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"Mein Herr, Sie müssen sich erklären!" wiederhol
te der Richter das oft Gesprochene. "Bleiben Sie dabei, diesen Jüngling als den Täter, als vorsätzlichen Täter zu bezeichnen?"
"Ja," rief Souvré, jede Unsicherheit abschüttelnd,
mit dem Siege der Hölle in der frohlockenden stimme – "ja, er ist der Mörder! Hierher hat er ihn, gegen den Willen der Seinigen, absichtlich gelockt, die schwarze Tat zu vollführen; – und zu spät musste ich kommen, sie zu verhindern."
Der Richter warf einen prüfenden blick auf Souvré,
dann sagte er kalt: "Ich habe bloss den augenblicklichen Tatbestand zu Protokoll zu nehmen. Die unglückliche Begebenheit wird bald in andere hände übergehen. Sie scheint mir sehr verwickelt; doch muss ich darauf aufmerksam machen, wie wichtig das erste zeugnis ist, wie sehr wir uns hüten müssen, mit vorgefasster Meinung hier zu Werke zu gehen; denn erwiesen ist hier nur der Tod!"
"Erwiesen," rief Souvré – "ist absichtlicher Todtschlag! Denn wir fanden den jungen Bösewicht mit dem Pistol in der Hand vor dem schlafend Ermordeten."
Der Richter schwieg und blickte auf die weinenden Diener: "Haltet Ihr den jungen Herrn dort für den Mörder?"
"Nein, nein, unmöglich! Sie liebten sich so sehr!" so erscholl es aus Aller mund.
Souvré wollte sprechen; doch seine Klugheit kehrte zurück – er hielt ein. – "Mein Herr, hier handelt es sich nicht um unsere Meinungen," rief er, anscheinend ruhig – "untersuchen Sie!"
Der Richter beorderte den Schreiber mit seinen Papieren an dasselbe kupferne Tischchen mit eingelegten Bildern, an dem einst Katarina von Medicis mit Spinola und Teophim zu spielen pflegte, an dem die jungen Leute so eben in brüderlicher Eintracht gesessen, und an welchem jetzt der Eine zum Mörder des Andern erklärt werden sollte. Die Aussagen der Diener waren bald verzeichnet. Sie konnten, so widerstrebend es ihnen auch war, ein böses Motiv unterzulegen, doch nicht abläugnen, dass Reginald hauptsächlich mit Hast und Ungeduld die Reise betrieben und die Bitten des Priors im Kloster Tabor, dort das Ungewitter abzuwarten, zurückgewiesen habe. Dagegen bezeugten sie freudig das innige Einverständniss der beiden jungen Leute, erzählten die Sorgfalt Reginald's für den ermüdeten Ludwig und überzeugten den Richter bald, wie viel mehr bei diesen Aussagen ihre Neigung und überzeugung zusammenfiel. – "Und dieser Schmerz," sagte der Richter ernst – "bezeichnet er wohl den Mörder?"
"Ha," rief Souvré – "es ist die Reue, die natürlich der jetzt ertappten Schandtat nicht fehlen kann!"
Der Richter nahete sich indess dem Angeklagten, der im wahnsinnigsten Schmerze noch immer laut schluchzend über der Leiche lag.
"Richtet Euch auf, junger Mann," rief der Richter – "antwortet uns!" Reginald fuhr empor.
"Ja, ja," rief er mit der schrecklichen Zerstreuteit, die der Vorbote des Wahnsinnes zu sein pflegt – "sprecht zu mir! O, sagt mir die Wahrheit – Ihr habt weisses Haar – Ihr dürft nicht lügen – o, das ist schön – das Alter ist auch weise, und was vorgeht in der Welt, hat es geprüft. Sagt mir, ich bitte Euch bei Eurer Seele Seligkeit – habe i c h ihn getödtet, oder Spinola, der schreckliche Rotmantel, der Ahnherr des Marquis de Souvré?"
Er bog sich weit vor, um forschend das Gesicht des Richters zu prüfen, und als dieser in ernstem Schweigen vor ihm stehen blieb, fuhr er bittend fort: "Sag', das Pistol – das Pistol, sag', wie war das? Der Rotmantel brachte mir Ludwig's geliebtes Haupt. – Gott der Barmherzigkeit, da schoss ich! Habt Ihr's gehört? Habt Ihr den Schuss gehört? – Sprich, alter Mann! Dir will ich glauben – hat dieser Schuss meinen Bruder getroffen?" Ein lautes Geschrei – krampfhaft zerrissen von Schluchzen – brach bei diesen Worten aus seinem mund.
Der Richter schüttelte schmerzlich das Haupt. "Gott weiss," sagte er halb vor sich hin – "der beging keinen absichtlichen Todtschlag! – Junger Mann," fuhr er dann lauter fort – "sammelt Eure Lebensgeister! Ihr müsst mir Antwort geben – wir wollen nicht Schuld – wir wollen Wahrheit entdecken! Ich – ich hörte den Schuss n i c h t – und weiss nicht, ob er aus Eurem Pistol kam."
"Nicht? nicht? Du hörtest ihn nicht? Du sahest mich nicht?" schrie Reginald, auf ihn zustürzend; – "o, dann – dann bin ich es vielleicht nicht – dann fiel vielleicht kein Schuss – wenigstens nicht aus meinem Pistol!"
"Wozu die Heuchelei!" schrie Souvré, empört über die milde Weise des Richters – "i c h hörte – i c h sah es! – Elender, ich traf Dich, das Pistol auf Deinen Freund gerichtet – ich hörte den Schuss, ehe ich die Tür öffnete."
Aber ehe der Richter noch antworten konnte, stürzte Reginald auf Souvré zu, er griff ihn und schüttelte ihn mit der Gewalt des Wahnsinnes.
"Ungeheuer," rief er – "Du lügst! Dein ganzes Leben ist Lüge und Verbrechen! Du hast meine Mutter getödtet – Du hast ihren Gatten zum Verbrechen geführt – Du hast mich, den rechtmässigen Erben, zum Bastard