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, ging sie ihm entgegen und schmiegte sich an seine Brustmit einem Lächeln, das dem schon fest eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge einen Wert der Liebe verlieh, den der unglückliche Vater tief empfand, und der ihn weicher und hingebender machte, als er es je in sich gekannt. Er sagte einige Worte über Reginald's Befindenund für diesen Augenblick schien sie gelebt zu haben! Dies Erwarten des Vaters, dies Aufhorchen seiner Worte war das einzige Eigenmächtige an ihr; dann blieb sie nur ein zwischen Gehorsam und sanftem Widerstande geteiltes Werkzeug in fremder Hand, in tiefes, unablässiges Nachdenken versunken.

Es ward indessen dem Grafen kaum möglich, der Marschallin zu beweisen, dass eine gerichtliche Vorbereitung der Sache von seinen Gerichtsbeamten unzulässig sei; da der Angeklagte, als Fieberkranker, unmöglich in Verhör genommen werden könnte. Sie war in ihrem Schmerze von allen Dämonen ihres Inneren so verfolgt, dass sie um jeden Preis eine Tätigkeit herbeizurufen trachtete; und Reginald's Krankheitszustand, der sowohl den Prozess, wie sie selbst aufhielt, und sie an diesen einförmigen Landaufentalt fesselte, da sie über Alles doch selbst Wache halten wollte, liess sie mit Jedem zürnen, der sie auf die Unmöglichkeit einer schnelleren entwicklung hinwies.

So hörte sie denn mit grausamem Vergnügen endlich die Nachricht, dass die Krankheit des Unglücklichen sich gebrochen habe, und seine Genesung bei seiner Jugend nicht lange zu erwarten stehe. Wenige Tage später fuhr zu ihrer maasslosen Ueberraschung der Reisewagen ihres Sohnes in den Hof, der von einigen Kriminal-Richtern und dem nötigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet ward. Von zwei Dienern gestützt, in den Händen einen Stock, der ihn aufrecht erhalten musste, so wankte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne der Vater des Gemordeten und des angeklagten Mörders, dem teilnehmenden Grafen d'Aubaine entgegen, der, tief erschüttert von seiner traurigen Verfallenheit, ihn in einem Lehnstuhl in die für ihn bereiteten Zimmer tragen liess.

Wir übergehen die verschiedenen Scenen des Wiedersehens, die keinen versöhnenden Anklang für uns entalten würden, da Keiner die Gefühle des Anderen teilte, und zwischen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu überdeckende Kälte obwaltete, die noch auffallender in einem Augenblicke ward, der Liebe und Teilnahme aus ihrem tiefsten Verstecke hätte hervorheben müssen.

Die Marschallin hatte Zeit gehabt, sich mit ihrem Schmerze einzurichten, und das gewohntere Gefühl, jede erlittene Unbill an irgend wem zu strafen, machte das Gefühl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zusagenden Tätigkeit. Sie wusste daher ihr kaltes Herz unter religiösen Floskeln von Ergebung und Vertrauen zu verbergen und trat ihrem Sohne begierig, mit ihren fertigen Plänen zu Reginald's Vertilgung, entgegen. Aber entweder war sein Schmerz, oder seine körperliche Abspannung zu gross, um sich zu bestimmten Aeusserungen erheben zu können; keinesfalls gelang es der Marschallin, eine Teilnahme zu erwecken, wie sie ihr nötig war; und nachdem sie mit Souvré vergeblich alle Mittel versucht hatte, ihn zu lenken, beschlossen Beide bei ihrer vertraulichen Mitteilung, von ihm Nichts mehr zu erwarten, sondern die Gerichtspersonen in Tätigkeit treten zu lassen, und ihn, so viel als möglich, ausser Wirksamkeit dabei zu setzen.

Der Graf d'Aubaine musste daher einwilligen, einen Saal des unteren Schlosses zu den Verhandlungen in Bereitschaft setzen zu lassen. Reginald war bereits ausser dem Bette, bei vollständig wiedererlangter Geisteskraft, und bot kein Hinderniss mehr dar. Auch nährte der Graf eine sehnsucht, hiermit eine so trostlose Belästigung seiner Familie endlich aufgehoben zu sehen; da er allerdings die notwendigkeit einer ersten gerichtlichen Verhandlung in seinem schloss, von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war, und bei der grösseren Nähe des trostlosen Schauplatzes dieses Vorfalles, wie aller zu versammelnden Zeugen, einsah und sich ihr nicht zu entziehen wusste.

Während dieser Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit gesehen, um ihm die bevorstehenden Verhöre mit der menschlichen Güte anzukündigen, die in seinem Herzen vorwaltete. Er fand ihn stets ruhig, mit dem tiefsten Ausdruck eines männlichen Schmerzes, ohne Absicht, auf die Teilnahme des Grafen einzuwirken, oder die Anklagen zu berühren, denen er, nach einzelnen Andeutungen, mit einer festen überzeugung entgegen ging, die er eben so bei Anderen vorauszusetzen schien, ohne sie näher zu bezeichnen.

Als der Graf d'Aubaine am Tage des Verhörs bei dem unglücklichen Kranken eintrat, fand er eine Pflegerin dort, von der seine Leute ihm nichts zu sagen wussten, als dass Herr St. Albans aus der Pachtung Tabor mit seinem Fuhrwerke sie hergebracht; und, nachdem er sich auf ihr ausdrückliches Gebot sogleich habe zurückziehen müssen, sei sie nicht mehr von dem Kranken gewichen.

Sie war in steife, etwas fremdartige Trauerkleidung gehüllt und trug einen auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finsterem Kummer in ihren verfallenen Zügen. Der Graf konnte sie nicht ohne Teilnahme betrachten, wozu er hinreichend Zeit behielt, da sie, in ihre eigenen, schwermütigen Gedanken vertieft, auf nichts zu achten schien; denn der Kranke, an dessen Bette sie sass und an dessen entstellten Zügen ihre Augen hafteten, lag in einem leichten Schlummer, der ihre Tätigkeit für ihn eingestellt hatte. Nachdem der Graf sie hinreichend beobachtet, trat er so nah, dass sie ihn bemerkte. Sie richtete einen einen düsteren, prüfenden blick auf ihn; dann zeigte sie auf den Kranken, als gebiete sie ihm Stille. – Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck; ihre Persönlichkeit übte die Gewalt, die von einem entschiedenen charakter ausgeht,