1839_Paalzow_084_213.txt

und weder von Rang, noch Reichtum ihre Macht zu borgen hat. Die Sicherheit, mit der solche Personen ihren Weg verfolgen, macht ihnen unwillkürlich die minder starken Naturen dienstbar, und räumt ihnen eine herrschaft ein, die sie überall zu erwarten scheinen.

Doch in demselben Augenblicke machte der Kranke so unruhige Bewegungen, mit so ängstlich stöhnenden Lauten verbunden, dass sie ihm die Hand auf die Stirn legte, um ihn zu erwecken. "Ob Du den elenden Schlummer geniessest oder nicht," sagte sie mit düsterem harten Tone, und wie nur zu ihm redend – "das ist nur eine andere Art von Qual, und eine, aus der Du Dich noch weniger retten kannst. – Graf d'Aubaine," fuhr sie dann, sich zu ihm wendend, fort – "glaubt Ihr auch, dass der arme Knabe dort ein Mörder ist?"

Es lag in der Frage und in dem Blicke, mit dem sie von ihm fort zum wieder entschlummerten Reginald sah, eine verächtliche Herausforderung an die ganze Welt, die Tat ihr zu beweisen, die jede Sylbe ihrer Worte, jedes Zucken ihrer Muskeln verwarf; und die auf halbem Wege stehen gebliebene überzeugung des Grafen ward dadurch mit fortgerissen, so dass sie sich aus seiner Brust hervordrängte, wie ein frei gewordener Strom, ihn selbst überraschend, als er sein festes, ruhiges: "Nein!" hörte. –

"Da seid Ihr Euch denn selbst gerecht und erzeigt Euch einen grösseren Dienst, als Ihr jetzt begreifen mögt; denn Gottes Fluch muss d i e treffen, welche die Hand noch gegen dies Kind ausstrecken. –

Ihr scheint diese unglückliche Begebenheit sehr genau zu kennen," erwiderte der Graf – "der junge Mann scheint Euch nahe anzugehen?"

"So ist es!" erwiderte sie, mit einem rührenden Zucken von Schmerz; – "und Euch will ich sagen, wie der Zusammenbang ist. – Setzt Euch," fuhr sie fort – "und befehlt Euren Leuten, dass sie uns ein Weilchen mit ihren albernen Gesichtern verschonen. Ich will nicht gestört sein, wenn ich an meinem Herzen reissen muss."

Der Graf tat, wie sie befahl. Ihre unbeugsame Weise verriet sich so bestimmt, dass er ihr nachzukommen trachtete, ohne ihrer Berechtigung zu gedenken.

Als er sich ihr gegenüber gesetzt hatte, sagte sie sogleich: "Meiner Tochter, Ellen Gray, habt Ihr einst Gastfreundschaft erzeigt; ich teile nicht die Meinung dieser Törin, die Euch und die Eurigen für hochmütig hielt, und Ihr habt eben meinen Glauben bestätigt. Ich war die unglückliche Dienerin, welche die Mutter dieses Knaben, die rechtmässige Gräfin CrecyChabanne, aus England nach diesem verfluchten land begleitete, wo man ihr Ehre und Leben zu nehmen trachtete."

"Wen," rief der Graf – "wen meint Ihr damit? Ihr sagtet, die Gräfin Crecy-Chabanne!"

"Und ich sagte recht!" fuhr Emmy finster blickend fort – "ich sagte die Wahrheit, Graf d'Aubaine! Die Mutter dieses Kindes war in England rechtmässig an Leonin, Grafen von Crecy-Chabanne vermählt. Als seine Gemahlin folgte sie ihm hieher, und er vergrub sie in das düstere Schloss Ste. Roche; – er verläugnete vor dem Altare sein rechtmässiges Kind und raubte ihm seinen Namen; – und während er vor Gott nach gültigen Gebräuchen vermählt war, heiratete er ein anderes fräulein in Paris und betrog so Beide und hatte zwei Frauen. Aber dem Bastarde, den er dort erzeugte, gab er den Namen: Ludwig, Graf von CrecyChabanne, während er seinem rechtmässigen kind den Namen Ste. Roche beilegte."

Der Graf sprang auf. Dürr, trocken und hart hatte das unglückliche Weib die Worte herausgestossen. Wie früher Reginald, so zweifelte jetzt der Graf an ihren klaren Sinnen. "Frau," rief er, "Ihr sprecht fürchterlich sicher die schrecklichsten Anschuldigungen aus! Wisst Ihr, was Ihr sagt?"

"Ich weiss es!" sagte sie fest – "obwol ich selbst nicht begreife, dass ich so viel Elend mit gesunden Sinnen überlebte. Doch Gott wird mich aufgespart haben, zeugnis abzulegen; und es wird wahr sein und richtig, als stände ich vor meinem ewigen Richter, und wird doch Allen, wie Euch eben jetzt, das Haar zu Berge treiben."

"Emmy, Emmy," rief jetzt der erwachte Reginald – "was hast Du vor mit Deinem kühnen Einschreiten? Wage es nicht, mich leiten zu wollenich weiss, was mir zusteht. Die Gerechtigkeit, die Du mich gelehrt hast erkennen, werde ich fordern, um des heiligen Andenkens meiner Mutter willenund dieselbe Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen begraben, an dem so schwerer Fluch hängt!"

"Herr Graf," sprach er dann, indem er sich auf dem Lager aufrichtete, auf dem er angekleidet geruht hatte – "ich bin bereitist das Gericht versammelt?"

"Noch nicht," erwiderte der Graf verwirrt und erschüttert; – "ich wollte mich selbst überzeugen, ob Ihr zu den Verhandlungen fähig wäret."

"Ich bin es!" rief Reginald mit Festigkeit. "Meine Kräfte werden die kurze Zeit ausreichen. Seid gewiss, Herr Graf, was ich zu sagen habe, wird die Verhandlungen abkürzen; wir werden bald zur Entscheidung kommen."

"Unglückliches Kind," rief Emmy, hier einfallend, – "zu welchem