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sich völlig gleich; ihre unverkennbare Zärtlichkeit ging doch sogleich in empfindliche oder misslaunige Aeusserungen über, wenn die des Herrn St. Albans im Geringsten von den ihrigen abzuweichen schienen, und sie legte auch gegen ihn ein gewisses misstrauisches und heftiges Wesen nicht ab. Dessen ungeachtet war ihr ganzer Zustand jetzt freier und leichter, und die feine Haltung ihres Mannes wusste immer geschickt sie selbst zu einem feinen Betragen zurückzuführen, was sie anzunehmen allerdings ganz wohl verstand. Einige Unterverwalter nahmen die übrigen leeren Plätze bei Tische ein, und es herrschte bald eine ziemlich ruhige, unbefangene Unterhaltung, die Herr St. Albans mit vielem Geschick auch für seinen jungen Gast zugänglich zu machen wusste, während seine Frau in unruhiger Tätigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten der übrigens vortrefflich zubereiteten speisen beschäftigt war. Es würde schwer sein, in dem Verlauf einer Woche, die wir nach dem erwähnten Abend als beendigt erklären müssen, eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem Leben auf der Abtei Tabor angeben zu können. Miss Eton hatte nach einigen missglückten Versuchen, aus sich heraus in die Ansichten der reizbaren Hausfrau übergehen zu wollen, sich mehr auf sich selbst zurückgezogenihre Zeit nach der Ordnung des Hauses eingeteilt und sich Spaziergänge gesucht, die freilich bei ihrer Einförmigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten Einrichtung des ganzen Gutes nur sehr wenig Genuss gewähren konnten. Doch das Frühjahr schritt vor, das Wetter ward warm, der Himmel heiter und blau, die Felder und Wiesen grünten in seltener Ueppigkeit, und es fehlte nicht an Veranlassung, ein unbefangenes Gemüt zu erfreuen. Und doch sehen wir Miss Eton oft stundenlang mit gesenktem haupt und tief atmender Brust in einer Teilnahmlosigkeit daher wandeln, dass uns scheinen möchte, ihr Geist sei abwärts in trübem Schmerze verloren.

Ihre Wohltäterin versäumte nicht, ihr nach einiger Zeit die Nachricht von der Ankunft ihrer Gäste in Ardoise zu melden, mit dem Zusatze, wie lebhaft sie jetzt in dieser Freude ihren Liebling vermisse, wie sie sich sehne, dass er bald zu ihr zurückkehren möge.

"Und doch," rief Elmerice nach Lesung dieses Briefes, "wirst Du mich in diesem schönen Kreise nicht willkommen heissen, dennoch verbannt mich mein Geschick von dem Aufentalte, der allein jetzt auf der Welt noch Reiz für mich hatte!" Ein Strom von Tränen erleichterte ein Herz, was von den bittersten Schmerzen der Jugend belastet war, und mit einer Ergebung, aber auch mit einer Trostlosigkeit, die nur ein Schmerz, wie Elmerice ihn fühlte, zu geben vermag, wiederholte sie sich das schwere Gelübde, den Gästen auf Ardoise um jeden Preis zu entfliehen.

Ein heftiges Gewitter hielt Miss Eton auf ihrem Zimmer fest, so sehr sie sich sehnte, im Freien der beklommenen Brust neue Kraft einzusammeln. Der Regen, mit Schlossen vermischt, stürzte verfinsternd herab, und der Sturm peitschte die Regenströme im Wirbel gegen die klirrenden Fenster. Elmerice blickte ruhig, ja, mit einer Art von Genuss in diesen wilden Aufruhr der natur. Wer tiefe Seelenangst empfindet, den lebenstödtenden Kummer, der die Schönheit der Erde uns wie einen Vorwurf fühlen lässt, da wir uns nicht teilnehmend daran zu erfreuen vermögen, der wird fast getröstet von einem Zustande der natur, der keine Anforderungen an unser Gefühl macht oder in seiner wilden Aufregung zu überbieten scheint, was an Qual und Unruhe unsere Seele verletzt.

Heftig stürzte jedoch, dies schmerzliche Nachdenken unterbrechend, Jemand die Treppe herauf, und Marylone flog blass wie der Tod auf Miss Eton zu. "Helft! helft, Miss Eton! um Gotteswillen, helft! sie stirbt uns unter den Händen! wir wissen uns nicht zu helfen, nicht zu retten!" –

"Um Gotteswillen, was hast Du?" rief Miss Eton – "was ist geschehen?" –

"kommt, kommt! unsere Frau stirbt! – Madame St. Albans! o kommt uns zu hülfe!" –

Schon flog Elmerice die Treppe hinab und über den Saal dem kläglichen Angstgeschrei entgegen, das ihr aus einem der untern Zimmer zu Ohren drang.

Der erste Augenblick raubte ihr jedoch fast selbst die Fassung, denn sie sah hier Madame St. Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen; das Gesicht war verzogen und blaudie hände, Füsse, der ganze Körper krampfhaft zusammen gepresst.

In bangem Geschrei, aber ohne alle Hülfleistung lagen die Mädchen des Hauses um sie her, und Elmerice wusste freilich für den Augenblick auch nichts Anderes zu tun, als sich neben der Sterbenden oder toten nieder zu werfen; aber hier entdeckte sie bei flüchtiger Berührung, dass die unglückliche Frau in völlig durchnässten Kleidern da liege, und auf ihre schnellen fragen erfuhr sie nun, dass Madame St. Albans das heftige Gewitter im Freien überrascht, und dies einem grossen h ä u s l i c h e n Ungewitter gefolgt war, welches sie noch in der grössten Aufregung und Erhitzung hinausgetrieben hatte. Jetzt war der Zustand allerdings erklärt, aber nicht weniger bedenklich; doch Elmerice hatte ihre ganze Besonnenheit wieder erlangt und liess aufs Schnellste die unglückliche Frau nach ihrem Schlafgemach tragen, wo sie bald in trockene Wäsche und in ihr Bett eingehüllt, und unter Elmerice's Anleitung mit warmen Tüchern gerieben ward, während ein Bote abgesandt wurde, Herrn St. Albans zu suchen, und ein anderer nach der eigentlichen Abtei Tabor, den Arzt der Mönche herbei zu rufen.

Bis tief in die Nacht blieben die vereinigten Bemühungen der Herbeigerufenen fast erfolglos, es zeigte sich kein Zeichen des Lebens, und