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grossen Gemütsbewegung nicht, wie auffallend ihr Betragen war. Schon ihr Aeusseres konnte befremden, da es bei Reginald besonders eine grosse Aufregung zeigte und solche tödtliche Blässe und Entstellung seiner Züge, dass der Graf ihn als einen Verzweifelten ansehen musste und sehr betrübt war, wenigstens einen teil dieser Stimmung auf Ludwig übertragen zu sehen, deren Ursache zu erraten, ihm allerdings mit einigem Widerstreben möglich ward.

Auf ihren Zimmern angelangt, hörten die jungen Leute, Gräfin Franziska sei erkrankt, doch bereits in besserem Zustande.

"Vor allen Dingen müssen wir fort," rief Ludwig schmerzlich – "das sehe ich ein. In Paris müssen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beschliessen!"

"O, warum lebt Deine Mutter nicht mehr!" seufzte Reginald schmerzlich. – –

In derselben Nacht verliessen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoise, und wechselten von da an in rastloser Anstrengung die Pferde, so oft sie deren finden konnten, um, wo möglich, noch am andern Abend Ste. Roche zu erreichen.

Während dieser traurigen Reise versuchte Reginald seine Bewegung so weit zu überwinden, um seinem Freunde eine Erklärung dieses heimlichen und beeilten Schrittes geben zu können. Aber es ward ihm schwer; denn er schien ganz überwältigt von besonders inniger Zärtlichkeit gegen Ludwig, und von einer Wehmutvon einer inneren Angst verfolgt, die ihn mehr geneigt machte, den Augenblick in stummer Hingebung zu durchleben. Gebrochenin Zwischenräumen trat endlich hervor, was wir hier im Zusammenhange mitteilen wollen.

An dem Abend, als Reginald zuerst vermisst ward, hatte ihm ein Diener des Hauses gemeldet, es sei so eben ein Bote im schloss gewesen, der ihn gesucht, um ihm zu sagen, dass im wald am Försterhause Jemand auf ihn warte, der ihn beschwöre, augenblicklich dort hinzukommen.

Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte, Franziska d'Aubaine im Salon zu sehen, so schien ihm der Waldweg eine anmutige Zerstreuung; auf das Geheimnissvolle dieser Aufforderung gab er sehr wenig Acht, dagegen bedenkend, dass er, um den Waldweg zu erreichen, d e n teil des Schlosses berühren musste, wo Franziska wohnte. Auch gelang ihm, was er gehofft; die Türen nach dem niedrigen Balkon waren geöffnetvon fern schon sah er den blass-blauen Atlas ihres Kleides und die weissen Rosen in ihren dunkeln Locken. Diese Kleidung war an sich wie ein Zeichen der Treue; denn er hatte sie zuerst darin gesehen, und sie wusste, wie sehr er sie liebe. Als sie ihn bemerkte, und er, von Zweigen gedeckt, aufs Knie sank und die hände aufhob, wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend, sah er, wie sie eine von den Rosen löste, dann Härchen aus ihren Locken an einander knüpfte, an denen sie die zarte, weisse Rose langsam über den Rand des Altans herabschweben liess, um dem Glücklichen Alles zu geben, was er glaubte nötig zu haben. – Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forstause.

Wir werden ihm vergeben müssen, dass er ganz vergessen hatte, was er dort sollte, und als er eintraf, sich erst besinnen musste, was der Förster damit wollte, dass er ihn nach hinten hinaus, in ein kleines, abgelegenes Stübchen führte.

Doch erkannte er, noch geblendet und deshalb nicht recht sehend, wenigstens sogleich die helle, schneidende stimme mit dem breiten, entstellenden Dialekte, die augenblicklich anhob: "bloss um meiner Mutter gehorsam zu sein, bin ich hier; denn die Art, wie Ihr mich das erste Mal abwieset, war gänzlich hinreichend, mich von solchen Sendungen abzuhalten!"

"Miss Ellen Gray!" rief Reginald – "wie bin ich überrascht, Euch hier zu finden!"

"Ueberrascht oder nicht," erwiderte sie schmollend; – "es ist Eure Angelegenheit, nicht die meinige, um deretwegen ich hier binund ich heisse, wenn's Euch beliebt, nicht Ellen Gray, sondern Madame St. Albans." –

"Verzeiht, Madame, und seid meiner Dankbarkeit gewiss! Auch rechnet mir nicht zu, wenn ich Euch beleidigt habe; denn ich erinnere mich, dass Ihr mir vor meiner Abreise eine Mitteilung machtet, die meine unbedachtsame Jugend überhört hat." –

"Ja, ja, überhört!" rief sie heftig – "überhört, weil natürlich eine so unbedeutende person, wie Ellen Gray, nichts mitzuteilen haben konnte, was wichtig genug war, um es zu behalten."

"Vielleicht," erwiderte Reginald, herzlich gelangweilt durch dies Betragen – "vielleicht kann ich jetzt gut machen, was ich damals verschuldete, und Euern ungerechten Verdacht widerlegen."

"Das will ich wünschen!" rief sie, plötzlich in einen jener Tränenströme ausbrechend, die so leicht die Teilnahme entkräften, da sie ein Gemisch von Rührung und jener gewöhnlichen, weiblichen Empfindlichkeit sind, die, ohne Erweichung der Gesinnung, mehr ein fortgesetzter Versuch zu zürnen ist – "und glaubt mir," fuhr sie fort, "es wird Euer Schade nicht sein; denn" – und sie schluchzte noch immer – "meine Mutter, die Wärterin Eurer Kindheit, die Ihr so schön vergessen habt, dass Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erste Mal, diese lässt Euch auffordern, mir augenblicklich nach dem Kloster Tabor zu folgen, bis wohin sie Euch entgegenkommen wird."

"Jetzt? heute?" rief Reginald erstaunt. –

"Ist das wieder zu