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Wachskerze und einen Schlüssel zog; mit Mühe zündete sie das Licht an dem Feuer an und ruhete dann gänzlich erschöpft, wie es schien, einen Augenblick in dem hohen Lehnstuhle. Welch' ein schauerliches Bild war ihr Anblick! Ihr starres, abgezehrtes Gesicht war von der Kerze in ihrer Hand scharf beschienen, während das Feuer eizelne, grellere Lichter darüber hinjagte. Sie hatte die Augen geschlossen, und die Ermattung der Krankheit rang mit der fast krampfhaften Festigkeit, mit der sie Kerze und Schlüssel gefasst hielt. Bald öffnete sie auch wieder die kleinen, versunkenen Augen, und noch ein Mal prüfend umherblickend, erhob sie sich mühsam und erreichte die geheimnissvolle tür. Der Schlüssel fasste geräuschlos das Schloss, die tür öffnete sich, die Alte schritt über die Schwelle; und ehe sie dort Fuss gefasst, blieb Zeit genug, den geöffneten Raum zu erkennen. Aber tiefe Nacht herrschte dort; die eine Kerze erhellte nur die tür, die von Innen, wie von Aussen reich vergoldet wardann schloss sie sich hinter der Alten. –

Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wiederkehr! Es schien ihr eine Stundeda öffnete sich abermals die tür; das Licht beschien den gramvollen Ausdruck des bleichen, alten Gesichts. Langsam ward Alles verwahrt, und nach einiger Zeit verhüllten die Vorhänge des Bettes das ganze geheimnissvolle Treiben. –

Elmerice wusste sich kaum Rechenschaft zu geben von der Empfindung, mit der sie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verschwieg, da sich Veranlassung genug zeigte, es ihm mitzuteilen. Schon fühlte sie sich der unglücklichen Alten verbindet; es schien ihr, sie habe eine Berechtigung zu ihrem Verfahren, das Andere nicht zu beurteilen verständen; und das wider Willen abgelauschte geheimnis verpflichte sie zum Schweigen.

Auch war die Aufmerksamkeit des Arztes an diesem Morgen mehr auf Madame St. Albans gerichtet, die, vom Fieber immerfort bewegt, ihn zu beunruhigen schien. Er sass sinnend, ängstlich ihren Puls prüfend, nahm endlich Elmerice in das kleine Nebenstübchen und schüttete ihr seine Gedanken aus.

"Das ist seit gestern nicht mehr dasselbe," sagte er; – "das wird ein Zehrfieber! Eine schlimme Sache, mein Kindund welche Lage für so ein Krankenbett! Damit nützt sie der Alten nicht, und Beide belästigen einander. Was fangen wir aber anverdreht wie Beider Köpfe sind?"

"Sprecht mit Veronika, lieber Herr," rief Elmerice – "ob sie nicht Madame St. Albans zu sich nehmen will und pflegen; dann bleibe ich bei der alten Mistress Gray und pflege sie allein."

"Wo denkt Ihr hin?" lachte der Arzt; – "Ihr kennt die Alte nicht; das brächte sie nun vollends zum Rasen; – dem kann ich Euch nicht aussetzen, das hat sie noch nie geduldet."

"Wagt es dennoch!" sagte Miss Eton lebhaft; – "ich habe eine Zusage in mir, dass sie mich dulden wird. Madame St. Albans muss gerettet werden; eine andere Pflege ist bei der armen Alten nötig, und also Gott befohlen! Ueberlasst es mir, ich werde durchsetzen, was ich will. Sie musssie sollsie wird mich dulden!"

Der Arzt sah in Elmerice's sich rötendes Angesicht; er erstaunte über die Energie des jungen Mädchens, und Elmerice, die seine Gedanken aus seinen Zügen lesen konnte, lächelte und sagte: "Das dachtet Ihr nicht! Ihr wollt mir den Mut nicht zugestehen, den ich habe. Nun, erfahrt es denn durch das, was ich leisten werde; lasst alle Zweifel ruhen und tut lieber ohne Zeitverlust, was nötig ist."

"Du bist ein prächtiges Mädchen!" rief der Arzt. – "Weiss Gott, Du sollst Deinen Willen haben! Ordentlich neugierig bin ich, wie Du es treiben wirst; – und es ist wohl möglich, dass, soll es wem gelingen, es Dir gelingt!" –

Von Madame St. Albans Einwilligung konnte nicht die Rede sein; sie hatte kein klares Bewusstsein. Veronika war zu Allem erbötig, obwol voll sorge für Elmerice.

Am Nachmittage stand ein Lehnstuhl an Tragstangen gebunden, in dem kleinen Vorflure; in Betten und Decken gehüllt, ward die Kranke hinein getragen, und der Zug nach dem Pfarrhause begann unter Aufsicht des Arztes und der treuen Veronika.

Als Elmerice sich mit ihrer kleinen Gefährtin allein sah, kam eine wunderbare Ruhe, ja, mehr wie das, eine Befriedigung und Freude über sie, deren Grund sie nicht nachfragte, sondern mit dieser Kraft in ihrer neuen Stellung ganz vertraut zu werden suchte. Zierlich wusste sie die Verwirrung zu beseitigen, die sich nach und nach um zwei Krankenbetten angesammelt hatte. Der kleine Raum, der ihr zum Esszimmer diente, war unschätzbar wegen seines Luftstromes, seiner sonnigen Helle. Veronika hatte ihr ein frisches Betteinige Bücherihren Schreibapparat herbei geschafft; Alles ward dem vorhandenen, ausreichenden raum mit seinen reichen Möbeltrümmern angepasst und gewann bald ein klares, wohnliches Ansehen. – Der Abend war so über Beide unmerklich hereingebrochen, und die Alte hatte in dieser Zeit keine Störung veranlasst, da es die Zeit ihres Schlafes war. Asta verliess nun das Schloss auf Veronika's ausdrücklichen Befehl, um Mundvorräte einzuholen, und Elmerice hatte sich auf den breiten Fensterrand in das kleine Kabinet gesetzt, und das Tischchen mit Schreibzeug vor sich gestellt, um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzusetzen. Wie wohl tat es ihr