– ich will ihn nicht hören – wiederholen Sie es nicht bei Ihrer Seele Seligkeit!"
Da schwankte plötzlich Franziska vor den entsetzten Blicken ihres Vaters vorüber; sie wandelte leichten Schrittes auf Reginald zu, der bis an seinen Sessel vor ihr zurück wich. dicht vor ihm blieb sie stehen und sagte mit einer weichen, tonlosen stimme ohne Ausdruck und Kraft, während schwere Seufzer jeden Satz unterbrachen: "Warum verläugnest Du mich, edler, unschuldiger Reginald? Ich war es, die Du liebtest – ich werde ewig daran gedenken! Die Welt hat uns getrennt – doch blieben wir treu – und Ludwig, der arme Bruder, wäre nicht zwischen uns getreten! – Nun bin ich Braut von Dir und ihm – und Eure Witwe! – lebe' wohl – auf Wiedersehen!"
Sie reichte ihm, wie zum heiteren Spiele, die blasse, marmorkalte Hand – er widerstand nicht – er kniete nieder – laut schluchzend presste er ihre Hand an seine Lippen – er, sah zu dem schönen, starren Gesicht empor, aus dem die Augen so abwesend niedersahen. Da senkte sich das blaue Atlaskleid wie verhüllend um ihn her; die schöne Gestalt sank langsam zusammen; sie glich einem Engel, der in einer Wolke den bleichen Jüngling verhüllen wollte. – Der Vater hob die Bewusstlose sanft aus den Armen Reginald's, der in diesem Augenblicke der Trennung das Todesurteil erlitt. Er sah ihr nach, als wäre sie sein letzter Lebensatem – und in demselben Augenblicke fühlte er sich mit Liebe an ein warm schlagendes Herz gedrückt. Es war Franziska's Bruder!
Herr von Mauville hob das Verhör auf. – Reginald ward mit zärtlicher Sorgfalt hinweggeführt. Hart trat Emmy Gray den Richtern in den Weg; sie wollte bitten; – aber der unbeugsame Sinn lernte nicht so spät die nie gekannte Aufgabe. "Sprecht Recht! Sprecht Recht, Ihr Richter," schrie sie mit Todesangst, und ergriff hart den Arm des Herrn von Mauville; – "er ist ja unschuldig – rein, wie an der Brust der Mutter!"
"arme Frau!" sprach Herr von Mauville – "ich werde ihn der Gnade des Königs empfehlen!"
"Gnade? Gnade?" rief Emmy wild – "Recht, Recht! keine Gnade – Recht muss ihm werden!"
"Vom Rechte darf er nichts hoffen," sagte der zweite Richter; – "jeder Gerichts-Hof wird ihn verdammen. Träume sind keine gültigen Zeugen!" Sie zogen an ihr vorüber; sie starrte ihnen nach; ihr grösstes Elend war, dass sie diese Gerechtigkeit nicht verstand. Sie stiess ein fürchterliches – wildes Geschrei aus! – Die mitleidigen Mönche erfassten die Unglückliche, die in Konvulsionen fiel. Die Marschallin reiste noch denselben Abend mit dem Marquis de Souvré nach Paris ab. Die Trennung von der Familie d'Aubaine war kalt und zeigte von gegenseitigem Misstrauen. Das entschiedene Betragen der Marschallin war zurückgekehrt; es lag eine Verachtung gegen die erfahrenen Anschuldigungen in ihrem Wesen, die sie unbedeutend machen sollten. Graf d'Aubaine war zu edel und zu stolz, sich die Richtung seiner Meinungen angeben zu lassen; er zeigte sich in gemessener Haltung. Graf Leonin folgte seiner Mutter – fieberkrank – gebrochenen Herzens!
Später fuhr dem Wagen des Herrn von Mauville eine verschlossene Kutsche nach; sie brachte Reginald nach der Bastille. Um Mitternacht rollte langsam ein Rüstwagen mit der Leiche des Grafen Ludwig dem trostlosen zug nach; er ging langsam nach dem Erbbegräbnisse in dem schloss Moncay.
Lange blieb Franziska d'Aubaine geisteskrank, fast ausschliesslich von ihrem Vater gepflegt, dessen Nähe allein ihr Ruhe gab; jeder Andere beängstigte sie. Jahrelang dauerte dieser Zustand. Langsam genas sie, eine Fremde sich fühlend in der Welt. Ihr Vater tat keine Forderung, die sie auf gewöhnliche Weise dem Leben anzuschmieden trachtete; er forderte Nichts, als die Wiederkehr einer würdigen Geistestätigkeit. Indem er die Geselligkeit der grossen Welt von ihr abhielt, führte er sie doch zuweilen nach einem schloss in der Nähe von Paris und versammelte dort die Heroen der Zeit, an deren Geist Franziska aufstrebend sich entwickelte, wenn auch ohne Wunsch, ohne Zweck. So ward sie dem Leben leise wieder zugeführt – seine schöne, uneigennützige Gefährtin! –
Die Marschallin wusste ihre weitverzweigten Verbindungen sehr wohl zu benutzen. Reginald's Prozess ward in eine Art von geheimnis gehüllt, welchem sie den Schein der Mässigung zu geben wusste. Es schien, als ob ihre schmerzbeladene Seele vor Allem öffentliche Verhandlungen scheue; – sie wies mit leisen Andeutungen auf ihren Sohn. Man konnte denken, Leonin sei geisteskrank. Vergraben auf ein fernes Crecysches Gut, blieb sein Zustand zweifelhaft. Zuweilen schien er zu rasen; er wollte dann Souvré umbringen und verwünschte seine Mutter. Dann brachte er Tage und Nächte auf seinen Knieen zu – er sah Geister! Viktorine an Fennimor's Seite erschien ihm; er redete mit ihnen, und dies war der Uebergang jener Raserei. Er sank dann auf den Teppich des Fussbodens; hier fand er ein Paar Stunden Schlaf, bis ihn neue Verzweiflung weckte.
Nach einem Jahre, in welchem das Schloss Ste. Roche mit der ganzen Situation noch ein Mal erforscht war, die Richter die Aussagen der wilden Emmy Gray, ohne Glauben an ihren Verstand, angehört, alle Zeugen vernommen, und bald für, bald wider beschlossen hatten, fiel das erkenntnis, wie zu erwarten stand, g e g e n R e g i n a