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Armand und Lucile und musste nun ihr glühendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben.

"Kommen Sie, Margot," rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm – "wir verständigen, alten Leute gehen vorandiese jungen Spötter mögen uns folgen."

So durchzog man erst den anmutigen, kleinen Burggarten, der unter den Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brüstung untermauert war, an deren fuss sich die schönen, grünen Waldwege anschlossen, die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem, saftigem Waldmoose bedeckt waren. Dieser Platz, den sie heute zuerst besucht hatten, ward für würdig erkannt, auch den Gästen zur Frühstücksstunde zu dienen, da er Schatten und Kühlung versprach. Dann wandelte man durch die bewohnten Gemächer, um die Haupttreppe zu erreichen, die in die oberen Zimmer führte, welche über denselben lagen.

Hier, auf dem alten, mit Marmor-Statuen geschmückten Treppenflure blieben Alle, überrascht von ihren Erinnerungen an d'Anvilles Erzählung, stehen; und die Nacht, in der die beiden unglücklichen Brüder zu einer so fürchterlichen Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen, stand Allen so lebhaft vor Augen, dass sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt.

"Nein," rief d'Anville – "mein Herz wird nicht eher ruhig schlagen, bis diesem armen, edlen Reginald Recht geschehen ist!"

"Und," setzte Lucile mit dem lieblichen Ernste ihrer plötzlich erblassten Wangen hinzu – "meiner heiligen, herrlichen Tante Fennimor! O, Armand, ich buhle mit ihrem Schatten, der diese Räume heiligt, um die Gunst ihrer Liebe; – ich will, sie soll mich gern als ihre Verwandte anerkennen!"

"Vielleicht segnet sie unsere Absichten," sagte Armand; und unwillkürlich hing Lucile's Arm in dem ihres Gemahls; – und Margot war so erschüttert, dass sie sich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe unterstützen liess, weil sie ihren ganzen Streit mit ihm vergessen hatte.

"Die Zimmer über den unsrigen sollen von den verschiedenen Besitzern stets im wohnlichen stand gehalten sein," erzählte Armand – "in ihnen müssen wir unsere Einrichtungen treffen."

"Und berühren wir damit den Bankettsaal?" fragte Lucile. –

"Nein, dieser teil des Schlosses bleibt uns links, wir wenden uns auf dem oberen Treppensaale rechts."

Sie fanden hier eine altertümliche, aber reiche Ausstellung von vielen, wohl an einander hängenden Gemächern, und Leonce, der beständig die Chronik und den alten Plan des Schlosses studirte, sagte ihnen, dies seien die Gesandten-Zimmer. Katarina von Medicis habe sie noch mit ihren kostbaren, vergoldeten Ledertapeten, zum Empfange der polnischen Magnaten einrichten lassen, die sie dort in der Stille für ihre Sache zu gewinnen suchte.

"Wir werden doch wohl mit diesen Zimmern ausreichen?" fragte Armand Leonce.

"Nun, wie viel Gäste erwartest Du denn?" sagte Lucile. –

"Ich höre, es werden sich einige Freunde des jungen Ehepaares in seinem Gefolge befinden, und ich habe Alle hierher eingeladen; denn ich hoffe, wir fesseln sie so eine Zeit lang an unser altes Geisterschloss."

"Und wie ich hoffe, Leonce," sagte Lucile – "befindet sich unter ihnen auch Ihr junger, feuriger Freund, der Sie so überaus empfindsam stimmt, und den Sie uns jetzt doch nennen werden?"

"Nein, nein, liebe Lucile, das soll Ihrem Scharfsinne überlassen bleiben; ich verrate ihn nicht und will Acht geben, wer von Ihnen beiden, ob Sieoder meine kleine Muhme Margot ihn zuerst erraten wird." –

"Sein Sie sicher, dass ich Ihre Freunde nicht zum gegenstand meines Nachdenkens machen werdeam wenigsten aber begierig bin, diesen empfindsamen Jüngling kennen zu lernen!" Mit diesen lebhaften Worten rannte Margot schnell aus der Nähe ihrer Freunde, welche sie erst vor einer Portrait-Statue auf dem Treppensaale wiederfanden. Sie schauderte zusammen, als man sie anredete, und wies mit unverholener Bangigkeit auf die kühne, drohende Gestalt, vor der sie stand. "Es ist Spinola," sagte sie, kaum hörbar.

Alle teilten ihre Ansicht; und hingerissen von den Erinnerungen, die hier überall ihren Schauplatz fanden, trat bei Jedem der Wunsch hervor, dennoch die verhängnissvollen Gemächer zu betreten, wo ihrer so viel Grauen Erregendes wartete, und Lucile bestätigte ihren früheren Ausspruch: Sie habe nichts dagegen, sich ein wenig zu grauen, wenn sie dabei recht gesichert wäreund so schien Margot auch zu denken. Doch nahm sie abermals und, wie es dies Mal schien, ohne alle Zerstreuung den Arm ihres bösen Vetters Leonce an.

Es war gewiss ein erschütternder Eindruck, diesen alten verfallenen Saal zu betreten, der seit der letzten gerichtlichen Untersuchung verschlossen gewesen war. Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefühlt, hier die Spuren des Vorgefallenen, die früher sogar erhalten werden mussten, zu vertilgen; – und der Marquis und Leonce bereueten fast, von eigener Neugier verführt, den Damen so viel zugemutet zu haben. Da standen gegen den Kamin die beiden Lehnstühle, der eine mit Kissen bedeckt, deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken fast verdeckt wardund daneben das schrillende Tischchen von getriebenem Kupfer, mit der wunderlich eingelegten Platte. – Beide Damen standen mit unterbrochenem Atem davor; selbst die Männer blickten mit Ernst und Grauen auf diese verhängnissvollen Plätze; doch Leonce, der zugleich wünschte, die erblassten Damen wegzuführen, eilte