ruhte.
"Schickt die Ellen nach Haus, Doktor!" sagte eine rauhe, heisere stimme; – "ich höre sie schon wieder schluchzen; ich will das lästige Weib nicht mehr um mich haben."
"Zum nach haus schicken gehören Zwei: Einer, der schickt, und Einer, der geht; zum Gehen aber gehören Beine, und die hat Ellen jetzt nicht; denn sie liegt lang aus, und hat das Gliederreissen, wie Ihr."
"Dass Gott erbarm'! Warum kam sie denn her, wenn sie nicht besser war, als ich selbst?"
"Seid nicht undankbar, Emmy!" rief der Arzt; – "schon oft habe ich Euch gesagt, sie hat wie ein gutes Kind getan; eine Andere, die so wenig von ihrer Mutter hätte, wie Ellen, würde nicht vom Krankenlager aufgestanden sein, um zu Euch zu kommen."
"Jämmerliches – jämmerliches Menschenvolk!" rief die Alte. "Alles soll man Euch anrechnen! Geht – ich will nichts von Euch! Habe ich Euch doch oft gesagt, Ihr sollt mich lassen; denn ich kann Keinem mehr was sein und will daher auch Nichts annehmen; denn was tätet Ihr wohl umsonst? Für Alles soll man Euch dankbar sein – und hier ist Alles trocken in mir – ich habe für Euch Nichts übrig!"
"Wir wissen das," sagte der Arzt – "Ihr seid eine halbe Wilde; – und Gott richte es! Nehmt nur ordentlich ein, dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr nötig." Dann bog er sich nieder; er schien ihren Puls zu fühlen. "Das Fieber kommt schon wieder; haltet Euch ruhig, das darf nicht oft mehr kommen!" –
"Lasst es kommen, so oft es will! Gottes Wunder, dass es noch in diesem morschen leib was auszudorren findet! Es ist ein schlechtes Fieber, wovon Ihr solch' Aufhebens macht; es tut nicht seine Schuldigkeit; ich bin's müde und satt und möchte es fördern, statt lindern." –
"Alte Sünderin!" rief der Doktor ungeduldig und riss die Vorhänge zu. Kurz grüsste er darauf Elmerice und war aus dem Zimmer verschwunden.
Ein augenblickliches Grauen beschlich diese, als sie sich ohne seinen kräftigen Beistand hier plötzlich allein fühlte. Die Reden der alten Frau, so bös und finster, hatten sie tief bewegt; sie fühlte, wie schwer es sein müsste, diesem Herzen zugänglich zu werden; aber sie hätte Viel darum gegeben, wenn sie den Versuch hätte machen dürfen. Dieser tiefen Verachtung, diesem Misstrauen entgegen zu treten, sie zu versöhnen – diese jugendliche Schwärmerei erfüllte ihr Herz und Kopf.
Doch störte das fortgesetzte Schluchzen der Madame St. Albans ihr Nachdenken. Sie trat daher zu ihr, und ohne den Gegenstand ihrer Trauer weiter zu berühren, sagte sie ihr, sie möchte sich doch die Vorhänge lüften lassen, und tat es zugleich, indem sie ihr auch die Kissen besser legte, das Haar unter die Haube schob und ein Getränk reichte, was Asta ihr stillschweigend andeutete.
Dies hatte bald die Folge, dass Madame St. Albans ruhiger ward; und obwol kein gutes Wort über ihre Lippen kam, so schien sie doch nachgiebiger in ihren Bewegungen zu werden. Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus, und sie lag bald schlafend vor Elmerice's Augen. Jetzt gab diese ihrem Verlangen nach, sich mit dem raum bekannt zu machen, der sie mit so besonderem Interesse erfüllte.
Es war ein so ungewöhnlich grosses Zimmer, dass es notwendig die ganze Tiefe des Seitenflügels, in welchem es lag, einnehmen musste. Dies schienen zwei grosse Flügeltüren zu bestätigen, die zu beiden Seiten eines riesigen, marmornen Kamines lagen und die Wand einnahmen zwischen den Fensterwänden, und die in das Innere des Baues führen mussten, wahrscheinlich zu verschiedenen Zimmerreihen gehörend, die von beiden Seiten des Flügels Licht bekamen; denn jetzt sah Elmerice auch, dass, den geöffneten Fenstern gegenüber, eine eben solche Reihe angebracht war, die vermutlich in den Hof sah, doch jetzt mit Läden dicht verschlossen war.
Die Decke war ein Kuppelgewölbe, so schwer mit Stuckatur und geschwärzten Gemälden verziert, dass man ohne Schauder kaum die kolossalen Engel niederschweben sehen konnte, die, an schweren Blumenketten hängend, jeden Augenblick herabzustürzen drohten. Die Tapeten aber, von hochrotem Damast, mit weissen Blumen durchwirkt, waren noch wohl erhalten; eben so zeigten die Vorhänge der Fenster, des grossen Himmelbettes von demselben Stoff, alle ihren Wert in ihrer Dauer. Wunderlich stach dagegen die Einrichtung ab, die das Bedürfniss der alten Frau hinzugefügt. Im Kamine stand ein Schränkchen mit hellpolirtem Zinn, Brennholz war daneben aufgehäuft und hölzerne Geräte. Auf der anderen Seite bildete ein hoher Lehnstuhl von Ebenholz, mit Gold und Silber ausgelegt, den Gegensatz. Die Kissen waren, wenn auch verwittert, doch von kostbarem Stoffe; davor stand auf einem türkischen Teppich ein wertvolles Spinnrad mit aufgezogener Wolle, daneben ein kunstreiches Tischchen mit einigen Andachtsbüchern; weiter entfernt befand sich ein Gestell, wo hinter wenig zureichenden Vorhängen die geringe Garderobe aufbewahrt war, und daneben zeigte sich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schlössern, der in seiner kostbaren Arbeit zu dem Armstuhl und Tischchen zu gehören schien.
So bildete Alles, was sich dem Auge darbot, einen
Gegensatz, der unter anderen Umständen Elmerice vielleicht verletzt hätte; jetzt aber nur ihren Anteil weckte und den lebhaften Wunsch erregte,