Anrechte hat, sich in unsern Zirkel zu drängen, nicht allein stets so behandelt, wie es mir zukam, sondern auch jetzt darauf gedrungen, dass er sich hier nicht abermals in Ihr Haus eindränge und ihm der Befehl entgegen geschickt werde, direct nach Paris zu gehen. Der junge Mensch gibt indessen vor, diesen Befehl nicht erhalten zu haben, was ich genötigt bin zu glauben, da es mein Enkel bestätigt; so ist seine Anwesenheit zu erklären, und hoffentlich rechnen Sie mir diese unpassende Gesellschaft nicht ferner zu."
"Ich bin nicht wenig erstaunt, meine Gnädigste," erwiderte Graf d'Aubaine mit wirklicher Unruhe, "eine solche Erklärung über einen jungen Mann zu hören, den ich, wegen der Vorzüge, die man ihm in Ihrer Familie gestattete, allerdings durch seine Geburt für dazu berechtigt hielt. Ich kann nicht läugnen, dass ich es nicht ganz zu entschuldigen weiss, dass Graf Crecy mir darüber nicht früher einen Wink gab; da ich ohne Zweifel seine Verhältnisse zu uns alsdann vorsichtiger gestellt haben würde. Doch sagen Sie mir, Frau Marschallin, wer ist dieser junge Mann?"
"Das mag Gott wissen," sprach die Marschallin entschlossen; – "irgend ein Findling, ein Sprosse unerlaubter Verbindung, über die meine Schwiegertochter oder mein Sohn Grund zu schweigen hatten. Sie wissen, dass Beide voll überspannter Ansichten waren. – Anstatt aus einer so dunkeln Kreatur einen Kammerdiener meines Enkels zu bilden, zogen sie es vor, einen Spielkameraden daraus zu machen, ihn endlich erziehen zu lassen, als habe er Ansprüche, und die Unschicklichkeit hinzu zu fügen, ihn zu den Gesellschaftskreisen ihres Sohnes zu erheben."
"Ich gestehe," sagte Graf d'Aubaine, aus mehr als einem grund gekränkt – "dass ich dies eben so wenig, wie Euer Gnaden billigen kann. Der junge Mensch selbst wird diese Ueberhebung zu büssen haben! Er ist jetzt in dem Alter, wo seine Berechtigungen geprüft werden, und es ihn dann sehr überraschen wird, sie in Nichts zerfallen zu sehen."
"Mag er denn die Strafe seines Uebermutes tragen," erwiderte die Marschallin kalt, "wenn wir nur unsere Gesellschaft gegen solche Befleckungen rein erhalten! Ich würde ihm befehlen, augenblicklich nach Paris abzureisen, wenn ich nicht dadurch gezwungen würde, von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten Systeme, ihn überhaupt nie zu bemerken, abzugehen; denn bis jetzt habe ich seine usurpirte Gegenwart noch durch keinen blick, oder gar durch Worte anerkannt. – Da der Aufentalt meines Enkels überdies nur zwei Tage dauern kann, weil die Zeit der grossen Präsentation in Versailles damit herangerückt ist, so denke ich, beachten wir, wenn Sie bis dahin diesen Missgriff zu lenken übernehmen, seine Gegenwart nicht; und in Paris, bei der Stellung, die der junge Graf dort einnehmen wird, müssen sich ihre Wege von selbst trennen, und wir werden diesem Menschen nicht mehr begegnen."
"Wie," rief der Graf d'Aubaine, "nur so kurze Zeit wird die Anwesenheit des Grafen Crecy dauern? Wissen Sie wohl, meine Gnädigste," fügte er lächelnd hinzu – "dass wir bis dahin noch Viel zu tun haben?"
"So scheint es, mein lieber Graf," erwiderte die Marschallin geschmeichelt; – "und da ich Sie nicht missverstehen kann und als Repräsentantin des Werbenden billig zuerst reden muss, so wollen wir uns, wenn es Ihnen beliebt, zur Gräfin d'Aubaine begeben – ich will dort meinen Vortrag halten."
Er bot ihr den Arm, und Beide begaben sich, völlig eines Sinnes, zu dieser so wichtigen, so entscheidenden Zusammenkunft, die das Lebensglück zweier Menschen bestimmen sollte, ohne dass man ihrer überzeugung nachgefragt hätte. Dem Grafen d'Aubaine kam in der Tat nach dem, was er so eben vernommen, kein Zweifel über die Stellung ein, die er allein noch für passend halten konnte; denn indem wir ihm das zeugnis des besten Menschen und Vaters geben müssen, konnte er doch unmöglich seiner Zeit so entwachsen sein, um durch persönliches Verdienst den Standesunterschied für ausgleichbar halten zu können. Er fühlte mit Unwillen den Missgriff, diesen jungen Mann ohne voran gegangene Sicherheit so nahe gezogen zu haben und dachte mit väterlicher Liebe daran, Franziska die Last der Beschämung zu erleichtern, die es ihr, wie er voraussetzte, machen musste, wenn sie erfuhr, wie unberechtigt der Gegenstand war, dem sie Einfluss auf ihr Gefühl zugestanden hatte. Um jedoch seiner unvorbereiteten Gemahlin einen lenkenden Wink zu geben, hob er nach den Empfangsfeierlichkeiten sogleich an sie zu bitten, auch ihrerseits die Frau Marschallin über ihre Besorgnisse in Bezug auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen, indem er das herabsetzende Bild, welches die Marschallin entworfen, noch ein Mal vor seiner Gemahlin aufrollte. – Die wirkung konnte bei ihr nicht viel anders sein, wie bei ihrem Gemahle. Die Marschallin hüllte sich in einen Schwall von Worten und schien weiter nichts zu sehen; aber sie bemerkte sehr wohl den blick, mit dem beide Ehegatten sich mit einer Art von Entsetzen verständigten, und sah darin die Bestätigung, wie nötig dieser beeilte Schritt gewesen.
Als die Eltern darauf in aller Form den Heiratsantrag ihres Enkels von der Marschallin entgegen genommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beschränkung auf Franziska gegeben, ward der junge Graf Ludwig gerufen, und die Marschallin verkündigte ihm sein Glück, was er mit dem vollen Entzücken eines jungen, verliebten Mannes aufnahm.