1839_Paalzow_084_193.txt

Damit musste er sich jedoch vorläufig begnügen; denn die Gräfin d'Aubaine wollte ihre Tochter, wie sie sagte, erst auf den Besuch ihres Verlobten vorbereiten, und der junge Graf war genötigt, die Abendtafel an der Seite Franziska's zuzubringen, ohne seine Gefühle verraten zu dürfen.

Als man sich für die Nacht getrennt hatte, beschied die Gräfin d'Aubaine ihre Tochter nach ihrem Zimmer, und hier erfuhr die unglückliche Franziska, dass sie mit dem Grafen Crecy verlobt sei! Die Gräfin d'Aubaine sah, wie ihre Tochter unter ihren Worten erbleichte und mit trüben, hinsterbenden Blicken das mütterliche Auge suchte; sie eilte daher, ihr Alles zu sagen, was sie für hinreichend hielt, die missgeleiteten Wünsche derselben auszulöschen, und es erfolgte eine Erklärung über Reginald, nach der Angabe der Marschallin.

Das war zu Viel! Denn Franziska war in den Ansichten ihres Standes erzogen; sie wusste, dass es gegen einen solchen Makel der Geburt, wie hier angedeutet war, keine Rettung gabdass der Tod sie nicht sicherer trennen könnte, als solche Stellung zum Leben. Aber dieser Gewissheit gegenüber stand Reginalds Bild in einer Bevorrechtung der natur, die jeden Vorzug, den ihr Herz und ihr Verstand ihm eingeräumt, so vollständig rechtfertigte, dass sie sich sagen musste, ein Irrtum sei es nicht gewesen, nur ein entsetzliches Schicksal! Dies Gefühl erfasste sie mit vollster Stärke, und schluchzend stürzte sie zu den Füssen ihrer Mutter.

Ob die sanfte Gräfin d'Aubaine ihre Tochter ganz verstand, bleibt dahin gestellt; vielleicht glaubte sie auch, Franziska weine aus Beschämung; – und es waren milde, gütige Worte, die sie, mütterlich erweicht, ziemlich ins Ungewisse hinein über die heftig Weinende sprach. Jedenfalls erzeigte sie ihr die Wohltat, ihre Tränen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen; – und so weinte die Unglückliche die erste Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus.

Wie die Nacht gewesen, die dieser späten, traurigen Entdeckung folgte, war dem leicht zu erraten, der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der schönen Franziska erblickte.

Aber es ward teils mit Absicht, teils aus Unbefangenheit übersehen; die Verlobung der beiden jungen Leute ging vor sich, und Franziska sah in einem träumerisch betäubten Zustande so ruhig und kalt, wie ihre Hand in die des ungeliebten Jünglings überging, als sehe sie einer fremden, ihr durchaus gleichgültigen Ceremonie zu. Wenn Etwas diesen Schritt Franziska erleichterte und Etwas dem Glücke des jungen Grafen Crecy fehlte, so war es die Abwesenheit Reginalds, die schon am Abende vorher bemerkt ward. Für den andern Morgen war die Abreise Beider festgesetzt, und sein plötzliches Verschwinden um so auffallender, da er Ludwig nichts darüber gesagt hatte und die Mittagstafel bereits vorüber war. Frostig ging Graf d'Aubaine endlich auf die Bitten seines neuen Schwiegersohnes ein, nach dem jungen mann auszusenden; und da auch diese Boten gegen Abend, ohne Nachricht von ihm zu bringen, zurückkehrten, liess sich Graf Ludwig durch Nichts abhalten, seine Nachforschungen selbst anzustellen. Auch sollten diese glücklicher sein; denn Reginalds Vorliebe kennend, eilte der Graf zuerst in den Wald, der an den Park grenzte, und hier wohl bekannte Signale und Anrufungen gebend, erhielt er ungefähr in der Mitte des Waldes, an einen alten Steinbruch gelangt, die wohl bekannten Antworten. Ausser sich vor Freude, stürzte er der Gegend zu, woher er die Antwort vernommen, und in demselben Augenblicke flog Reginald, aus der entgegen gesetzten Richtung des Waldes kommend, ihm entgegen.

Beide stürzten sich in die arme, als wären sie Jahre getrennt gewesen, und noch inniger selbst, als Ludwig, schien Reginald's Liebe und Zärtlichkeit von einer ungewöhnlichen Stimmung angeregt. "O, Ludwig, geliebter, teurer Ludwig, wie glücklich macht mich Deine Liebe, Deine Treue, selbst wenn sie Dir sorge verursachte!" – So beantwortete er die zärtlichen fragen und Vorwürfe des Grafen, und Arm in Arm erreichten sie eben eine offene Stelle des Waldes, wohin der Mond mit Tageshelle schien. Hier hielt Reginald an und wendete den Grafen gegen den hellen Schein des Mondes, um ihn anzublicken, als habe er ihn noch nie gesehen! – Zur selben Zeit bemerkte der Graf, wie bleich und verändert Reginald warwie heftig bewegt sein Innereswie er kaum sich zu fassen wusste. "Reginald," sprach er, "Dir ist etwas ganz Besonderes geschehen!"

"Morgen! morgen!" rief Reginald, und warf einen bedeutungsvollen blick auf das Gefolge, das der Graf mit sich geführt, und besonders auf den Kammerdiener des Marquis de Souvré, der sie mit spähenden Blicken verfolgte.

Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten selbst so Viel zu sagen, dass er befahl, man solle vorangehen und ihre glücklichen Erfolge den Herrschaften anzeigen. Aber auch, als Beide allein waren, schien es Reginald unmöglich, seinen Bericht zu machen.

"Schone mich, Ludwig!" sprach er – "ich habe so Ungeheures erfahren, dass ich wie verwirrt von der erlebten Aufregung bin; doch sei gewiss, das, was ich erfuhr, kettet uns nur noch inniger, noch fester aneinander; es bestätigt unsere innige Liebe und wird grosses Unrecht versöhnen!" –

"Das bin ich gewiss, dass Nichts unsere Liebe beeinträchtigen kann, teurer Reginalddarum fragte ich nicht; nur voll Erstaunen bin ich, dass Du etwas erleben konntest, was Dich so besonders betrifft!" –

"Es