Bruder, Du wirst ihm selbst Alles, Alles sagen, wie mir."
"Ha, dem Bastarde?" rief Emmy – "dem, der Dich verdrängte von Deinem angestammten platz?"
"Schweig!" rief Reginald, mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes – "und wage nicht, ihn noch ein Mal so zu nennen! M e i n B r u d e r ist Ludwig; – er s o l l so rechtlich geboren sein, wie i c h s e l b s t , und nur t h e i l e n will ich mit ihm!"
Emmy verblödete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen Entschlossenheit des jungen Mannes. Es war ihr schon recht, dass er selbst i h r Trotz bot, und sie erlebte von dem Zöglinge gern, was sie von Niemandem duldete.
"Die Dokumente, das Blatt des Kirchenbuches über die Vermählung meiner Eltern und meinen Taufschein, den hebe mir auf. Ich muss Ste. Roche sehen – ihr Grab – ihr Grab! O, ich habe Nichts früher auf dieser Welt zu tun! – Erst ihr Grab," rief er – "und dann das trostlose Leben!"
Plötzlich siegte die Wehmut; er brach in Tränen aus, und sie, die selbst keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte, sah in tiefem, ernstem Schweigen zu, wie sein junges, zertrümmertes Herz sich abarbeitete. Sie freute sich dabei seines ganzen Wesens – wie ihn der Schmerz nicht entkräftet hatte, und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt.
Endlich sprang er auf, er schüttelte die nassen Lokken aus dem gesicht und nahete der alten Freundin: "Geh zurück nach Ste. Roche, Emmy, und erwarte mich morgen dort; – ich komme mit meinem Bruder Ludwig – ich werde ihn vorbereiten; denn er hört das besser von mir; und über ihrem grab werden wir das Weitere beschliessen. Ich verspreche Dir dabei, dass ich der Marschallin und Allen, die es ihr verraten könnten, verbergen werde, wohin wir gehen; – ihr werde ich keine Einmischung gestatten, darüber sei sicher."
Es war die höchste Zeit, dass man sich trennte, wenn Reginald Ardoise noch erreichen wollte, ohne Verdacht zu erregen; aber trotz seines schnellen Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mitteilungen doch rasch verflossen, und Reginald erreichte erst das Forstaus, nachdem, wie uns bekannt, seine Abwesenheit von Allen bemerkt worden war. –
Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzählten, trat in vielen Zwischensätzen mit dem reichen Gefühlswechsel in beiden Jünglingen, wie er notwendig in dieser Mitteilung begriffen sein musste, hervor; – aber in Beiden siegte die rein geteilte Freude, Brüder zu sein; und so fest, so sicher waren sie sich, dass Keiner dem Anderen eine Versicherung gab, Beide durch ihre Liebe geschützt, die nur noch erhöhter, noch gerechtfertigter schien durch die neuen Bande.
Die Aussenwelt erinnerte sie erst wieder an sich, als sie zum Pferdewechsel die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen. Der Himmel war nicht allein von dem nahenden Abend umdüstert – ein Gewitter hing mit schweren, bleifarbenen WolkenGebirgen über ihren Häuptern. Dringend luden die Mönche die jungen Männer zum Verweilen ein, ihnen den Weg durch die Wälder von Ste. Roche in der Nacht fast unwegsam schildernd; vergeblich waren diese Abmahnungen, Reginald wies sie alle zurück, mit dem düsteren und heftigen Ungestüme, den seine Erregung mit sich führte. Der gutmütige Prior konnte endlich nichts tun, als ihren Wagen mit einigem Proviante zu füllen und die besten Pferde und den kundigsten Wegweiser hinzuzufügen.
Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten, als sie den Wald erreicht hatten. So lange die Blitze ihren Weg erhellten, zeigte sich der Wegweiser nützlich, und der Wagen bewegte sich langsam vorwärts; aber sie hörten auf, ohne dass der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte, und jetzt stürzte der Regen in Strömen herab. Der Weg ward zum Giessbache, fackeln und Windlichter erloschen, und die Pferde an den Zügeln führend, bewegten die Leute den Wagen nur unter grossen Schwierigkeiten vorwärts. Wie langsam und beschwerlich ihre Reise unter solchen Umständen vor sich gehen musste, ist leicht zu übersehen. Oft liessen sie halten, oft kehrten sie um, wenn sie in völlig unwegsame Bahn geraten waren; und es glich mehr einem Wunder, dass sie endlich das Ende des Waldes erreichten, als einem erwarteten Resultat ihrer oft so vergeblichen Anstrengungen.
Mitternacht war indessen vorüber, als sie die gelichteteren Stellen des Waldes, die das Schloss Ste. Roche erkennen liessen, erreichten. Der Regen hatte aufgehört; aber der Sturm wälzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt über den zitternden Boden. Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen, sie wollten sich selbst den Eingang zum schloss suchen; denn ihre Diener hatten mit den erschöpften Pferden zu tun, und der Wegweiser erklärte, dass er um keinen Preis das alte Geisterschloss betreten würde und tat Alles, was seine plumpe Ueberredungsgabe vermochte, die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten.
"Herr, Herr," sprach er – "das ist ein Unglückshaus; noch Niemand hat es unbeschädigt verlassen, die Meisten fanden ihr Grab darin und litten vorher viele höllische Qualen. Räuber sollen auch darin hausen! Und was Wunder – seit St. Albans, der alte Kastellan, verstorben ist, und der Sohn die Pachtung vom Kloster Tabor übernommen, steht Alles verlassen; die Tore