gemacht – Dein zeugnis gilt nicht! Denn D u bist die Lüge selbst – Du bist der Rachegeist des Spinola – des fürchterlichen Rotmantels, der es mir so eben selbst gesagt!"
Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien gesucht. Niemand liebte ihn, und die gehässige Stellung, die er hier, einem Geheimnisse und dem angebeteten Jünglinge gegenüber, einnahm, liess ihnen den heftigen Ausbruch desselben fast zur Befriedigung gereichen. Doch eben hatten sie Worte vernommen, die zu sichtlich den Stempel des Wahnsinnes trugen; – erschrocken befreiten sie den zitternden Marquis.
"Bindet ihn! Bindet ihn!" schrie Souvré, fast erstickt in Wut – "er ist wahnsinnig – wahnsinnig!"
"U n d u m s o w e n i g e r v i e l l e i c h t s c h u l d i g !" rief der Richter. –
"Genug, mein Herr, genug! – Ich erkläre sie ihres Geschäftes hier dispensirt; – das Recht wird sich finden – es wird ohne Sie gehandhabt werden."
Souvré ergriff die unvollendeten Blätter des Protokolls. Der Richter verneigte sich und schied schweigend und erschüttert aus seiner Nähe, die Blicke noch voll Rührung auf das notwendige Opfer dieser schrecklichen Begebenheit gerichtet. – Der Marquis befahl augenblicklich, die Leiche in einen der Reisewagen zu tragen, und Reginald gebunden und bewacht daneben zu setzen. Langsam sollte dieser Zug erfolgen – er wollte nach Ardoise voran, um die traurige Vorbereitung zu übernehmen.
Doch, ob die Bemühungen der Diener nur gering – ob Reginald's Widerstand so mächtig war – sie erklärten dem Marquis, ihn zu binden sei unmöglich; – und da er ihres guten Willens bedurfte und das Hinderniss in i h n e n argwöhnte, so begnügte er sich mit dem Befehl an seinen eignen Kammerdiener, ihn im Wagen zu bewachen. Es war ein unnützes Gebot! fest hielt Reginald die teure Leiche umklammert; – ohne auf eine Vorstellung zu achten, schien er das unerklärliche, das schreckliche geheimnis dieses Todes nur an dem leblosen Busen des Lieblings ergründen zu wollen, hier allein von der wahnsinnigen Angst erleichtert zu werden, die seinen Verstand bedrohte. So ging die Reise langsam, aber unaufhaltsam fort. Souvré eilte voran; doch erreichte er erst am anderen Morgen, bei vorgeschrittener Zeit, Ardoise. Hier musste er zu seinem grossen Verdrusse erfahren, dass sämmtliche Herrschaften Tag's vorher nach MontRéal, dem Stammschlosse der Familie d'Aubaine, aufgebrochen seien, und man sie erst zur Tafel zurück erwarte. Um diese Zeit musste auch die Leiche eintreffen; Souvré sah die Gefahr der Ueberraschung ein und beschloss, augenblicklich ihnen entgegen zu reisen, und mit hülfe des Grafen die Uebrigen aufzuhalten, bis sie das Unvermeidliche erfahren. Doch der geschäftige Zufall drängte sich auch hier zwischen die Beschlüsse des Marquis!
Die Familie war schon früher von Mont-Réal aufgebrochen, um ein seitwärts liegendes, erst kürzlich vom Grafen d'Aubaine erbautes, kleines Jagdschloss zu besehen, welches die Damen noch nicht kannten. Dies machte, dass sie den Marquis de Souvré verfehlten, der erst später einigen auf geradem Wege zurückkehrenden Dienern begegnete und von ihnen die Abschweifung der Herrschaften erfuhr. Damit war wahrscheinlich Alles verloren! Souvré liess, so rasch die Pferde laufen konnten, umwenden; wir werden erfahren, wann er eintraf. –
Die Marschallin, Madame d'Aubaine und ihre beiden Töchter fuhren in einer bequemen Jagdkarosse, wie sie in Versailles Mode waren, von der Besichtigung des kleinen Waldschlösschens nach Ardoise zurückkehrend, durch den schönen, herbstlich kolorirten Buchenwald, der in den Park überging, und an ihrer Seite ritten die beiden Grafen d'Aubaine, Vater und Sohn, begleitet von Jägern und Stallleuten.
Franziska reizte durch ihre tief bekümmerte Stimmung die üble Laune der Marschallin in hohem Grade; sie kannte die Ursache dazu – und zugleich über Souvrés Sendung in höchster Spannung, trachtete sie nur darnach, Alles zu verbergen, was in ihr vorging, und führte mit besonderer Lebhaftigkeit die Unterhaltung. Als man in den Schlosshof einfuhr, erkannte die Marschallin die Reisekutsche ihres Enkels, welche angespannt im hof stand.
"Mein Enkel ist zurückgekehrt!" rief sie, sichtlich erfreut – "Souvré wahrscheinlich auch!"
Dagegen bemerkte der Graf d'Aubaine mit Erstaunen, dass die Diener aus dem haus nicht, wie es Sitte war, zum Empfange ihrer Herrschaften ihnen entgegen eilten, um den Wagen zu öffnen, sondern dass die bestaubte Reisebegleitung diesen Dienst versehen musste. Franziska verliess zuerst den Wagen. Ihr ahnendes Herz durchbrach die strengen Formen, die sie am Wagen festgehalten hätten – sie eilte mit flüchtigen Schritten der Entscheidung ihres Schicksals entgegen. Der Portikus des Hauses war mit allen Bewohnern gefüllt, Niemand beachtete das Geräusch der ankommenden Herrschaften; in eine Gruppe zusammengedrängt, umgaben sie einen Gegenstand in ihrer Mitte. Doch die junge Gräfin erkannte Reginalds laute stimme, der in einer Heftigkeit, die ihren Ton seltsam veränderte, einzelne Worte und Reden ausstiess.
"Um Gottes Willen, was ist hier geschehen?" rief sie mit der höchsten Seelenangst – und der Kreis der bestürzten Menge wich bei ihrer, Allen so eindringlichen stimme zurück. Sie stand jetzt vor Reginald, der glühend im Fieberwahnsinne, die Leiche des von der Reise bereits entstellten Ludwig, mit Riesenkräften an seine Brust gedrückt hielt.
"Reginald," rief Franziska überwältigt – "was ist geschehen? Um Gottes Willen, wer ist