die verwerfliche Bahn einzulenken, die unser armer Oheim verführt ward, zu betreten."
"Das stand auf Deiner Stirn, Armand," sagte Lucile, ihre Tränen völlig trocknend. "Auch kam ich nicht in der Meinung, ich könne Dir das Rechte erst durch meine Bitten entdecken helfen. Ich wollte – ich hatte den Austausch unserer Gedanken so nötig; mein Herz will mir zerspringen, wenn ich an das Schicksal dieser Fennimor denke – dieses unglücklichen Reginald. – Ich habe ein Gefühl, als könne diese wunde Stelle in unserer Brust – dieser Flecken auf unserem Wappenschilde nicht eher verschwinden, als bis wir dies Erbe den rechtmässigen Besitzern übergeben haben."
"Sieh' hier, Lucile!" rief der Marquis jetzt, und zog sie gegen den Schreibtisch; – "und möge dieser Brief, den ich noch heute Abend zu beschliessen denke, Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Träume mit der grossmütigen Hoffnung füllen, dass Du Reginald wieder findest und ihm die reichste Erbschaft des Landes ausliefern kannst."
Lucile hörte in freudiger Bewegung, als Armand sie in einen Lehnstuhl gesetzt hatte, was er seit ihrer Trennung geschrieben:
"An Lord Duncan-Leitmorin."
"Euer Herrlichkeit haben wiederholte und dringende Aufforderungen zur Mitwirkung meiner jahrelangen Bemühungen, um die Auffindung Ihres Freundes Reginald de Ste. Roche, stets unbeantwortet gelassen; und ich habe lange geglaubt, dass meine Briefe an Euer Gnaden verloren gingen, oder Ihre möglichen, längeren Abwesenheiten von Leitmorin sie nicht in Ihre hände lieferten. Obwol meine Nachforschungen dadurch nicht gänzlich gehemmt wurden, und ich sie in allen Richtungen fortsetzen liess, knüpfte ich doch immer im Geheimen meine grösste Hoffnung an Sie, als dessen Freund; – und – erlauben Sie mir, es hinzuzusetzen – ich verdiente von Euer Herrlichkeit eine weniger misstrauische Aufnahme!"
"Sollten meine Hoffnungen, dass dieser, mein unglücklicher Verwandter sich nach England flüchtete und in Ihrer Nähe lebt, oder Sie Kenntniss seines Aufentaltes haben, sich erfüllen, so fordere ich Sie im Namen der Menschheit auf, Ihr ungerechtes Misstrauen gegen mich aufzugeben und mir beizustehen, um eine späte, aber immer gleich heilige Gerechtigkeit gegen meinen unglücklichen, verfolgten Verwandten ausüben zu können. Ich bin in Ste. Roche und werde hier Ihre Antwort abwarten, indem ich mich der Couriere bediene, diesen Brief in Ihre hände zu liefern." –
Lucile erhob sich mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Stille und Verehrung in ihren Zügen. Sie beugte sich ein wenig gegen ihren Gemahl vor – sie öffnete die Lippen, als wollte sie reden – dann schwieg sie schüchtern, küsste sanft seine hohe, helle Stirn und sagte endlich ganz leise: "Armand, ich liebe Dich!"
"Lucile!" rief er entzückt, als habe er es zuerst gehört – und vielleicht hatte das erste Mal sein Herz nicht mit höherer, andächtigerer Wonne erfüllt! "Meine teure Lucile," rief Leonce am anderen Morgen, als man sich in dem kleinen Burggarten, der an der anderen Seite des Schlosses und an den jetzt bewohnten Gemächern lag, zum Frühstücke versammelt hatte – "ich muss um Gnade bitten; denn ich bin auf Ihre Unkosten liebenswürdig gewesen."
"Ich glaube, das ist am Ende eine von Ihren seltenen und dann superfeinen Galanterien," rief Lucile. "In welchem Reichtume von Liebenswürdigkeit müssen wir uns befinden, wenn Sie darauf Gebrauchsanweisungen schreiben; – und nicht allein die Quantität, sondern die Qualität muss es ausserdem sein, die sie an Ihren eigenen Schätzen vorübergehen lässt. Ah, Armand, wir sind mit Deinem Bruder zufrieden!"
"Dann gebe nur Gott, dass Sie es auch bleiben," lachte Leonce; – "denn Ihre Gunst hat mich noch nie länger, als eine Sekunde vor dem Anfange unserer diversen Unterhandlungen beglückt." –
"Aber Sie, mein teurer Widersacher, unterliessen auch stets, Ihre Unterhandlungen, wie heute, mit einer einflussreichen, kleinen Schmeichelei zu beginnen! Selten fühle ich mich daher so sanft, so hingebend, so geneigt, Alles allerliebst zu finden, was Euer Liebden in weiser Herablassung geneigt sein werden, vorzutragen."
"Nun, m i c h dispensire nur vom Zuhören!" rief Margot und stand mit zwei luftigen Springen auf dem rand einer alten, marmornen Treppe, die terrassenartig in den Wald führte, der dem Burggarten gegenüber lag.
"Nein," rief Leonce und setzte der flüchtigen Gestalt eben so gewandt nach – "Sie dürfen nicht entwischen; denn auch Sie sind bei meiner Verhandlung mit Lucile eben so beteiligt, wie diese; ich habe auch Ihre Gnade in Anspruch zu nehmen."
"Gott, was ist geschehen?" rief Margot, mit erheucheltem Erschrecken; – "wie tief muss Leonce sich verschuldet haben, wenn er sogar meine Gnade gebraucht! Ha, Armand, kommen Sie zu unserm Schutze herbei; – er hat uns an Räuber verkauft – ihn gereut eine Verschwörung, die er angezettelt – ich fürchte Alles! das Schrecklichste, Entsetzlichste, Abscheulichste, da er meine Gnade anruft!"
"O," rief Leonce, mit ein wenig dreister Heiterkeit Margot in die Augen blickend; "was gäbe ich darum, wenn ich wüsste, ob Sie mich um das, was ich getan, abscheulich und entsetzlich finden werden!"
"Hier ist immer Einer unartiger, wie der Andere!" rief Armand, sehr ergötzt durch seine jungen Freunde. "Wen soll ich hier schützen? Meine Ritterpflichten