regte es doch auch jedes Mal den guten Willen Aller an, ihm zu hülfe zu kommen. Während die Diener sich mit dem Feuer beschäftigten, bemühte sich Reginald, von den alten Stühlen und ihren bauschigen Kissen Ludwigs Stuhl bequemer zu machen, und als der ihn stumm, aber dankbar anlächelnde Bruder ruhte und mit warmen Mänteln überdeckt war, zog er ein klirrendes, schreiendes Tischchen von getriebenem Kupfer herbei, das seine Staubdecke räumen musste, und auf dessen mit künstlichen Bildern eingelegter Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geschicklichkeit die Mundvorräte ausbreitete, die der gute Prior ihnen mitgegeben. Bald war so eine Art Bequemlichkeit eingetreten, die wenigstens als Gegensatz des draussen wütenden Sturmwindes so genannt werden konnte; da der Kamin wirklich in hellen, prasselnden Flammen die zertrümmerte Pracht des vorigen Jahrhunderts verzehrte und damit in seiner Nähe wohltuende Wärme verbreitete. Ludwig griff nun auch, sichtlich erquickt, zu den speisen, die der Klosterküche Ehre brachten, und fühlte sich besonders von dem starken, alten Weine neu belebt, welcher ihnen in einer Berechnung zugeteilt war, die den Maassstaab des dort zuerkannten Bedürfnisses verriet.
"Jetzt," rief Reginald – "bin ich erquickt, und unsere Leute werden es auch sein. Ruhe Du hier, mein Lieber – ich will mit den Leuten und unseren Pistolen die nächsten Räume untersuchen; denn ein offenes Haus will ein nötiges Bedenken erregen. Behalte Du eine von Deinen geladenen Pistolen hier, mit den anderen bewaffnen wir uns."
Ludwig war es zufrieden, und Reginald durchspähte zuerst ihren Aufentalt. Das Zimmer war mit kostbaren, aber verwitterten Gobelins behangen, darunter standen fest und unversehrt verschlossene Schränke, die eine fortgesetzte Skulptur in Ebenholz waren und, mit Gold, Silber und Elfenbein untermischt, Gegenstände aus dem alten und neuen Testamente darstellten. In der Gegend des Tronhimmels stand eine lange, eben so kostbar gearbeitete Tafel, über der ein verstaubter Teppich von purpurrotem Sammet mit goldenen Frangen hing. Ausser der Eingangstüre befanden sich noch zwei kleinere in diesem Zimmer; die eine öffnete sich nach einer offenen Gallerie, von der ihnen sogleich der Sturm entgegen wehte, der sie der festen tür froh werden liess. Dagegen war neben dem Tronhimmel eine vierte, grössere tür, die Neugierde und Verdacht in ihnen erweckte; da sie mit mehreren Schlössern und eisernen Balken verwahrt war, die nach einigen Versuchen, sie zu öffnen, sich als zu stark befestigt zeigten, um den Eingang möglich zu machen. Dies machte auf Reginald einen sehr unangenehmen Eindruck, und er fühlte damit sorge und Unruhe in sich angeregt; obwol er bemüht war, sie zu verbergen, da er Ludwigs eintretende Ruhe zu stören fürchtete. Um so viel sorgfältiger untersuchte er die anstossenden Räume; und alle zeigten sich durchaus beruhigend. Er befahl einem der Diener, mit dem Pistol in der Hand im Vorsaale zu lagern, den zweiten liess er vor die Tür nach der Gallerie sich legen; er selbst aber nahm Ludwig gegenüber am kupfernen Tischchen Platz, so dass er die geheimnissvolle Tür im Auge behielt. Er hoffte, Ludwigs leichten, krankhaften Schlummer bewachen zu können, trank mehr Wein, als gewöhnlich, um sich munter zu erhalten; und da das sonderbare, wehklagende Geschrei der vom Sturm umwehten Zinnen und Türme in dem mannigfachsten Wechsel seine Phantasie anregte, fühlte er sich auch der Müdigkeit widerstehend, die ihn von dem Augenblick an bedrohte, als Ludwig vor ihm in gleichmässigeren, ruhigeren Schlaf versank. Er fasste das scharf geladene Pistol fest in die rechte Hand und sich in den Lehnstuhl zurücklehnend, blieben seine Augen, wie gefesselt, an der verschlossenen tür haften. O, wie sammelte die Ruhe, die für seine Gedanken eintrat, die Bilder, die aus Emmy's mächtiger Rede über das Verhängniss dieses Hauses in ihm niedergelegt waren! Von der Gruft der Claudia von Bretagne an, bis zu dem blühenden, schönen Bilde seiner kindlichen Mutter, durchlief seine angeregte Phantasie nach Emmy's strenger Anordnung alle begebenheiten. Wie schmerzlich und qualvoll stieg ihr und sein Schicksal in ihm auf, und wie dämonisch wuchs besonders Souvré's Gestalt in diesem Bilde an, von dem er sich erst jetzt eingestand, wie sehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war. Wie verhängnissvoll erschien ihm dies Schloss selbst, das in seinem Bereich immer nur Unglück und Schuld über seine Bewohner häufte; denn Emmy hatte nicht unterlassen, die Gräuel der Katarina von Medicis, des Teophim von Crecy, des Spinola zu berühren, wenn auch nur, um den Vorwurf zu verstärken, dass man Fennimor eine so entweihte wohnung angewiesen. – So reihete sich Bild an Bild und erregte fieberhaft sein wallendes Blut. Der kühne Jüngling, der die Furcht noch erst erfahren sollte, lernte plötzlich ein Gefühl kennen, für das er, da es ihm neu war, den Namen nicht wusste. Er blickte in dem ungeheuren, dunkeln raum mit klopfendem Herzen umher; das tiefe Schweigen, was jetzt hier herrschte, schien ihm entsetzlich; dieser Schauplatz geselliger Lust, ohne Zweifel von allen und den verschiedensten Bewohnern zu diesem Zwecke benutzt, zeigte keine Spur mehr seines früheren Lebens. Die Sessel blieben unbesetzt, die Tische leer, und die ungeheuren Schränke verhüllten ihren Inhalt, zum Dienste jener Zeit gehörend. "O," rief Reginald plötzlich unbewusst – "dies Schweigen ist unerträglich! Besser, es belebte sich Alles mit den Gestalten der Vergangenheit!"
"So folge mir!" rief eine hohle, ernste stimme hinter ihm. Entsetzt wandte er sich und