gibt, statt so schwierige Forderungen sich anzukünsteln."
Elmerice fühlte sich, hierauf zu erwiedern, nicht geneigt; noch übersah sie den Charakter dieser Frau nicht, ihre Bescheidenheit und die Furcht, ihr anmassend zu erscheinen, liess sie lieber schweigen, da es ihr überdies schien, dass sie beide von ganz verschiedenen Dingen gesprochen hatten, die neben einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten, aber einander doch so unähnlich waren, dass an eine Ausgleichung nicht zu denken war.
"Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweisen und für Euer Gepäck sorgen," sagte Madame St. Albans – "denn seht, liebe Miss, ich muss überall selbst die Augen haben, auf die Leute ist kein Verlass. Doch fürchte ich," fuhr sie fort, indem ein empfindlicher Ausdruck von Misstrauen auf ihrem gesicht erschien, "Ihr werdet grossen Abstand finden. Das schöne Schloss von Ardoise findet Ihr hier nicht; wir sind stille, bescheidene Leute, die auch so Haus und Hof eingerichtet haben;" und nun suchte sie durch vermehrte Höflichkeit sich selbst über die Unsicherheit zu täuschen, die ihr die Gesinnungen der jungen Dame eingeflösst.
Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen, und bemühte sich, fast auf Kosten ihres sonst so ruhigen und natürlichen Wesens, ihre Anerkennung und ihr Vergnügen über Alles, wie sie es vorfand, an den Tag zu legen; auch war zum Missfallen nirgends Veranlassung. Eine kleine Treppe, die gleichfalls hinter einer der sechs Saaltüren lag, führte in die obere Etage, und hier fand Elmerice ein so hübsch eingerichtetes Zimmer, in so glänzender Reinlichkeit strahlend, dass es ihr nicht schwer ward, Vergnügen darüber zu bezeigen. – Doch hörte Madame St. Albans nicht auf, Alles entschuldigend und selbst herabsetzend zu besprechen, unter dem oft wiederholten Zusatze: "Aber wir sind stille, bescheidene Leute," ohne Ahnung, wie die Beilegung zweier solcher Tugenden wenigstens das Prädikat der Bescheidenheit verdächtigte. Bald aber verliess sie ihren Gast, um sich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen, und Elmerice fühlte einen Anflug von Erschöpfung und Abspannung, wie er uns am häufigsten kommt, wenn wir uns einer fremden, in ihrer Art und Weise sicher gewordenen natur gegenüber fühlen, die wir nicht durch das Hervortreten unserer abweichenden Gesinnungen zu verletzen wünschen, weil wir fühlen, dass wir ihre Eigentümlichkeit wohl verstehen und achten können, aber überzeugt sind, die unsrige unverstanden und gemissbilligt zu wissen.
Elmerice hatte mehr Worte, mehr Höflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht, als ihr sonst irgend zu Gebote war. Die leicht hervortretende Heftigkeit der guten Frau hatte sie erschreckt und nur daran denken lassen, sie in milder Stimmung zu erhalten; sie fühlte im Augenblicke des Alleinseins, dass sie sich angestrengt habe, und sie wusste nicht, ob sie zufrieden oder unzufrieden mit sich sein sollte. Doch bestrebt, mit sich ins Klare zu kommen, hielt sie die Erinnerung an den Zügen von Gutmütigkeit fest, die ihr unverkennbar aus dem gespräche mit Madame St. Albans hervorgetreten waren, und beschloss nichts Anderes, als diese, sehen und hören zu wollen.
Zur Ruhe gekommen durch diesen Beschluss, richtete sie sich jetzt in ihrem neuen Zimmer ein, und schrieb einige Zeilen an ihre Wohltäterin, da die Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoise zurückkehren sollten. Diese Zeilen hatten sie in eine grössere Gemütsbewegung versetzt, als anscheinend Grund dazu vorhanden war, und dies wohl fühlend, eilte sie ihre trähnenden Augen an dem geöffneten Fenster zu kühlen. Sie überblickte von hier aus in weiterer Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald, dass der Benutzung des Bodens zum Erwerbe jede Annehmlichkeit aufgeopfert war; nirgend zeigte sich eine Baumanlage, ausgenommen einige dürftige Kastanienstämmchen, die auch den Zweck haben mussten, krankes Vieh darunter zu bergen, denn sie sah ein Pferd, an einen Pfahl gebunden, auf dem Boden liegen. Ordnung, Fleiss und Wohlhabenheit war dagegen der unverkennbare Stempel, der allen Gegenständen aufgedrückt war, und ganz dazu geschaffen, Elmerice angenehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu stimmen. Sie bestärkte sich daher darin, dieser zärtlichen Freundin ihrer Mutter achtend und freundlich entgegen zu treten, und beeilte sich, da die Stunde herangekommen war, zum Abendessen hinunter zu steigen.
Der grosse Saal, oder vielmehr der Hausflur, da er zugleich der Eingang vom hof aus war und mit seinen sechs Türen fast zu allen Räumen des Hauses führte, war mit Fliesen getäfelt, die Wände weiss getüncht und mit einigen Versuchen von Stuckatur versehen. – In der Nähe der Fenster stand ein grosser eichener Esstisch, mit eben so massiven, hochlehnigen Stühlen umstellt, auf deren Sitze Madame St. Albans eben beschäftigt war, rote damastene Kissen zu legen, offenbar ihrem gast zu Ehren, denn Marylone, die junge Magd, die Miss Eton zuerst begrüsst hatte, stand damit bis unter das Kinn bepackt, und wurde nur durch das hastige Zugreifen ihrer Gebieterin nach und nach von ihrer Last befreit.
"Ah, seht doch, da seid Ihr schon, Miss Eton;" sagte Madame St. Albans, offenbar von dem zu frühen erscheinen derselben gestört – "nun, Ihr seid nicht ungesellig, wie ich sehe, und das freut mich, obwohl meine Zeit mir wenig eigentliche Ruhe gönnt."
"Wenn ich mich wohl in Eurem haus fühlen soll," sagte Elmerice, "müsst Ihr, liebe Madame St. Albans, vor allen Dinge nie auf mich Rücksicht nehmen. Ich hoffe, dass Ihr mir gestatten