; – ach, Armand," rief Lucile, in seinen Armen sich verbergend – "es war Fennimor! Denn wen – wen würde Emmy Gray sonst bewachen, wie Wärterinnen an der Wiege des geliebten Kindes wachen?"
"sonderbar – unbegreiflich!" riefen Lucile's Anverwandte. Sie hatte von Niemandem Spott zu fürchten – Alle teilten ihre Bewegung.
"Aber weiter – weiter!" rief Armand, nun die tiefe ungewöhnliche Bewegung, die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt, erklärt findend. "Sag', geliebte Lucile, geschah Dir auch nichts?" – Sie an seinem Herzen haltend, konnte er sich kaum überzeugen, dass sie ohne Schaden davon gekommen sei.
"Ich weiss nicht," fuhr Lucile fort, das bewegte Gesicht erhebend – "wie lange ich, in dem schönen Anblicke verloren, so vor der Schlummernden stand. Da hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Höhe, und obwol sie nicht erwachte, ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zurück. – Vergebt mir, dass ich es Euch verschwiegen," setzte sie, fast flehend zu Armand emporblickend, hinzu. "Oft habe ich es versucht; aber ich war beschämt über mich selbst, ich wollte Eure gute Meinung nicht verlieren, ich wollte besonders mich nicht Euren Neckereien aussetzen."
"Da nehmen Sie den Vorwurf hin!" sagte Margot zu Leonce. "Ihre Neckereien sind es, die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verführt haben; ich hoffe, Sie bereuen!"
"Mehr, wie Sie denken!" erwiderte Leonce, ernster, als der Vorwurf es verdiente. "Glauben Sie mir, teure Lucile, ich unterliege, wie Sie, dem Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner begebenheiten, die Armand uns so lebhaft vorgetragen. Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust ein unaussprechliches Gefühl von sehnsucht und Schmerz erweckt. In solcher Stimmung übertreibt man leicht, wenn man nicht einzugestehen wagt, dass man ernster ist, als die günstigsten Umstände es rechtfertigen; darum verzeiht mir Alle!"
"Nun," lachte Margot – "hier ist ein förmliches Beichtesitzen – eine Demut – ein Abbitten; – nur mein Bekenntniss fehlt noch, dass ich eben so oft weinte, wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen liess."
"Es scheint mir, wir haben Alle Ursache, unsere Gäste willkommen zu heissen;" hob jetzt Armand freundlich an; – "ich habe mit meiner Erzählung Euch Allen den frohen Lebensmut getrübt! Unter unbefangenen Freunden, denen wir als Wirte unsere Aufmerksamkeit schenken müssen, werden wir alle unsere eigne natur wiederfinden."
"Nun hat Armand auch eine Sünde gegen uns gebeichtet," rief Margot. – "Wir sind also Alle schuldig, und ich fange hiermit an und vergebe Allen!"
Freundlich blickte Jeder auf das reizende, feurige Mädchen, die, um sich den Blicken zu entziehen, durch die wilde Vegetation hindurch drang, die, über den Rand der Gallerie sich schleichend, nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte.
Mechanisch folgten ihr die Andern, und plötzlich die Lage erkennend, rief Leonce: "Wissen Sie, meine Damen, dass wir vor dem Eudoxien-Turm stehen?"
"Das habe ich gedacht," entgegnete Lucile. – "Lasst uns denn näher gehen – sein Anblick wird doch von