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Ste. Roche veranlassen. Dieser letztere Fall trat ein; Miss Lester und Ellen Gray begleiteten die Familie, und es ist leicht zu denken, mit welchen Augen die Marschallin zwei Mädchen betrachtete, die in so naher Verbindung mit dem Schicksale ihres Hauses standen. – Unter diesen Umständen gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung, dass ihr Sohn sich während des ganzen Winters aller Geselligkeit bestimmt entzog; und wenn sie auch mit Unwillen sah, wie sein charakter verwilderte, so hatte sie doch immer mehr die Pläne ihres Ehrgeizes in ihm geliebt, als ihn selbst, und indem sie diese auf ihren Enkel übertrug, verlor ihr Sohn, der gewagt sie darin zu betrügen, die Kraft, sie durch seinen Zustand zu kränken.

Nicht ganz so glücklich war sie in Bezug zur Familie d'Aubaine. Nicht, wie sie gehofft, liess sich dieselbe für das ganze Jahr am hof festalten, sondern bezog, nachdem sie den Sommer auf dem Stammschlosse zugebracht, gegen den Herbst das in jagdreichen Wäldern versteckte Ardoise. Doch hielt der Graf dessen ungeachtet die verabredete Verbindung für abgeschlossen und erlaubte seiner Gemahlin, der Gräfin Franziska die Absichten der älteren mitzuteilen.

Betäubt von Schmerz und Schrecken, bis ins tiefste Innere erschüttert, hörte die unglückliche Franziska diese Erklärung, die sie von allen Hoffnungen ihres jungen Herzens für immer zu trennen drohte; und zu aufrichtig und natürlich, um sich beherrschen zu können, erfuhr die Mutter in demselben Augenblicke ihr geheimnis.

In der Zeit, in welcher diese jungen Leute sich durch ihr Herz wollten leiten lassen, gab es fast keine andere Art ehelicher Verbindung, als die, welche älteren unter einander beschlossen, und keine anderen Ueberlegungen, als die dabei zu bedenkenden äusseren Verhältnisse. Nicht Bildung, nicht Güte des Herzens oder Liebe zu den Kindern veränderte dies ruhig geordnete System aller vornehmen Häuser, und die daraus entstehenden Schein-Ehen, die in dem überhandnehmenden Zustande der Sittenlosigkeit der höheren Stände vollkommen Platz fanden und ihre Ausartungen unterstützten, machten Niemanden aufmerksam auf diese gewissenlose Procedur. Hier trat jedoch eine kleine Abweichung ein, die besonders Reginald's Persönlichkeit zuzurechnen war. Beide älteren hatten ihn selbst so ausgezeichnet gefunden, dass eine Art von Verstehen mit dem Gefühl ihrer Tochter, eintrat. Sie hätten sich zufrieden gefühlt, wenn Reginald der Graf von Crecy gewesen wäreund hatten Teilnahme für die Wünsche Franziska's. Es konnte jedoch nur in so fern davon die Rede sein, dass sie erwarten wollten, ob bei der Anwesenheit der beiden jungen Leute, wie aller Familienhäupter, sich eine Auskunft treffen lasse, vorausgesetzt, dass die Familienverhältnisse des ziemlich unbekannten jungen Mannes eine solche Möglichkeit überhaupt denkbar machten. Diese grossmütige Zusicherung der älteren, die sie über ihr Jahrhundert erhob, rettete Franziska's Herz vor dem langsam zehrenden Gifte hoffnungsloser Liebe und liess sie grösseres Vertrauen fassen, als es den älteren möglich gewesen wäre, erwecken zu wollen.

Die Ankunft der Marschallin von Crecy, die, wie sie vorgab, in Ardoise ihren Enkel empfangen wollte, belebte diese Hoffnungen nicht sehr; denn sie trat sogleich mit der entschiedenen Haltung auf, die ein festgestelltes verhältnis andeutet, und Franziska fühlte, dass sie von ihr als ihre Enkelin behandelt wurde, als wäre keine Zurückhaltung mehr nötig.

Die gefasste Frau übersah den Vorteil, den die Gegenwart ihr bot, fest entschlossen, eben so die Zukunft zu bewachen und keine Störungen mehr zu dulden. Zwei lästige Zugaben waren wenigstens entfernt; Miss Lester war nach England zurückgekehrt, Ellen Gray war als Braut zwar geblieben; aber jetzt bereits mit dem Sohne des verstorbenen Kastellans St. Albans verheiratet. – Dessen ungeachtet begehrte die Marschallin von ihrem Sohne, dass er an Reginald den Befehl schicke, den Grafen Ludwig nicht nach Ardoise zu begleiten, sondern zu ihm nach Paris zu kommen.

Gewiss würde Reginald den Befehl seines Vormundes erfüllt haben, wie schwer es ihm auch in diesem Falle gewesen sein würde; aber die Botschaft des Grafen verfehlte ihn.

Die sehnsucht, Ardoise zu erreichen, die Beide uneingestanden in gleichem Maasse fühlten, hatte sie ihre Reise so beeilen lassen, dass sie um zwei Tage früher eintrafen, als sie erwartet wurden.

Dieses plötzliche erscheinen brachte den Plan der Marschallin, durch einen schnellen Abschluss der Verlobung Alle zu überrennen, zuerst aus dem Gleise. Die ganze Sache ward nun in eine natürlichere Bahn geleitet. Franziska und Reginald sahen sich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder, wo zwei Jahre Trennung nur vorteilhafte Veränderungen mit sich führen. Erstaunen und Entzücken war der leuchtende Gruss ihrer Augen; – und die Marschallin konnte nicht hindern, dass ein flüchtiges Wort die unveränderte Gesinnung verriet, welches Franziska, noch von leisen Hoffnungen genährt, anhören durfte.

Aus dem Empfange, der Reginald von der ganzen Familie zu teil ward, stieg eine unbeschreiblich zürnende, befürchtende Stimmung für die Marschallin auf; und nach einer kurzen überlegung mit dem Marquis de Souvré, der sie begleitet hatte, liess sie den Vater Franziska's zu sich einladen.

"Graf d'Aubaine," hob sie sogleich an – "ich habe Ihnen eine Entschuldigung zu machen, indem ich fürchten muss, dass Sie, bei der grossen, unbedachtsamen Schwäche des Grafen und der verstorbenen Gräfin Crecy, für den jungen, unberufenen Menschen, den Sie Chevalier Ste. Roche nannten, mich beargwöhnen könnten, ich mache mich derselben teilhaft, indem ich seine Anwesenheit hier gut heisse. – Dem ist indessen nicht so. Ich habe diesen jungen Menschen, der gar keine