kommen ins Gedränge, wo die natur ihre Rollen gewechselt zu haben scheint. Die Damen sind offenbar die Stärkeren, und Leonce sieht aus, als wolle er unterliegen."
"Ja gewiss," rief Lucile – "hier ist Niemand artig, als ich a l l e i n , was Du wahrscheinlich vorher zu bemerken vergassest. Es ist ein schweres Geschäft, so grosse, so widerspenstige Kinder in Ordnung zu halten; aber ich muss mich daran geben, denn, kommt Margot so zu ihrer Mutter zurück, wird die gute Gräfin d'Aubaine glauben, ich habe meine ganze Solidität verloren, und man wird bedenken, ob man vorsichtig genug in der Wahl meines Gatten war."
Armand nahm hier die leichte, weisse Hand gefangen, die während dieser mit Patos gehaltenen Rede beschäftigt war, die verschiedenen Gegenstände des Frühstückes, welche das reich besetzte Tischchen bedeckten, in Umlauf zu bringen. "Und am Ende," sagte er, sie küssend – "schickst Du mich fort, damit Deine Erziehung nicht durch schlechtes Beispiel leidet."
"Und am Ende," wiederholte sie, im Begriffe zu scherzen; aber gegen ihren mit Ehrfurcht geliebten Gatten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten, brach sie plötzlich ab und rief: "ich fange mein strenges Regiment mit Ihnen an, Leonce – ich erkläre Ihre Chokolade noch zu heiss, um sie jetzt schon hinunterzustürzen; – sie wird sich warm halten bis Sie uns endlich vertraut haben, was wir Ihnen aufs neue vergeben müssen."
"Ach," rief Leonce – "denken Sie weniger an mich – obwol ich dieses herrliche Waldhuhn gern erst zerlegt hätte; aber gönnen Sie unserer armen, kleinen Margot das stille Vergnügen, ohne Gemütsbewegung den zarten Brei von Erdbeeren, Brod und Milch und einigen zwanzig, kleinen Zutaten dieser vor ihr aufgepflanzten Büchsen, zu verspeisen – dann fange ich an – sogleich! sogleich!"
Das göttliche Vorrecht der Jugend, über Nichts zu lachen, ergriff Alle, bis auf die Verspottete. Sie war mit ihrer gewöhnlichen Diät junger Mädchen, die vor Fleisch und dessen Erscheinungen, wie vor den Gebräuchen wilder Völker, zurückbeben und ihren kleinen, heissen Magen unter der engen Schnürbrust mit Milch, Obst und Confituren baden, ein immerwährender Gegenstand für Leonce's Spöttereien und führte nicht selten, um ihm zu trotzen, auf ihrem Teller die wunderlichsten Gesellschaften sich widerstreitender Nahrungsmittel zusammen.
Nachdem der angenehme, kleine Lachschauer vorüber war, erklärte Margot, diese neue, grausame Spötterei habe ihr gänzlich ihre schöne Morgenspeise verleidet; Leonce könne daher anfangen, wenn anders seine wilden Gebräuche, die unschuldigen Tiere des Waldes zu verschlingen, ihm dazu Raum gäben.
"Ach ja," rief Leonce – "es sei so! Denn ehe die Beklommenheit des Herzens nicht aufgehört hat, eher wird der Segen eines guten Frühstücks nicht an mir in Erfüllung gehen. Ich habe einen Freund," rief er mit Patos und zog einen Brief hervor. "W i e ich zu diesem Glücke kam, wird vielleicht nicht besonders schmeichelhaft für meine Eitelkeit sein. Jetzt ist vors Erste unsere Verbindung die allerfeurigste der Welt – wo ich nicht bin, ist ihm die Erde eine erkaltete Leiche, ein ausgebrannter Krater – mein Atem belebt den seinigen – mein Auge ist der Stern, der ihm die Nacht des Lebens erhellt – mein Lächeln ist der Sonnenschein, der alle Keime seines Wesens grünend und blühend hervorruft – der Ton meiner stimme ist die Melodie, die er wiederklingen fühlt durch alle saiten seiner Brust – meine Gedanken ergänzen die seinigen – meine Neigungen passen zu seinem charakter – mein Herz, so weich, so kühl dabei, wie Sie es alle kennen, stärkt und erquickt das seinige, was leidenschaftlich von besonderem Feuer belebt wird – ach, ich muss inne halten! Wo gäbe es eine Sprache, um eine leidenschaft zu bezeichnen, die nach langer, spröder Dürre, plötzlich dem gefundenen Ideal gegenüber, in ihrer vollen Stärke hervorbricht." –
Ein lautes Gelächter aller seiner Zuhörer unterbrach hier den mutwilligen Spötter, und nur mit Mühe unterdrückte er seine Neigung, darin einzustimmen.
"Ach," fuhr er fort – "findet denn Nichts hier Anklang, was, aus der Welt der Ideale hernieder gestiegen, Glauben verlangt an ein höheres Bedürfniss? Sind diese Wunder der Seelenverwandtschaft, die keinen höheren Nachweis fordern, als ihr geisterhaftes erscheinen vor uns – sind sie Ihnen denn alle fremd? – Lucile, gefühlvolle Gattin – und Ehrendame der Königin, hat Ihr Herz nie diesen Takt geschlagen? – Armand, Kämmerer des Reichs – Marquis aus den zeiten Artur's und der Tafelrunde – ging die Welt der Seligkeit, die in einem Dir ganz gehörenden Freunde schon Homer's und Pindar's Gesänge verherrlichen, an Dir ungekannt vorüber? – Und Sie, Margot – voll Jugend und Unschuld – eine schöne Knospe, um die alle Blätter, zur Vollkommenheit entwikkelt, sich eifersüchtig über dem süssen Dufte gewölbt haben, der darin sein Aroma bereitet – ahnt Ihnen nicht wenigstens der verhängnissvolle Augenblick, wo sie überlistet von ihrem Vetter – oder – um in der Bildersprache dieser schönen Gedankenoperation fortzufahren – wo – sage ich also – ein Sonnenstrahl Sie so lange bescheinen wird, bis Sie aufblühen – und der göttliche Duft so schwärmerischer Liebe oder Freundschaft, als mein Freund für mich fühlt, die Luft durchdringen wird?"
"Nein, nein, Leonce," rief hier Margot, sich durch das allgemeine Gelächter