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Marschallin von Crecy vorübergegangen, ohne sie zu begrüssen.

Die Audienz, welcher der übrige Hof bloss als Zuschauer beiwohnte, war bis auf die Marschallin und Souvré, die der König nicht angeredet hatte, vorüber. Der König richtete sich stolz empor und rief: "Meine Prinzen, ich glaube, Sie haben Ihre Bekannten in diesem Kreise."

Das war ein Zeichen, dass der König fertig war. Der Prinz von Courtenaye durfte in diesem Augenblick, im Falle der König Jemanden übersehen hatte, die Personen bezeichnen. Er trat vor und nannte die Marschallin und Souvré; der König neigte kaum merklich das Haupt, und die Marschallin trat vor, allein noch von ihrem Zorne Kraft erhaltend.

"Madame," begann der König, den Hut gleichgültig abnehmend und die Hand damit niederhängen lassend, welches ein niederer Grad von Attention war – "wir bedauern um so mehr, Sie erst so spät zu begrüssen, da wir Ihnen eine Mitteilung machen können, die für Sie allerdings von grosser Wichtigkeit ist. Wir haben auf die Bitte Ihres Sohnes, durch den Herrn Erzbischof von Cambray vermittelt, den jungen Mann begnadigt, der, unter dem Namen Chevalier Ste. Roche, ein beklagenswertes Opfer der Verirrung ward, die, wie ich denke, Andere mehr, als er selbst verschuldet."

"Sire," sprach die Marschallin mit gehobener stimme – "ich harrte hier mit derselben Bitte um Gnade! Nicht Rache an dem Uebeltäter kann das berühmte, erlöschende Geschlecht der Crecy-Chabanne retten; – wir suchten nicht Sühne durch Blut!"

"Das ist uns lieb zu hören!" erwiderte der König, mit unerschütterlicher Kälte; – "wir werden es, Madame, unserer Frau Schwägerin melden lassen. Sie hat uns diesen Morgen ersucht, die Frau Marschallin ihres Dienstes als Oberhofmeisterin enteben zu dürfen."

"Sire," rief die Marschallin – "ist Unglück, wie es unser Haus verfolgt, ein Grund, uns zu entehren?"

"Madame," sagte der König – "vergessen Sie Ihre Stellung nicht! Unglück fand in uns Schutz und hülfe; wir beweisen es, indem wir den jungen Mann begnadigen, der durch unerhörte Vergehungen um Alles betrogen ward, was wir an irdischem Besitze zu schätzen haben: um rechtmässige Ansprüche an einen vornehmen Namen und den damit verknüpften Besitz grosser Reichtümer!"

"Mit Schmerz sehe ich," entgegnete die Marschallin, noch immer ungebeugt – "dass meine Feinde Zeit hatten, mich zu verdächtigen! Ich darf es sagen, Euer Majestät sind falsch berichtet!"

Der rote Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten, das strahlende Auge des Königs durchbohrte die Marschallin. "Falsch berichtet?" rief er; – "hüten Sie sich, Madame, und wissen Sie, dass Ihr eigner Sohn und der Erzbischof von Cambray unsere Berichterstatter waren!"

Die Marschallin wankte zurück. –

"So wahr ich König von Frankreich und Nachfolger des heiligen Ludwigs binwäre der unglückliche Jüngling nicht so öffentlich eines Mordes bezüchtigt gewesen, ich würde hier ganz anderes Recht geschafft haben! – Und Sie, Madame, die Sie fortan ausser Zweifel sein werden, dass wir unterrichtet sind, wie Sie bis dahin uns zu täuschen wagtenSie, denke ich, werden dem Minister der Polizei bis heute Abend anzeigen, welches Kloster, zwanzig Meilen von Paris entfernt, Sie zu Ihrem Aufentalte gewählt haben."

Die Marschallin wankte hin und her; sie wollte noch reden. Der König setzte den Hut auf und wendete sich ab; in demselben Momente war die Marschallin, von den Hofleuten verdeckt, zurückgedrängt; sie schritt steif und fest durch alle Säle, stieg in den Wagen mit rotsammetenem Himmel und sagte kaum hörbar: "Nach Moncay!"

"Nun, Herr von Courtenaye," rief der König dem Prinzen zu; – "was gibt es noch?"

Der Prinz hatte kein Wort gesagt. "Ah', ich verstehe," sagte der König – "der Marquis de Souvré! Sagt ihm, die Luft am hof passe nicht mehr für ihn. Wir glauben, er wird sich in England besser befinden; wenigstens wird seine Korrespondenz mit Wilhelm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben! Sein Name fällt unangenehm in unser Ohr!"

Souvré, der von Niemandem geliebt und geachtet war, selbst in dem Sinne, wie es bei hof gilt, wartete nicht, bis man ihn aus dem Salon stossen würde. Er hatte schon lange das Versprechen, in England Schutz zu finden, wenn seine Spionerien entdeckt würden; er eilte nach dem Hotel Crecy, wo er wohnte, um seine Reise sogleich anzutreten. Die Polizei empfing ihn, seine Papiere waren in ihren Händen. Nach einem kurzen Prozesse beschloss er sein Leben in der Festung Rochefort.

Der Erzbischof von Cambray eilte nach Beendigung der Audienz durch die Gemächer des Königs nach einer offenen Gallerie, die in den Garten von Versailles führte. Bald sah er den Gegenstand, den er suchte. Auf zwei Diener gestützt, versuchte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne, ihm entgegen zu eilen. Der grossmütige Fenelon beschleunigte seine Schritte und hielt, die Seelenqual des Unglücklichen abzukürzen, mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft. "Begnadigt! begnadigt!" – rief er – "schliessen Sie jetzt Ihren Frieden mit Gott; Ihr König verzeiht Ihnen!" Leonin stiess einen ächzenden Seufzer aus; Fenelon schloss ihn an seine Brust. –

Wenige Tage später erschien um Mitternacht