Viel verlangt? Passt es wieder nicht? Habt Ihr gar keine Verpflichtungen, als Euch dort bei den hochmütigen Leuten zu vergnügen?"
"Ihr tut mir Unrecht, Madame St. Albans! Ich bin gegen die Verpflichtung, der Wärterin meiner Kindheit dankbar zu sein, nicht gleichgültig. Aber Ihr dürft, ohne ungerecht zu werden, nicht übersehen, dass meine Entfernung sehr unhöflich sein würde, da wir nur zwei Tage bleiben können."
"Ach, meine arme, arme Mutter!" rief Madame St. Albans mit einem so wahren Ausdrucke von Schmerz, dass jetzt erst Reginald's Teilnahme erregt ward. – "Sie überlebt es nicht, wenn sie abermals getäuscht wird! Herr, ich bitte Euch – überlegt, was Ihr tut! Wenn Ihr die Frau kenntet, die Euch begehrt, da würdet Ihr gehen, so weit sie Euch riefe. Seht, sie sagt nie ein Wort umsonst, und Jeder, der sie kennt, gehorcht ihr. Da sie nun Euch fordert, wie noch nie einen Menschen – da sie mich schickt, Euch zu treiben – und so voll Todesangst ist, als hinge Euer Leben daran – da seid sicher, es ist wichtig. – Lasst Alles, Alles fahren und brecht auf mit mir; ich habe im wald ein kleines Fuhrwerk aus dem Kloster; fahren wir gleich ab, können wir noch in der Nacht eintreffen, und Ihr könnt um Mittag wieder zurück sein!"
Reginald schwankte. Mit einem Male – er wusste selbst nicht, ob durch Ellen's Gründe oder ob aus freier Wahl – fühlte er sich getrieben – er sagte es ihr und wollte den Förster auf das Schloss schicken, ihn zu entschuldigen.
Doch dem widersetzte sich Ellen auf das Bestimmteste. Niemand dürfe ihre Anwesenheit ahnen, das gerade habe die Mutter bestimmt geboten, und auch der Förster, der ihrer Mutter zugetan sei, werde nicht gegen ihre Befehle handeln.
Nach einigen Minuten sass er neben Ellen in einem kleinen Wägelchen, in welchem die Mönche zu ihren Pfarrkindern fuhren, und rollte rasch dem Kloster Tabor zu, ohne von Ellen's Unterhaltung belästigt zu werden, die in einem übellaunigen Schweigen verblieb, gelegentlich ihre linkische Empfindlichkeit dartuend.
Doch graute der Morgen bereits, ehe Beide das alte Kloster erreichten, von dessen Bewohnern sie freundlich empfangen wurden und benachrichtigt, dass Mistress Gray bereits angekommen sei und ihrer in den Gemächern des Priors harre. – Als Reginald in das hohe, gewölbte Gemach eintrat, das vollständig den Reichtum bezeichnete, welcher dem Oberhaupte der Abtei zustand, sah er den ehrwürdigen Prior vor einer Frau stehen, die in einem hohen Lehnstuhle vor ihm sass, ein bleiches, abgezehrtes, strenges Antlitz zu ihm aufhob und, wie es schien, sehr missfällig seinen Worten zuhörte.
"Bedenkt und überlegt wohl, was ich Euch sagte," sprach er, wie zum Weggehen bereit – "ein Wort ist bald gesprochen; – aber das Gesprochene nie zu widerrufen. Sobald der Andere es vernommen, ist es sein Eigentum mit allen seinen Gefahren, mit allen Folgen, die kein Wort mehr abzuhalten vermag."
Die Frau neigte kalt das Haupt. "Ihr habt Rat erteilt, wie es Euch trieb, und Ihr hattet Recht dazu – ich tue gleichfalls, wie es mich treibt, und tue gleichfalls Recht!"
Der Prior hörte diesen schroffen Worten, die noch durch den trockenen Ton der stimme und eine mangelhafte Aussprache verstärkt wurden, mit einem leisen Schütteln des Kopfes zu; aber in seinem Blicke lag zugleich die Hoffnungslosigkeit, diesen festen Sinn zu ändern.
"So sei Euch Gott gnädig und segne Eure Vorsätze!" sprach er sie grüssend und blieb, indem er sich wendete, überrascht vor Reginald stehen, der an der Seite des Laienbruders, der ihn geführt hatte, im Hintergrunde des Gemaches stehen geblieben war. "Ich glaube, Mistress Gray," sprach er sich umdrehend – "dies ist Euer Zögling!"
Die unglückliche Frau folgte der Richtung, die der Prior ihr gab; – und wie hätte sie ihn verkennen können, der in jedem zug Fennimor's Sohn war!
Sie richtete sich heftig in ihrem Lehnstuhle auf, als wollte sie ihm entgegen; dann hielt sie sich plötzlich an seiner festen Lehne und starrte Reginald an, der sich ihr mit dem freundlichen Lächeln nahete, das ihn Fennimor nur noch ähnlicher machte.
"Um Gott, Madame," rief der Prior jetzt, "fasst Euch – und setzt Euch!" – Die Gestalt der früh Gealterten wankte, und ihre Augen schlossen sich. Der Prior unterstützte sie beim Niedersitzen; aber er sah, sie kämpfte mit einer Ohnmacht, und der wohlwollende Mann hielt ihr selbst ein erfrischendes Elixir vor, das auch bald die starken Lebensgeister dieser heftig empfindenden Frau sammelte. unwillig fast wies sie die Bemühungen zurück; – sie schien von ihrer Schwäche überrascht und ihr zürnend. "Lasst das," sagte sie rauh – "es war Nichts! Schwäche in den Füssen – die Reise – so Etwas bin ich nicht gewohnt – es war ein Schwindel."
"O, gute Liebe," rief hier Reginald, der ihr Bild wie einen Traum in sich auftauchen fühlte – "sieh' mich doch nur an – Du musst mich gewiss wiedererkennen, da ich es vermag! Sag', heisst Du nicht Emmy?"
Die harte Frau zuckte bei dem ersten Tone seiner sanften, liebevollen stimme zusammen. Der Prior trat