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kann die persönliche Uebernahme dieser Güter nicht länger verschieben, denn obwohl sie mir seit drei Jahren gehören, lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden Akt noch immer von mir ab; doch sehe ich ein, dass mein Anwalt Recht hat, der mir die Verwirrungen vorstellt, die notwendig daraus entstehen müssen."

"Sind das die Güter, die Du von dem Grafen Crecy, dem alten finstern Bruder Deiner Mutter erbtest?" fragte die Marquise.

"Sie sind's," erwiderte ihr Gemahl – "und selten ist wohl eine Erbschaft, die eine halbe Million betragen mag, mit schwererem Herzen angetreten worden, als dieseja, ich gestehe Dir, dass ich mich noch nie der Revenüen, die daher kommen, zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mögen, dass ich mich mehr als den Verwalter dieser schönen Güter, als den Besitzer ansehe, und ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe, da die lange trübselige Vernachlässigung derselben dies auch nötig erscheinen liess."

"Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen hören," sagte die junge Frau – "obwohl ich wusste, dass sie Dir gehörten, und ein Umstand mich für sie interessirte, nämlich die Nähe von Ardoise, dem schloss meiner geliebten Tante Franciska. Doch sage mir, darf ich erfahren, warum sie diesen seltsamen Eindruck auf Dich machen?"

"Es gehörte viel Zeit dazu, Dir den ganzen Inhalt dieses Gefühls zu erklären," erwiderte der Marquis. "Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens bei diesem alten unglücklichen Oheim zu, und er hat vor mir in seinen langen schlaflosen Nächten die geschichte seines trüben und schuldigen Lebens mit einer klarheit der Erinnerung, mit einer Schärfe der Combination entwickelt, die die Fähigkeit hohen Alters zu übersteigen schien, und nur dem krankhaften, stets lebendigen Reize seines gequälten Gewissens zuzuschreiben war. Er sah mich allerdings als seinen nächsten Erben an, und darum wünschte er mich in der letzten Zeit seines Lebens, dessen Ablauf er erkannte, um sich zu habenaber in diesem Wunsche, dessen Erfüllung die Welt nur als die Pflicht des natürlichen Erben nahm, lag weit mehr die Absicht des Unglücklichen, diesen unbestrittenen Erben empfänglich zu machen für den Gedanken eines möglichen Verlustes dieser Erbschaft; denn der Hauptinhalt dessen, was ich mir vorbehalte, Dir später ausführlich mitzuteilen, ist, dass die Möglichkeit vorhanden, es lebe noch Einer, der nähere Rechte auf diese Besitzungen habe."

"Mein Gott," rief die Marquise, "wie seltsam ist das! wie spannst Du meine Neugierde! und sage, hat sich nach dem tod des alten Herrn keine Entdeckung machen lassen? dauert Deine Ungewissheit ohne alle Mutmassungen fort?"

"Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nördlichen Küste von Frankreich," erwiderte der Marquis – "aber trotz dem, dass ich nach dem tod des Unglücklichen die sorgfältigsten Nachforschungen anstellen liess, hat bisher keine auf eine Spur leiten wollen, die irgend eine Entdeckung verspräche; dessen ungeachtet begreifst Du, dass ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein Eigentums-Gefühl zu diesen Besitzungen haben konnte. Ueberdies sind noch die Erzählungen von den traurigen und finsteren Dingen, von denen die Hauptbesitzung der Schauplatz war, mir zu gegenwärtig, um es wünschenswert zu machen, mir dort als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen. Und" – setzte er lächelnd hinzu – "wie findet mich meine junge Gemahlin, dass ich grade dortin ihr den Weg vorschlagen will, und wahrlich ihr keinen andern Aufentalt anzubieten weiss, als eben jenes alte verwünschte Schloss von Ste. Roche, von dem mehr Spuck- und Gräuelgeschichten die Gegend durchlaufen, als wir in einem Jahre anzuhören vermöchten."

"Nun," rief Lücile – "ich bin nicht abgeneigt, mich ein wenig zu grauen, wenn ich nur recht vollständig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag daran zu denken brauche." –

"Auch schreibt mir mein Verwalter, er habe den rechten Flügel des Schlosses, der überhaupt ein neuerer Anbau ist, und eine freiere Aussicht und lichtere Räume gewährt, so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter, das Schloss zu betreten, gehen wollte, etwas aufräumen lassenwogegen Dir zum Grauen jedoch noch genug Veranlassung bleiben wird, da ich aufs Bestimmteste verboten habe, den übrigen teil des Schlosses anzurührenbis auf die äusseren Reparaturen der Dächer, Türen und Fenster. Den linken Flügel musste ich bis auf Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen, denn dieser steht unter einer besonderen Autorität, die ich zu respektiren habe angeloben müssen in dem ganzen Umfange, wie dies mein Oheim zu tun sich gelobt hatte. Diese Autorität ist eine alte Frau, welche ihr Leben in diesem schloss, und seit einigen fünfzig Jahren in diesem Flügel, oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben zubringt, welche Niemand den Einlass gestattet und von Niemand dazu gezwungen werden kann, – so dass von allen, die dort leben, sich Niemand rühmen darf, das Innere dieses geheimnissvollen Ortes betreten zu haben. Bevor ich die Güter übernahm, hauste sie und ein alter Kastellan in diesem schloss, und es war die höchste Zeit, dass eine andere Macht dort einschritt, da das alte Schloss, so fest und fast unverwüstbar es auch erbaut ist, doch bei der gänzlichen Vernachlässigung, die es, wie alle übrigen Besitzungen, erleiden musste, allgemach immer baufälliger zu werden begann."

"O, wie sehne ich mich nach Ste. Roche!" rief