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dabei, dass sie das Lager der alten Menschenfeindin hatte umschleichen können, so Manches für sie bewirken dürfen, ja, der fest Schlafenden eine blühende Rose durch die Vorhänge schieben können, deren süssen Duft sie nun wider Willen einatmete. Den silbernen Becher hatte sie ihr zuerkannt; er stand auf dem silbernen Teller, mit wohlschmeckendem gemischtem, frischem Quellwasser; umher lagen einige der schönsten, reifen Früchte, welche ein Aroma verbreiteten, wie Blumen. Alles war auf dem feinen Ebenholztischchen so aufgestellt, dass eine leicht verschobene Falte des Vorhanges es ihr zeigen musste, wenn sie erwachte. Elmerice lachte vor Freude, als sie damit fertig war, und ihre Augen wurden nass. Dies uneigennützige Werben um das arme, versteinerte Herz tat ihr so wohl, als ob es mit Banden des Blutes an sie geknüpft sei.

Ehe sie aber zum Schreiben überging, nahm sie die Aussicht wahr, die sich ihr von dort aus darbot, und sie sah, dass sie einen teil des Bauwerkes übersehen konnte, unbehindert des weiten Blickes, den sie in das Tal von Ste. Roche hatte. Vergessen war die Feder. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit suchte sie, was sie über das alte Schloss erfahren, an das anzuknüpfen, was sie von dem Baue vor sich erblickte. Die lange Reihe der Fenster, zu der auch das gehörte, worin sie sass, endete an einem runden, vortretenden Turm, an dessen mittleren Fenstern ein kleiner Altan hervorsprang. Elmerice hielt den Atem an; ihre Wangen glühten; – das musste der Eudoxien-Turm sein! Am fuss desselben grünte und blühte ein schmales Gärtchen, welches auf der hohen, wallartigen Untermauerung, die in das teil reichte, angelegt war. Es war nicht künstlerisch von Gärtners-Hand geordnet; doch hatte es der Pflege nicht entbehrt. Der Eingang dazu musste aus Fenstertüren sein, die in der verschlossenen Zimmerreihe lagen, die Emmy Gray behütete. Zwischen Rosenstämmen, die, angebunden und beschnitten, von einer sorgenden Hand zeigten, sah Elmerice sich einen Hügel wölben, mit zartem Rasen überdeckt; darauf ruhete ein Gegenstandleuchtendweiss; – er hob sich von der Erde ab, wie Menschenformen! Ihr Atem stockte; undeutlich verwirrten sich in ihr Begriffe und Gefühle. Die brücke der Phantasie, wie wir mit kluger Wägung auch den Ankergrund ihr rauben, ist nie ganz zerstört; sie harrt der gelegenheit, um immer wieder leicht, von unbekanntem Material erbaut, sich aus dem tiefen grund des sehnsüchtigen Herzens vor uns zu erheben und, Sicherheit verheissend, den schönen Bogen in das Wunderland der Fabel hin zu senken, den Weg uns lockend zeigend, den wir bereit sind einzuschlagen, ohne Nachweis zu fordern vom warnenden verstand, dessen ganzes Reich die zarte brücke in den Lüften überwölbend deckt. Elmerice hoffte; wer mag um Rechenschaft sie fragen? Sie stand auf dem leichten Brückenbogen der Phantasieund A l l e , die dort stehen, h o f f e n , der Verstand habe sich geirrt! – Auf der Fensterbrüstung stehend, die schlanke Säule des Fensterkreuzes umschlingend, sich an ihr vorbeugendso waren ihre Augen auf den geheimnissvollen Gegenstand gerichtet, während Stimmen und fröhliches Gelächter zu ihr drang, dem sie noch immer das Recht der Aufmerksamkeit versagte. Doch näher kam es; Pferde wiehertensie schrak zusammenihre Augen folgten den Töneneinem Wunder glich auch, was sich jetzt ihr darbot! Eine fröhliche Gesellschaft zu Pferde, von Herren und Damen in reicher modischer Tracht, von Dienern in kostbaren Livreen gefolgt, zog durch den Talweg am fuss des Walles vorüber. Erstaunt blickte sie zu ihnen nieder; da ward ihr klar, dass sie der Gegenstand der Beobachtung Aller sei, dass ihr weisses Kleid, vom Abendwinde leicht bewegt, die Blicke zu ihr hingezogen, dass vielleicht in dem verfallenen, menschenleeren Teile des Schlosses ihr Anblick bei den Vorüberziehenden gleiche Gefühle erregte, als die, deren sie sich eben bewusst geworden war. Obwol die Höhe ein erkennen unmöglich machte, schrak doch ihr Herz zusammen, und schnell tauchte sie nieder und dankte Gott, als die Gebüsche sie verhüllten. Nicht so schnell schien man unter ihrem Fenster sich zu beruhigen. Sie hörte länger noch den Wechsel lebhaft sich unterbrechender Stimmen und wagte, obgleich hinreichend verborgen, doch erst frei zu atmen, als sie den Hufschlag der davon eilenden Pferde hörte. So vernahm sie mit wahrer Erleichterung Asta's leises klopfen an der stets verschlossenen Tür, und auch diese trat so bang bewegt herein, als werde sie verfolgt, und Elmerice gewahrte, dass die kleine Eingangstüre zur Treppe schon fest verschlossen war.

"Was ist geschehen?" fragte sie das bewegte Kind; – "was hast Du?" Und Asta hätte die Frage zurückgeben können, so bewegt sah Elmerice auf ihre kleine Gefährtin, so sicher trug sie die Spuren ängstlicher Neugier.

"Ach," sagte Asta, – "was muss im schloss los sein? Zur Nacht soll es in einem Feuer glänzen, als hielten Geister dort ihr fest; – und bei Tage gehen Gestalten aus und ein, wie Keiner sie je gesehenwelche ganz von GoldAndere in bunten Kleidern, wie die Feen sie tragen! Dann singen sie und halten Tafel; – ach, und das Alles uns so nahwie schrecklich! Was soll aus uns wohl werden? Da hält ja kein Schloss, wenn s i e wollen! Gut, dass ich das Stückchen Kohle