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hinzugeben schien. Sie bewohnte die Zimmer Fennimor's, wie ein Geist, so leise und spurlos und doch so völlig darinnen zu haus und zur Ruhe gekommen! Emmy lag in ihrem grossen Eingangszimmer, wie der Riegel davor. Seitwärts war eine vergessene, verrammelte Küche geöffnet, und Emmy hatte eine erwachsene, weibliche hülfe, die darin tausend Dinge bereiten musste für den Schatz, den sie bewachte. Ihre eigene Erscheinung hatte sich gleichfalls verändert; ihr weisses, starkes Haar ward jeden Tag von Asta sorgsam gekämmt und um die hohe, gefurchte Stirn gescheitelt; darüber wurde dann die saubere, vielfach betollte, kleine weisse Haube gesetzt; ein Kleid von geblümtem Moor, nach längst vergessener Mode, mit steifer Taille und Aermeln, mit feiner Wäsche und feinem gefalteten Halstuche, bekleidete täglich die alte, hagere Frau; und wenn sie auch um ein halbes Jahrhundert zurücktrat, so entbehrte doch ihre Gestalt und ihr ganzes Benehmen nie die Würde eines starken Karakters, wodurch sie gegen jede Lächerlichkeit geschützt blieb. Sie vollführte ihre gewöhnliche Usurpationen der Zeit mit so stolzem Ernst, dass ihr unwillkürlich Jeder einen Grund zu dem, was sie tat, zutraute; und so flösste sie immer eher Erstaunen und Neugier ein, als dass sie Tadel und Spottsucht erregt hätte.

Wenn Elmerice von dieser Gewalt mit fortgerissen ward, war dies doch keine Nachgiebigkeit. Es war Trieb, sehnsucht, mit Emmy in die Vergangenheit einzudringen; sie wollte in ihr den Boden ihrer Heimat ergründen; sie wünschte ihre Berechtigung zu der Stelle, die ihr Emmy anwies, aufzufinden, und bald schien ihr, mit der jugendlichen Ueberspannung, die wir ihr zugestehen müssen, die sonderbare Herbeiführung ihrer Lage der Wille des himmels zu sein, der an ihr die Unbill gut machen wollte, die ihre teure Vorfahrin erlitten. Noch war es jedoch nicht zu den Mitteilungen gekommen, die Emmy ihr versprochen, und die sie darüber hätten aufklären können; denn trotz dem, dass diese ihre Krankheit wie eine lästige Hülle abgeworfen hatte, war ihr eine Abspannung wohl anzumerken, die, nach der ihr neu gewordenen Lebensweise, gerade in den Stunden eintrat, die zu diesen Mitteilungen geeignet waren; und dann ward sie von Elmerice so sorgfältig geschont, dass sie an Emmy selbst fast unbemerkt vorüberging.

Ausserdem eilte Elmerice, ihrem Verhältnisse nach Aussen Gültigkeit zu verschaffen; denn jedenfalls wünschte sie vorerst die arme Alte nicht zu verlassen, und mit diesem Wunsche war eine geheime Hoffnung verknüpft, dass sich aus den Andeutungen, die sie gehört, eine neue Bestimmung für ihr Leben entwickeln werde.

Sie konnte der Gräfin d'Aubaine ihre Anwesenheit in St. Roche nicht länger vorentalten; sie sagte ihr, dass sie Madame St. Albans aus den uns bekannten Gründen hierher begleitet habe und bei ihrem ernstlicheren Erkranken, in die Stelle der Pflegerin bei deren Mutter übergegangen sei. "Dies verhältnis," schrieb sie weiter – "ist jedoch weit entfernt, für mich eine Belästigung zu sein; ja, ich bin kaum noch eine Pflegerin zu nennen, da mich Mistress Gray mit einer geheimnissvollen Liebe überschüttet, deren Grund in ihrem früheren Leben zu suchen ist; mir aber bis jetzt noch unbekannt blieb, da es mit erschütternden begebenheiten zusammenhängen soll. Ihre Liebe räumt mir grosse Vorzüge ein; ich bewohne schöne Räume, und sie nötigt mir Bedürfnisse auf, und hegt und pflegt mich, wie in früheren Tagen einen Liebling ihres Herzens, mit dem sie mich in Zusammenhang hält. Ich fühle mich selbst zu dem wunderbaren, hochbetagten Wesen hingezogen, als gehöre sie auf irgend eine Art zu mir; und die überzeugung, ihr mit meiner augenblicklichen Entfernung einen vielleicht tödtlichen Kummer einzuflössen, lässt mich bitten, dass meine teure Beschützerin mir ihre Einwilligung zu diesem verlängerten Aufentalte gibt, und zugleich die erlaubnis, ihr von dem Verlaufe der hiesigen Verhältnisse Nachricht geben zu dürfen. Ich halte dieselben bis jetzt für vollkommen anständig, da sie mich in ein strenges geheimnis gehüllt haben und mir die grösste Einsamkeit sichern."

Dagegen entielt ihr an Lady Marie Duncan abgesendetes Tagebuch die vollständigste Darlegung des Erlebten; und nun stand ihr nur noch der Abschied von Madame St. Albans bevor, die, jetzt hergestellt, mit Ungestüm ihre Abreise verlangte. Der alte Arzt hielt ihre völlige Genesung auch nur in ihrem eigenen haus, unterstützt von ihren alten Gewohnheiten für möglich; und so kündigte er Elmerice ihren Besuch an, da Mistress Gray kalt in diesen Abschied eingewilligt hatte.

Madame St. Albans kam sehr übler Laune an dem bezeichneten Tage nach dem schloss; denn sie hatte mit dem neuen Prior des Klosters Tabor um die Pachtung unterhandelt, welche sie dem Kloster abzukaufen wünschte. Nachdem sie mit dem verstorbenen Prior einig gewesen war, die Kaufsumme in jährlichen Abzahlungen entrichten zu können, ward sie jetzt von seinem Nachfolger mit dieser Einrichtung abgewiesen, welcher die Kaufsumme auf ein Mal bezahlt verlangte, wodurch sich die Unterhandlung, an die Madame St. Albans so viele Hoffnungen geknüpft, mit einem Male ganz zerschlug.

Ihre schnell umherrollenden Augen fassten bald den veränderten Zustand in diesen einst so düsteren Gemächern auf; und vor Allem überraschte sie die Umwandlung ihrer Mutter, welche, kalt und steif in ihrem Eintrittszimmer sitzend, die Tochter empfing, sehr missbilligend auf Elmerice blickend, die mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit Madame St. Albans entgegen gegangen war und sie neben sich auf dem Ruhebette, einst Asta's Schlafstelle, niedersetzen liess.

"Bitte, bitte, bemühen Sie sich nicht," sagte sie zu Elmerice