Du wirklich bist. Hier reicht der Schwefeldunst der Welt nicht hin, und die Gräuel der Menschen sollen Dich hier nicht erreichen. – Sag', dass Du willst, und ich will Alles vergessen – Nichts denken, als dass Fennimor's hände mir die Augen zudrücken und dann das reiche Erbe, das ich hier gesammelt, in Empfang nehmen werden."
Der alte Arzt nickte Elmerice zu, ihr zu gewähren, und diese konnte aus voller Seele einwilligen; denn mit Zauberbanden fühlte sie sich hier gefesselt, und die Welt schien auf dieser Stelle alle Rechte an sie zu verlieren.
Dies goss Frieden in Emmy's schwer getroffenes Herz; und die kräftige Weise, wie sie sich nun erhob und den Arzt mit sich fort in ihr eigenes Zimmer rief, war ihm eine merkwürdige, fast ärgerliche Wahrnehmung, wie der Geist des Menschen über die Beschwerden des Körpers zu siegen vermag, und ärztliche Ansichten, ihre Mittel, ihre Prophezeihungen, in solchen Augenblicken zu verhöhnen scheint.
Nach einer langen Beratung, in welcher der Arzt die ganze Energie seines Karakters dem eben so unbeugsamen Willen seiner alten Gefährtin entgegen setzte, hatte er die Befriedigung, sie wieder in ihre frühere Mutlosigkeit zurückgedrängt zu haben. Denn was er sich auch selbst vorgenommen haben mochte, Emmy's Wirksamkeit musste er dabei fürchten, da ihr ewig zürnender Patos, einmal in Lauf geraten, so schwer aufzuhalten war, wenn die Umstände, wie dies zu erwarten stand, kein günstiges Resultat zulassen, und das geräuschloseste Zurückziehen dann das Nötigste sein würde.
"Erstlich also," fuhr er fort – "müssen wir wissen, ob sie das wirklich ist, was sie uns jetzt scheint, nämlich die Tochter des verschollenen Reginald."
"Elende, kurzsichtige Zweifel!" murmelte Emmy verächtlich; – "solche Zeugnisse fertigt Gott nicht umsonst aus, wie sie auf ihrem Angesichte trägt – und habe ich es Euch nicht gesagt, dass ich Reginald, als sie ihn mir damals als liebes Kind raubten, das Buch mit dem Namen seiner Mutter in das Gepäck steckte, und dass ich auf meine Frage von ihm hörte, wie sie ihn hatten glauben lassen, es sei der Name seiner Kinderfrau! Aber lügt nur, Ihr Heiden und Heuchler! Wenn Gott will, taucht auf, was Ihr noch so tief versenkt habt – und legt zeugnis gegen Euch ab!"
"Das wird sich ja zeigen," erwiderte der Arzt; – "sie wird doch von ihrer Jugend wissen, sie wird doch sagen können, bei wem wir etwa noch in England nachfragen könnten; selbst die Gräfin d'Aubaine mag Auskunft zu geben wissen."
"O, all dies fremde Volk, was Ihr da hineinmischen wollt," rief Emmy – "wie hasse ich Alle schon im Voraus für den bösen Willen, den sie haben werden! Wenn Ihr denkt, Einer wird Recht sprechen – täuscht Ihr Euch!"
"Nun – und was alsdann?" rief der alte Arzt ihr entgegen. "Sprecht Ihr nicht selbst die Schwierigkeiten aus, die ich erwarte? Und werden sie nicht gerade dadurch noch grösser. dass zuerst, nach so langen Jahren, die Erben des Grafen Leonin hier eingezogen sind?"
So erfuhr denn Emmy mit maasslosem Unwillen die Ankunft des Marquis d'Anville; und wir übergehen billig die Ausbrüche ihres Zornes, da wir uns sehr wohl denken können, wie sie diesen Besuch beurteilen musste, den sie völlig unberechtigt, für einen räuberischen Einbruch in fremdes Eigentum ansah. Dessen ungeachtet wusste ihr endlich der alte Arzt zankend und zürnend klar zu machen, sie müsse sich ruhig verhalten. Ja, er machte sie glauben, dass selbst die Sicherheit ihres Schützlings von der Art abhängen werde, mit der sie sich hier so verborgen, als möglich, halte. Er wolle dagegen, wenn sie ihm nach ihrer Unterredung mit Elmerice noch übereinstimmende Anzeichen geben könne, dann auch das Seinige tun, die Herrschaften zu sondiren. Beim Vikar wolle er dagegen versichern, dass hier Alles gut stehe und sie die Pflege der jungen person angenommen habe.
"Ja," setzte Emmy hinzu – "und macht, dass Ellen wieder wohl wird – und lasst sie dann abreisen; denn sie ist mir hier lästig. Ich mag ihr trockenes Pflichtgeschrei nicht leiden; ich soll ihr das Alles mit Worten bezahlen, und die habe ich nicht übrig!"
Der alte Arzt nickte lachend und beeilte sich, diesen plötzlich so wunderbar umgestalteten Boden zu verlassen.
Was sich jetzt hier im Laufe der Zeit entwickelte, nahm in seinen Erscheinungen nicht an fabelhafter Gestaltung ab, sondern steigerte sich in dem Grade, als Emmy, sich immer mehr ihren Erinnerungen hingebend, sie der Gegenwart aufzunötigen trachtete. Der alte Arzt schlug oft die hände zusammen, wenn er sah, was hier entstand. Aber er hatte nicht die mutwillige Rohheit, das ungewöhnliche Treiben seines nächsten darum zu verspotten, weil es nicht seine eigene Weise war. Er fragte erst nach, ob ihr kein wichtiger Nachteil nachzuweisen sei, und konnte, darüber beruhigt, mit grossmütiger Neugier zusehen, wie verschieden das Bedürfniss der Menschen ist.
Mit wahrem Anteil blickte er aber auf das junge und schöne Wesen, über die sich der Strom dieses phantastischen Treibens so unerwartet ergossen, und die in stiller, sinniger Stimmung diesen Erscheinungen einen Inhalt abgelauscht zu haben schien, der sie zu einer neuen Richtung oder Entwicklung ihres Inneren führte, der sie sich mit Wohlgefallen, mit Berechtigung