Anblicken aufgelösten, alten Frau.
Beide schwiegen lange. Elmerice schien sich bis in den tiefsten Grund dieser kranken Seele drängen zu wollen. Emmy sog mit langen, durstigen Zügen den Anblick ein, der die öden, verschmachteten Jahre löschen sollte in dem alten Wonnerausche – gefesselt von der geheimen Angst, er werde ihr im nächsten Augenblick entschwunden sein.
Da rollten aus den blauen Augen des holden Wesens grosse Tränen über die bleichen Wangen, und die Alte erbebte vor diesem Zeichen der Sterblichkeit.
"Du weinst," sagte sie; – "weint man denn dort, woher Du kommst, dieselben Tränen?"
"Ach," sagte Elmerice – "woher denkst Du, dass ich komme? In Deinem England, woher ich komme, weint man dieselben Tränen."
Emmy zuckte zusammen und ergriff mit beiden Händen ihre Stirn. "Kann es denn sein?" fragte sie zagend. "O sprich," fuhr sie leise bebend fort – "bist Du mein Herzenskind – der Abgott meines Lebens – bist Du Fennimor?"
"Fennimor? Fennimor hiess meine Grossmutter," rief Elmerice.
"Deine Grossmutter? – Du – Du bist nicht Fennimor?" stöhnte Emmy Gray, – "Bedenke Dich, Kind," rief sie mit halber Geistesverwirrung – "Du hast ihre blauen Augen – das sind ja ihre braunen Locken – ihre runden Kinderwangen – ihre langen, weissen Finger – so trug sie den Kopf halb zur Seite geneigt. Ach, sage doch – gestehe es doch ein – sieh, das sind ja Fennimors Tränen – da schimmern ja ihre kleinen, weissen Zähne! – Du wirst doch nicht nein sagen? Denke doch – denke doch!" Ein lautes, krampfhaftes Schluchzen zerriss Emmy's Brust – sie verhüllte ihr Gesicht.
Elmerice bebte und dachte an Nichts, als an den Trost, den sie mit ihrer Liebe ihr zu geben trachtete, mochte sie ihr auch gelten, für was sie wollte.
"Emmy, Emmy Gray! Ich will Alles sein, was Du willst; – Deine Fennimor – oder ihre Enkelin – ich will Dich lieben, wie Beide! Nur weine nicht mehr – und vertreibe mich nicht von Dir; – lass mich bei Dir – nie will ich von Dir gehen – nur weine nicht; – das bricht mir das Herz."
Die Alte gab den zarten Händen nach, welche die ihrigen wegzogen, und erfasste mit neuem Vertrauen den süssen Wahn, den jeder Zug, jeder Ton des lieblichen Wesens ihr bestätigte.
"Komm, mein Engel!" sagte sie leise – "ich schliess Deine Zimmer auf – Du sollst sehen, wie gut ich sie gehütet habe – da ziehst Du ein – Du, die Herrin dieses Schlosses! Ich will aufstehen und Dir Dein Bettchen machen – es ist Alles gelüftet, an die Sonne gekehrt und geklopft – ich lege Dir das kleine Kissen unter Dein Köpfchen, wie Du es liebst – der Fussschemel mit der seidenen Decke steht vor dem Bettchen. Ach, weisst Du wohl noch, wie Du mit Deinen kleinen Füssen darauf schlugst, als wolltest Du unartig sein und lächeltest doch dazu, dass ich all Deine kleinen, weissen Zähne sehen konnte! Komm nur, mein Engel – hast Du auch schon Deine Milch getrunken und Dein Obst gegessen? – Komm nur – ich bringe es Dir – ich habe Dir Alles aufgehoben – Deine schönen Tellerchen und Tässchen – es ist spät – Du musst schlafen gehen."
Unaufhaltsam, wie ihr ganzer charakter, folgte Emmy dem Strom ihrer Phantasie. Diese blühende, jugendliche Fennimor, die kein Zeichen der Krankheit trug, versetzte sie schnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings, wo sie ihrer Pflege allein anvertraut war, und der neckende Frohsinn dieses lieblichen, jungfräulichen Kindes ihr Herz entzückt hatte. Mit leisem Drucke wies sie Elmerice von ihrem Lager, um aufzustehen und auszuführen, was sie so eben ausgesprochen.
Die Taufe, die diese so eben mit Fennimors Namen bekommen, schien sie auch in den Bann von Emmy's Gefühlswelt zu ziehen. Wir sehen sie stumm, freundlich hingebend an die Phantasien der armen Alten sich anschliessen und betrachten ihre Hingebung, ohne sie mit anatomischen Finger berühren zu wollen; selbst eine Ahnung ihres Busens, die sie in vergeltender Liebe der Alten unterordnete, gern möglich haltend.
Bald stand Emmy, wie in vergangener Nacht, gerüstet; aber sie wankte nicht, obwol Elmerice durch Nichts gehindert ward, sie zu stützen. Was in ihr angeregt war, trieb sie, von dem heftiger wiederkehrenden Fieber gesteigert, anscheinend mit der alten Kraft vorwärts. Bald hatte sie Kerze und Schlüssel ergriffen, und Elmerice ward der geheimnissvollen Tür entgegen gezogen.
Mit welchem Herzklopfen trat sie in die verhängnissvollen Zimmer, die sie mit tiefem Dunkel umhüllten. Denn was vermochte das Licht einer Kerze in diesen grossen Räumen! Selbst Emmy's leitende Hand verliess sie bald, und sie hörte sie, immerfort leise und freundlich redend, nach einer andern Gegend des Zimmers zu gehen. Bald entzündeten sich mehr und mehr vielfach verteilte Kerzen, und die Wohltat, sich durch eigne Anschauung zurecht zu finden, kam ihr zu Hilfe. In dem Maasse schwanden auch die Schrekken. Wie hätten sie sich hier sollen anknüpfen lassen, wo die sorgfältigste Liebe mit Fleiss und Ausdauer eine schöne, mit Geist und Geschmack geordnete Einrichtung behütet hatte? Hier war nicht die eingeschlossene Luft lang unbewohnter Räume; nicht Moder, nicht Staub hatte hier Platz gefunden