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Niederlegen und Einschlafennach Margarit mich zu sehnen, behielt ich immer Zeit!" Wieder kam ein kurzer Anfall von Weinen, den sie jedoch eben so schnell bekämpfte, und nun führte sie Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer. Hier setzte sie sich, zwei Stühle gegenüber rückend, schnell vor ihren jungen Gast, den sie auf einen derselben niedergezogen hatte, und blickte nun mit zwei grossen unruhigen Augen das fräulein an. – "Keinen Zug von Ihrer Mutter!" rief sie nach dieser scharfen Prüfung – "weiss Gottfremd, liebes Kind, bis auf die Fingerspitzen! grosser Gott, hatte ich mich doch so gefreut, ein Ebenbild meiner Margarit zu sehen! Und doch seid Ihr Miss Eton, die Tochter meiner Margarit."

"Gewiss," sagte Elmerice, sanft und gerührt – "ich bin die Tochter der Freundin, der Ihr ein so ehrendes Andenken bewahrt, und ihr letzter Wille, der mich bestimmte, in Frankreich zu leben, schloss auch den Befehl ein, Euch aufzusuchen, Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu versichern."

"O Gott, Miss!" rief Madame St. Albans weinend, – "sagt, tat sie das? Gedachte sie mein mit gleicher Liebe, hat sie mich nicht vergessen? Also Ihr solltet mir ihre Grüsse bringen, ihr Kind unterrichtete sie von ihrer Liebe zu mir! – Ja, ja, darin erkenne ich sie wieder! – obwohl, Miss Elmerice, es mich schmerzte, als ich hörte, nicht mir, sondern ihrer vornehmeren Freundin, der Gräfin d'Aubaine, habe sie Euch vermacht."

"Zürnt deshalb nicht, liebe Madame St. Albanswohl kenne ich die Gründe zu dieser Bestimmung nicht, aber sicher beruhten sie nicht in verringerter Liebe gegen Euch!"

"Ja, ja, ich will es glauben, gern glauben, liebes Kind! denn ich glaube gern an ihre Liebe. Die Gräfin ist eine Heiligevon hoher Geistesartsehr erhaben über ihr ganzes Geschlecht. Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heransie schmückt die Kircheich Haus und Hof. Seht, es lässt sich leicht der Heil'genSchein festalten, und die feinen Ausdrücke, wenn man nichts weiter zu tun hat, als darauf zu passen, dass einem nichts Unebnes entschlüpftaber hier, wo ich an Alles selbst Hand anlegen muss, mit lauter rohen, dummen Leuten verkehren, bei denen sich übler Wille und Faulheit zu Leichtsinn und Torheit gesellen, da müssen die Worte breit aus dem mund fliessen, und man wird darum nicht schlechter in so grosser Berufstätigkeit, als solche erhabene Geister, die auf uns herab sehen."

Etwas beschämt von der Rede ihrer neuen Bekannten, schlug Elmerice den blick zur Erde nieder, um den seltsam heftigen Ausdruck in den sonst trüben Augen der Redenden zu vermeiden.

"Glaubt nicht, verehrte Frau," sprach Elmerice – "dass die Gräfin d'Aubaine eingebildet auf ihre Vorzüge ist, sie schätzt Jeden nach seiner Weise, und die ihrige ist sehr still und zurückgezogen, denn sie ist wohl nie glücklich gewesen, und sehr kränklich und oft recht leidend."

"Ist sie das?" rief Madame St. Albans. – "O seht, das beklage ich. Ja, das arme Ding! wahrlich, wenig Freude hat sie gehabtGott richte es! – und wohl ist sie zu bedauern, und es tut mir herzlich leid, wenn sie kränkelt. Sagt, ist es so? muss sie viel leiden?"

Elmerice fühlte sich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen Gutmütigkeit, die in dieser Rede die Oberhand gewann, und war nur bemüht, ihr ein Bild der stillen Geduld zu entwerfen, mit der die Gräfin ihr Leben ertrüge.

Mehrere Male wischte sich Madame St. Albans die Augen und sagte dann ganz kläglich: "Gottlob, dass meine gute Margarit, Deine Mutter, sie so leidend nicht mehr sahdenn wahrlich, das hätte ihr das Herz gebrochen. – Aber sieh', mein Kind, immer und immer habe ich es Deiner Mutter gesagt: wir beide werden glücklich in der Welt werden, die Franziska aber niedas geht Allen so, die von Jugend auf immer über den Wolken schweben, und überspannt sind und voll törichter Schwärmereien; die machen nicht glücklich und werden nicht glücklich, das ist eine ausgemachte Sache!"

"Gewiss," erwiderte Elmerice schüchtern – "finden reich begabte Wesen, mit einem höheren und vielseitigeren Bedürfnisse, schwerer den Standpunkt, wo sie sich in ihrem ganzen Reichtum entfalten können, aber es ist ihnen doch nicht als Vorwurf anzurechnen, wenn wir sie selten zu ihrer vollen Wirksamkeit entwickelt sehen; wo sie sie erreichten, sehen wir sie allen Pflichten gewachsen, sie Alle anerkennend."

Ein sonderbar aufmerksamer blick streifte hier das fräulein; in dem Augenblicke fasste Madame St. Albans den Verdacht, dass ihr junger Gast wohl ebenfalls zu dieser Kaste gehören möchte, und sie stand, sichtlich davon gestört, auf, und indem sie Elmerice bei der Hand fasste, um sie wegzuführen, sagte sie mit dem Tone völlig abgeschlossener Ansichten: "Ja, ja, ich kenne das, mein Schatz! solche Reden hörte ich oft, aber ich sah auch die zahllos unglücklichen Ehen, die solche Mädchen erlebten, die ewige Hinfälligkeit von Leib und Seele, und weiss, was es eigentlich für Frauenzimmer auf der Welt zu tun