Wahnsinne bist Du entschlossen? Kannst Du Dich Deinen Henkern, die Dich von Jugend auf verfolgten, ausliefern wollen, damit sie Recht behielten, und ihnen Alles gelänge, was sie beschlossen seit Anbeginn?"
Reginald fasste sanft ihre Hand und sah ihr fest in die trostlosen Augen: "Emmy, ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten – tröste Dich Gott!"
"Junger Mann," sagte Graf d'Aubaine teilnehmend, "Gerechtigkeit ist, dass wir auch gegen uns selbst nicht voreilig entscheiden, wenn ein grosser Schmerz uns um unsere Lebenshoffnungen gebracht hat. Das Leben ist lang, die Zeit schreitet ein; wir können noch oft von Vorn anfangen, wenn wir auch von dem uns bis dahin angewiesenen Wege verschlagen werden."
"Ich danke Euch!" sagte Reginald. "Ihr würdet gewiss mein Vertrauen zurückweisen müssen, darum nötigte ich es Euch nie auf; bald werdet Ihr mich hören!"
Mit der tiefsten Bewegung verliess der Graf Beide. Neue, traurige Anklagen hatte er vernommen, und immer mehr fiel sein Herz den Anklägern heimlich ab, immer lebhafter schloss er den Jüngling darin ein. Da die Marschallin erklärt hatte, den Verhandlungen beiwohnen zu wollen, sah sich die Gräfin d'Aubaine genötigt, sie zu begleiten, und beide Damen erschienen daher, in tiefer Trauer, von ihren Frauen umgeben. Der Gerichtssaal war dem Zwecke gemäss würdig eingerichtet. Am oberen Ende, der Eingangstüre gegenüber, stand in der Breite eine schwarz behangene Tafel mit dem Kruzifix, hinter welchem der KriminalRat, Herr von Mauville, Platz genommen hatte; ihm zur Seite sassen zwei Assistenten. An den beiden Enden der Tafel befanden sich die Protokollführenden Schreiber. Links von der Tafel, unter der Fensterreihe, sass der Marquis de Souvré, hinter ihm standen seine Domestiken als Zeugen; ihm zur Seite nahm man den Prior des Klosters Tabor wahr, hinter ihm die Mönche, die mit den jungen Leuten verhandelt hatten; weiterhin befand sich eine Gruppe, die der Arzt des Schlosses mit den ihm beigegebenen Gerichtspersonen aus Ardoise und dem Richter von Ste. Roche bildete. Diese hatten den Zustand der Leiche am Morgen in dem Erbbegräbnisse, wo sie vorläufig beigesetzt war, untersucht. Ihnen allen gegenüber hatten die Damen ihre Plätze genommen; zunächst der Tafel sass Graf Leonin, bleich, wie vom Fieber geschüttelt, mit halb geschlossenen Augen; er hatte es bestimmt verweigert, als Kläger aufzutreten, und so war die Marschallin in seine Stelle eingerückt. Teilnehmend sah man die beiden Grafen d'Aubaine an seiner Seite. In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner Lehnstuhl; er war noch leer; der Angeklagte ward erwartet.
Alle Anwesenden waren in Schwarz gekleidet, und die ganze Versammlung trug einen ernsten, feierlichen charakter, der selbst in den Zügen sich ausdrückte. Der Kriminal-Rat, Herr von Mauville, empfing die Meldung, dass Alle versammelt waren; er erhob sich und erklärte die Sitzung für eröffnet. Der Graf Crecy, der nur geführt zu gehen vermochte, sprang plötzlich auf und rief, wie ausser sich: "Ich kann nicht bleiben, ich muss fort!" Doch diese Anstrengung der Verzweiflung stützte den gebrochenen Körper nur einen Augenblick; er sank in den Stuhl zurück und verhüllte sein Gesicht; mitleidig von den beiden Grafen gedeckt, ward er den Blicken der Anwesenden entzogen.
Die Türen öffneten sich; man sah den Angeklagten, von zwei Dienern unterstützt, daher wanken! Reginald war selbst in den Verheerungen dieser letzten Ereignisse seines Lebens noch er selbst geblieben; aber er sah wie seine schöne Leiche aus. über der Stirn, den gedrückten Augenliedern hatte der Schmerz seinen unverkennbaren Stempel eingeprägt, und die sonst fröhlich sich um seine Stirn kräuselnden Locken hingen jetzt weich und müde um das schmale, bleiche Antlitz. – Als er die Schwelle überschritt, schien die Wichtigkeit des Momentes ihn zu erfassen; man sah, wie die Kraft, an den Gedanken in seiner zuckenden Stirn sich entzündend, sich durch alle Muskeln seines Körpers ergoss; er verliess, mit der alten Anmut seinen Führern dankend, ihren Arm und ging allein vor bis zur Lehne des Stuhls. Hier blieb er stehen; und als er den schönen Kopf aufhob, schien er von der ganzen Versammlung Nichts zu sehen, als das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix. Ein feines Rot trat hervor, ein blick der Begeisterung durchbrach den Druck des Schmerzes, eine Fülle unaussprechlicher Anbetung entwickelte sich in dem Schüler Fenelon's, eine entzückende Rührung über den Segen, der ihm von dort aus zu teil ward, beugte sein Haupt in Dank und Demut – Alle schwiegen; Jeder fühlte, er bete!
Mit sanfter, gehaltener stimme begann Herr von Mauville alsdann seinen Vortrag, nachdem er den Angeklagten aufgefordert, sich niederzusetzen. "Es handelt sich hier," fuhr er nach der schicklichen Anrede gegen die Anwesenden fort, "um ein Attentat, welches in seiner geheimnissvollen Verwicklung zu verfolgen, eine doppelte Pflicht wird; da es nicht allein eines der berühmtesten Geschlechter Frankreichs in seinem einzigen, hoffnungsvollen Erben erlöschen macht, sondern zugleich der menschlichen Gesellschaft einen entehrenden Makel aufzunötigen scheint, indem in dem Angeklagten uns ein Jüngling bezeichnet wird, der, in dem Falle der Ueberweisung, alle menschlichen Bande, die heiligsten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerrissen hat. Wir finden hier von den bis jetzt damit beschäftigten Gerichtspersonen Fakta gesammelt, die man uns übergeben hat, um an Ort und Stelle eine vorbereitende Uebersicht zu veranlassen, die dem hohen Kriminal-