während der Nacht gebracht hatte?
Er schüttelte den Kopf, und ungewiss über das Nächste, was sich hier begeben konnte, beschloss er in der Nähe zu bleiben. Mitleidig, wie er unter der rauhen Hülle aber war, eilte er erst zurück zu Asta, die in der Mitte der stube auf den Knieen kauerte, ihr Schürzchen über das Gesicht gedeckt und eifrig ihren Rosenkranz betend.
"Lass' das Geschrei," schalt er, aber dennoch freundlich blickend – "und sei endlich vernünftig! Sie sind gefunden – Beide gesund, wie Vögel im Neste. Lauf nach der Vikarei, und sag', es stände Alles gut; sie hätten nur die Schlafstätte verändert; ich bliebe und brächte ihnen nachher selbst Nachricht."
Asta stand gehorsam auf und zog das Schürzchen von dem verweinten gesicht. "Und – und" – stammelte sie, "es ist ihnen nichts geschehen?"
"Nichts, nichts, mein gutes Kind!" sagte der alte Arzt und strich ihr gutmütig mit rauhem Finger die Locken unter das rote Mützchen; – "sie schlafen, wie die Dächse! Nun fort – fort – hast Du doch Alles dort in Brand gesteckt; – fort! fort! mach' es wieder gut – die Albans schreit sich sonst den Hals ab!"
Fort war Asta, und der Arzt kehrte auf seinen Posten zurück und setzte sich so, dass er Alles, was vorgehen würde, sehen konnte, ohne doch selbst gesehen werden zu können.
Er brauchte nicht lange zu harren; die Sonnenstrahlen erreichten das Fenster; sie fielen bei nicht verschlossenen Läden gerade auf das Bett, und indem sie durch die grünseidenen Vorhänge schienen, erhellten sie blendend das Innere des Bettes mit seinen weissen Kissen und farbigen seidenen Decken.
Dies brach die Augen der Alten; sie erwachte, doch schien es, sie sah im Anfange nichts, sie stöhnte nur, sich aus bequemer Lage vorsichtig aufrichtend. Aber jetzt fasste ihr scharfes Auge die Gegenstände; – wo fand sie sich? Sie schaute einige Augenblicke verstört umher; aber ihr erster blick nach dem Bette – nach der süssen Schläferin, verschönt von der erquickenden Ruhe, weckte ihre Erinnerung. Sie wusste den Inhalt der Nacht, wie uns ein Traumbild bei Tage erscheint, wahr, lebendig, mit allem Zauber des Gefühls nachhaltig uns beglückend, oft gerade um der Möglichkeit Willen, die Wahrheit zu betrügen, die uns oft nicht mehr geben kann, was der Traum uns glaubhaft an einander reihet. Aber hier war der Traum nicht wesenlos verschwunden; hier wollte Wirklichkeit bleiben, was doch nicht wahr sein konnte! Es war vielleicht zu viel für einen Geist, der seit einigen vierzig Jahren nur e i n e Richtung der Gedanken und Gefühle gekannt hatte; er musste straucheln an der Schwelle der Vernunft, wenn sie noch in vollem Rechte anzunehmen war, da wo der Geist mit starkem Willen der ganzen Ordnung der natur entgegentrat, wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer Macht verläugnend, bezwingend, um der einen Richtung zu dienen in abgöttischer Hingebung! Wie gering konnte die Versuchung sein, die hier den Geist gänzlich abzuleiten vermochte – und sie w a r nicht gering! Das zeugnis, wie gross sie war, stahl sich aus den Augen des alten Arztes, der einst Fennimor als junger Mann in diesen Räumen bedient und sich jetzt ungestört in den Anblick der Schlafenden versenkte und von dem Zauber der Erinnerung selbstvergessen überwältigt ward.
Die Alte war indessen auf den Rand des Bettes gerutscht – immer näher – immer näher. Wie seufzte sie so laut und schwer! Dann rang sie die hände und forderte Rat von ihrem überwältigten geist. Emmy – die d e n verwünscht hätte, der ihr die Möglichkeit abgesprochen, den Liebling einst in diesen Räumen noch wiederzusehen – Emmy rang – von der anscheinenden Erfüllung ihres eigensinnigen Glaubens überwältigt – mit dem Einlass dieses Wunders in ihrem Geist.
Der alte Arzt schaute klug dem Kampfe zu; er nickte mit dem kopf und dachte, sie könne es nun allein abmachen, was sie so lange allein verschuldet.
Dazu war Emmy Gray auch stets bereit, und die Weise ihres Verfahrens gehörte ihr gewiss allein – so tief, so unheilbar die ganze Welt zu verachten, um des einen, heiss geliebten Wesens Willen.
Auch hier arbeitete sie sich dahin, wohin sie trachtete. "Was frage ich" – sagte sie wie zürnend zu der Welt, von deren Widerspruche sie sich ahnend verletzt fühlte – "welch' ein Wunder mir zu Gunsten kam? Bist Du es denn nicht in jedem zug – jedem Gliede – bist Du nicht warm, und ist Dein Atem nicht so süss – hast Du nicht die Lippen eben so, wie sie, geöffnet, dass die kleinen Zähne dämmern? Nein, nein, Du bist Fennimor – mein Kind – mein Engelsbild; – und Alles wird nicht wahr sein – das Alter und die Zeit, von der sie schwatzen – die Toren mit ihren Einbildungen!"
Heftig verhüllte sie ihr Gesicht – sie schien in einem neuen, gewaltsamen Kampfe zu liegen. Da erwachte Elmerice über ihr; und auch ihr war die Begebenheit der Nacht so vertraut geblieben, dass sie augenblicklich wieder im vollen Zusammenhange war.
Als die Alte, die Bewegung spürend, sich hastig aufrichtete, sah sie in zwei, liebevoll auf sie blickende, blaue Augen, die ihr eine Gewissheit ihres kühn behaupteten Glückes zu geben schienen, welche ihr zugleich die seligste Freude ward.
"Es