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vor den Toren der Bastille ein verschlossener Reisewagen, mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher grauer Reisetracht. Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den inneren Hof. Ein Herr, in seinen Mantel gehüllt, stieg aus und ward nach Reginald's Zimmer geführt.

"Mein Herr," sprach er, sich vor Reginald verneigend – "ich bin beauftragt, Sie laut Befehl des Königs hier wegzuführen!"

"Wegzuführen?" rief Reginald; – "ist mein Prozess entschieden?"

Reginald war fünfundzwanzig Jahr; er hatte ein Jahr hinter den Mauern der Bastille geschmachtet. Luft! Luft! – eine Wieseein Baumeine Blume nur! seufzte seine schmachtende Seele. Jetzt sollte er fortdiese Mauern verlassenaber zu welchem Zwecke? Sollte sein Todesurteil vollstreckt werden? Sollte eine neue Festung ihn umschliessen?

Fenelon hatte seinen Schüler in dieser schweren Zeit nicht verlassen; er hatte das Gefühl der Unschuld in ihm verstärkt, da er das Gefühl des Unglücks nicht aus seiner Seele nehmen konnte. Er stellte ihn klar zum Leben, in der geheimen Hoffnung, ihn für dasselbe wieder zu gewinnen. Von der Jugend unterstützt, konnte er in freier Tätigkeit, im Fleisse, in nützlicher Bestrebung, nach und nach das Leben sich ihm erhalten denken.

"Ihr Prozess ist entschieden," erwiderte der Herr – "und ich bin Ihnen hoffentlich keine feindliche Erscheinung." Reginald erkannte Herrn von Mauville.

"O, nein!" rief er lebhaft – "Sie waren vom ersten Augenblick an mein guter Engel!" –

"So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen!" – In kurzer Zeit war Reginald zur Abreise gerüstet; Beide bestiegen den Wagen. Die Tore von Paris lagen weit hinter ihnen, als der Morgen anbrach. Da erblickte Reginald bei den ersten Strahlen der Morgensonne die lang ersehnte natur. Der Eindruck war überwältigend! Mit trunkenen Blicken sog er einige Minuten die Gegenstände ein; dann wendete er sich zu Herrn von Mauville, der mit anteilvollem Ausdrucke der Züge den schönen blassen Jüngling betrachtete. Den liebevollen, väterlichen blick erkennend, warf Reginald sich laut weinend an seine Brust. Fremde arme umschlangen den Jüngling! Er hatte von allen reichen Liebesbanden, die ihn seit seiner frühesten Jugend umgaben, Nichts behalten, als seinen Richter, der ein Mensch war!

In einer Hafenstadt machten die Reisenden Abends Halt. Reginald schlief einen langen, erquickenden Schlaf. Am anderen Morgen fand er Herrn von Mauville in besonders feierlicher Stimmung. "Bis hierher," sprach dieser, "habe ich mich verpflichtet, Sie zu begleiten, teurer junger Mann! Man hat mich durch das Vertrauen geehrt, mit dem man mir die Vollziehung dieser Maassregel überliess. Der König hat Sie begnadigt! Sie sind frei! Der Erzbischof von Cambray hat mir diesen Brief für Sie mitgegeben; er wünscht, dass Sie von Ihrem vaterland, bis auf die Erinnerung, Abschied nehmen mögen! Er fordert Sie auf, keine Verbindung mit demselben zu unterhalten, selbst der brieflichen Mitteilungen zu entbehren. Nur so, glaubt er, kann es Ihnen gelingen, ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater –"

"Mein Vater?" rief Reginald, und eine glühende Wallung zeigte sich auf seiner Stirn. "Mein Vater wird den Wunsch meiner gänzlichen Vernichtung, der Beraubung aller Bande, die dem Menschen heilig und teuer sind, und ihn an sein Vaterland knüpfen, unterstützen! Er hat von mir Nichts mehr zu fürchten! Da ich es aufgeben musste, für meine heilige Mutter Gerechtigkeit zu fordern, so hört für mich jeder Anspruch an ihn auf!"

Wehmütig blickte Herr von Mauville den Jüngling an. Er wusste ihm wenig zu sagen und fürchtete sein zürnendes Gefühl durch Widerspruch noch heftiger zu erregen. "Der Graf Crecy war es," fuhr er sanft fort – "der, durch die Vermittelung des Erzbischofs von Cambray, dem Könige das ganze geheimnis Ihrer Geburt, Ihres traurigen Geschickes entdeckt; – und so dürfen Sie sagen, ist Ihrer Mutter Recht geschehen!"

Reginald's erglühtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn von Mauville. "So mag ihm Gott verzeihen, wie ich ihm verzeihe!" rief er plötzlich tief bewegt.

"Darum sollte ich Sie bitten!" sagte Herr von Mauville; – "der unglückliche Vater fühlte keinen Mut, dem tief beleidigten Sohne selbst zu nahen."

Reginald verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen; Fennimor's Sohn weinte über den unglücklichen Vater. "Sagen Sie meinem Vatersagen Sie ihm" – "Dass Sie ihm verziehen haben!" ergänzte Herr von Mauville die schluchzend herausgestossenen Worte des Erschütterten.

"O, welch' ein Wort gegen einen Vater!" seufzte Reginald. "Sagen Sie ihm, dass ich gedenken wolle, er habe einst meine Mutter geliebt; – dass ich ewig gedenken will, wie er mich mit Sorgfalt erziehen liess und wie viel Liebe er mir bewiesen. Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten muss, wie er den Lokkungen der vornehmen Welt mit ihren empörenden Anforderungen und erlogenen Rechten erlag, so sagen Sie ihm, dass ich ihr einen tiefen, unversöhnlichen Hass geschworen; dass ich seine unnatürliche, entmenschte Familie hasse, und dass es mein Stolz sein soll, sie zu verläugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zählen!"

"Ich darf Sie nicht fragen, wohin Sie zu gehen gedenken," entgegnete Herr von Mauville; – "meine Bestimmungen lauten