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Sommernacht unterbrochen, führte sie mit grosser Energie und mit Lebendigkeit des Geistes ihre Erzählung bis zu ihrem Ende fort, und legte damit in die junge Brust ihrer Zuhörerin einen Schatz von Lebensansichten und Erfahrungen, die, nur auf traurige Tatsachen gestützt, uns in diesem zarten Alter den Wert das Daseins zu rauben scheinen.

Elmerice hatte Mühe, sich aus ihrer schmerzlichen Aufregung heraus zu reissen. Ach, wie war mit dem gesunkenen Wunsche, diese mit Verbrechen bezeichneten Ansprüche geltend zu machen, auch der Mut, ihren Besitz zu erlangen, verschwunden, wenn ihr auch eine ahnende stimme sagte, ihr Vater sei dieser edle und verfolgte Jüngling Reginald. Zugleich fühlte sie eine tiefe kindliche Scheu, nach seinem tod, vielleicht gegen seinen Wunsch, in diese verhängnissvollen Geheimnisse seiner Jugend eingedrungen zu sein; und sie gestand Emmy auch diese angeregten Empfindungen und das innige Verlangen, so traurige, verfolgte und mit Verbrechen bedeckte Ansprüche nicht aus ihrem Dunkel hervor zu ziehen, da sie nicht zweifeln dürfe, ihr Vater würde dies gemissbilligt haben; es würde ihn beleidigen, seine Tochter Rechten nachjagen zu sehen, von denen er verwiesen ward.

Emmy hörte ihr still und sinnend zu. Sie überlegte in ihrem geist, ob Fennimor, die in blick und Ton zu ihr redete, auch so gedacht haben würde; und als Fennimors andächtiges Pflichtgefühl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte, seufzte sie und schwieg, und ein breiter Schatten von Schwermut deckte ihr erregtes Antlitz.

Da erfasste Elmerice den Augenblick, der armen, aufs Neue gekränkten Freundin Fennimors ihre eigene geschichte mitzuteilen; und von dem tiefen und verstehenden Gefühle der Alten hingerissen, von der wunderbaren Situation, die sie fast der Welt entrückt zu haben schien, sicher gemacht, ward ihre Hingebung bei dieser Mitteilung vollständiger, als sie es für möglich gehalten. Wir können uns dies jugendliche, von Weisheit und Liebe geschützte Leben aus den Mitteilungen an die Gräfin d'Aubaine hinreichend vergegenwärtigen und finden uns erst als Zuhörer ein, wo die Erzählung Gegenstände berührt, denen die Gräfin d'Aubaine nicht nachzufragen wagte.

"Nur ich, Emmy," sagte Elmerice, ihre Erzählung fortsetzend – "nur ich habe das ruhige, ungekränkte Leben, das dieser herrliche Vater führte, ein Mal durch meine Schuld unterbrochen; und doch war ich ahnungslos, dass ich ihn kränken würde, und vielleicht jetzt erst begreife ich die ungewöhnliche Strenge, mit der er mir entgegen trat. Denn, wenn Reginald mein Vater war, wie viel Grund hatte er dann, jede Verbindung mit einer stolzen französischen Familie zu hassen und von mir abzuhalten! – Auf dem schloss Leitmorin" – fuhr sie mit bewegter stimme fort – "beständig von Gästen des In- und Auslandes belebt, befand sich einige Monate lang ein junger französischer Edelmann, der erst nur dem Lord Duncan, mit dem seine Familie befreundet war, einen Besuch machen wollte; späterglaube ichward ich Veranlassung, dass seine Abreise sich verzögerte. Meine jungen Freunde, die Kinder des Lord Duncan, sahen mich wie eine Schwester an; ich gehörte zu ihren Beschäftigungen, wie zu ihren Vergnügungen, wir teilten Alles; und ich sah daher den jungen Mann täglich.

Emmy, ich kann mir nicht zürnen, dass ich seine Vorzüge anerkannte! Er besass so viel ausgezeichnete Tugenden, er wusste so Viel, er war so kindlich und gut, so heiterso heiter, Emmybis er von Lord Duncan die gänzliche Abweisung meines Vaters erfuhr. Ich weiss nicht, aber ich glaube fast, sein tadelloses Wesenund dass Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte, hatten mich glauben lassen, die Bewerbung des jungen Mannes werde von meinem Vater günstig aufgenommen werden. Wir waren sicher geworden in dieser Hoffnungund auch ich, Emmy, war damals glücklicher, als jemals später! Dieser Erklärung aber folgte eine schwere, leidenvolle Zeit. Mein Vater war in einem Grade davon erschüttert, dass er mehrere Tage das Zimmer nicht verliess, und meine Mutter Tag und Nacht an seiner Seite wachte. Später bekam Lord Duncan Zutritt. Ach, Emmy, mich wollte er erst gar nicht sehen! Aber der Gedanke seines Zornes hatte so auf mich gewirkt, dass meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt tun konnte; und als sie meinen Zustand dem Vater entüllte, liess er mich augenblicklich zu sich rufen.

Nie werde ich diese Unterredung vergessen! Als er mich so verändert, so aufgelöst in Schmerz, so trostlos bei dem Gedanken sah, ihn gekränkt zu haben, dachte er zuerst nur daran, mir Mut einzusprechen, mich seiner Liebe zu versichern, michund selbst den Jüngling, der um mich warb, schuldlos an dem Schmerze zu erklären, den er empfand. Dann, als ich in seiner Liebe wieder auflebte und zur Besinnung kam, machte er mich mit den Hindernissen bekannt, die unvermeidlich zwischen uns ständen. Emmy, es waren Gründe, die denselben Boden hatten, wie das Elend, das Du in Deiner Erzählung vor mir ausgebreitet hast! Er schilderte mir die Vorurteile der Stände, wie ich sie bis dahin nicht geahnet, und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefühl, indem er mir die nie endende Geringschätzung vorhielt, die ich in einer solchen Familie und in ihrem ganzen Gesellschaftskreise würde erleiden müssen, weil mich Alle durch meine geringere Geburt für unberechtigt halten würden, zu ihnen zu gehören; und wie das entwürdigteste Mitglied jener Kreise, das wir als ausgestossen ansähen und mit unserer Verachtung bezeichneten,