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seitwärts, und Emmy sah den Jüngling dicht neben ihrem stuhl knien und das volle Morgenlicht jeden Zug seines schönen, ihr so erinnerungsreichen Angesichtes erhellen. Sie legte die Hand auf seine vollen Locken, und ihre Augen wurzelten prüfend auf seinen Zügen. Sie vergass sich gänzlich selbst; schmerzlich stöhnend, hob sich zuweilen ihre Brust, und grosse Tränen rollten einzeln über ihre Wangen; aber sie ahnte nicht, wie sie ihre Gefühle dartat. Reginald mit seinem edlen, verstehenden Herzen störte sie nicht; liebevoll lächelnd, hielt er das lange Examen ihrer trostlosen Augen aus, ohne sich zu regen; nur der Prior störte endlich diese stumme Scene, die er nicht mehr verstand.

Mit ihrer alten, kecken Weise fuhr jetzt Emmy, wie sie ihn, den Vergessenen, als Zeugen ihrer Empfindungen sah, ohne Bedenken auf: "Ihr hier, Prior? Ich dachte, Ihr hättet mir ungestörtes Beisammensein zugesagt? – Nun, es sei! Wenn wir Euch hier zu viel sind, so weist uns einen andern Platz an."

"Beruhigt Euch," lächelte der Prior gutmütig, "ich werde gehen, und Ihr sollt nicht weiter gestört werden."

"Nun so tut das," rief sie ungeduldig – "die Zeit wartet nicht auf uns!"

Als der Prior sich zurückgezogen hatte, sprang Reginald von seinen Knieen auf und fiel der vollständig wieder erkannten, alten Wärterin mit dem Ungestüme eines Kindes um den Hals. "O Emmy, liebe Emmy, wie habe ich Dich so vergessen können, da mir Alles einfällt, nun ich Dich wiedersehe? O, wie danke ich Dir, dass Du mich gezwungen hast, Dich zu sehenwie von Herzen froh werde ich nun sein, mit Dir schwatzen zu könnenall' die lieben Erinnerungen meiner Kindheit mit Dir zu sammeln!"

Emmy's Gesicht bekam fast einen Ausdruck, als wollte sie lächeln; aber zu tief hatte sie den Schmerz sich mit jeder Faser ihres Wesens verketten lassenes ging nicht mehr! Selbst die Wonne, die der Anblick dieses Lieblings ihr gab, riss nur in heftigen Erschütterungen erstarrte Schmerzen wieder lebendiger hervor.

"Reginald! Reginald! geliebtes Kind! teures Andenken Deiner seligen Mutter!" rief sie – "wir haben WichtigeresErnsteres zu tun! Langelange schon musstest Du wissen, was ich Dir erst jetzt sagen kann; – aber die Barbaren rissen Dich von mir; denn sie fürchteten, was in meine Gewalt gegeben war Dir zu sagen. Wo sollte ich Dich finden in dem schrecklichen Sodom, wohin sie Dich schlepptenund als Ellen Dich sah, Du zuerst in meine Nähe gekommen warstda hast Du Dich geweigert, meinem Gebote zu folgen. Die törichten Leute dort hielten Dein Herz fest, und Du vergassest Deine Pflicht gegen mich!" –

"O vergieb doch nur und halte mir nicht mehr vor, was mich so tief betrübt. Sieh', ich hatte Dich ja vergessen!" –

"Vergessen! vergessen" – wiederholte Emmy bitter – "vergessen! Das ist eine Ader aus dem Herzen Deines VatersDeine Mutter wusste davon Nichts. Ha, junger Bursche, wenn ich dächte, Du hättest noch mehr von diesem Vater in Dir!" Sie starrte ihn so wild an, dass er fast davor schauderte.

"Sag' mir, Emmy," hob er an, um sie zu zerstreuen – "kanntest Du meinen Vater so gutund willst Du mir von beiden älteren sagen, von denen ich nie erfuhr?" –

"Das will ich, mein Sohn! Darum kam ich her und entbot Dich zu mir. Aber freue Dich nicht darauf; – was Du hören wirst, wird Deinen Herzschlag hemmen und Deine Jugend welken lassen. – Und doch musst Du es wissen; denn Du musst Recht fordern für Deine Mutter, von Deinem Vater entehrte Mutter!"

"O Emmy," rief Reginald, von ihrer Stimmung unsicher gemacht und an ihren klaren Sinnen Zweifel bekommend; – "schone die toten! Er wird schon vor Gott das ewige Gericht erfahren haben, hat er gefehlt; – lass' den Sohn nicht Richter werden über den Verstorbenen!"

"Den Verstorbenen?" – rief Emmy heftig – "ha, Gott hat ihm zu seiner Strafe das Leben gelassen. – Ja, er lebt; und ich hoffe so elend, wie er es verdient! Sag' mir," fuhr sie fort, ohne von Reginald's Entsetzen Kenntniss zu nehmen – "sag' mir, ob sie mir recht gesagt hat, das plappernde Ding, die Ellen, lebt der Graf Crecy in finsterer, menschenfeindlicher Zurückgezogenheit und findet weder Trost, noch Freude?"

"Was willst Du mit ihm, Emmy?" rief Reginald bebend; – "was kümmert Dich der unglückliche Mann, der mein Wohltäter war von Jugend auf, und dessen Trübsinn ich schmerzlich beklage?"

"Ha, schweig'," rief Emmy – "und spare Dein töricht Mitleiden! Dieser Wohltäter, wie Du ihn zu nennen wagst, ist der Räuber Deines Namens, Deines Rangesder Mörder Deiner Mutterder grösste Bösewicht der Erde und Dein rechtmässiger VaterDu sein erstgeborner, ehelicher Sohn!"

Mit einem Schrei sprang Reginald von seinem platz aufwild, ausser sich, ergriff er Emmyer schüttelte sie mit einer Kraft, dass sie bebte, und bleich, mit Schweisstropfen die