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leicht, den jungen Mann als Besitzer anzuerkennen, da Graf Crecy, als Vormund, ihn unter diesem Titel ihm empfahl. Doch wurde er Veranlassung, dass Reginald selbst darauf aufmerksam ward; und ohne über die auffallende Art nachzudenken, mit der sein Vormund ihm die Nähe seiner angestammten Besitzung verschwiegen hatte, sprach er seinen Wunsch aus, sie kennen zu lernen. Graf d'Aubaine unterstützte dies um so mehr, da eine der jungen Engländerinnen, Miss Ellen Gray, sich verpflichtet fühlte, ihre Mutter aufzusuchen, die, aus unbekannten Gründen, dort ihren Aufentalt hatte; was es für sie sehr wünschenswert machte, die Reise unter Reginald's Schutz anzutreten. Doch hier schritt der Marquis de Souvré auf das Entschiedenste ein. Er erklärte diesen Besuch ganz gegen den bestimmten Reiseplan, für den er, wenigstens so lange sie auf französischem Boden wären, einzustehen habe; und Reginald, der stets eine ehrerbietige Nachgiebigkeit gegen Aeltere hatte, fügte sich in diesen Ausspruch.

Miss Ellen Gray reiste daher allein nach Ste. Roche ab, und Reginald schob die Besichtigung seiner Besitzung bis zur Beendigung seiner Reise auf, indem er sich von Ellen, die noch vor seiner Abreise zurückzukehren hoffte, versprechen liess, recht Viel davon zu erzählen; da er es sehr wünschte, damit die frühesten Eindrücke seiner Kindheit aufzufrischen, die ihm immer einen reizenden Aufentalt in Mitten eines Waldes vorspiegelten, wo er an einem seltsamen schloss kleine Treppen erklettert war, die um einen Turm liefen, von einer alten Frau behütet, welche ihm dann schöne Früchte schenkte.

Auch traf Miss Ellen Gray einen Tag vor der Abreise der jungen Leute in Ardoise wieder ein, wie es schien, wenig befriedigt von ihrem Aufentalte; da Mistress Gray, ihre Mutter, keine Freude bei ihrem Wiedersehen gezeigt hatte und mehr ihre Abreise, als ihr längeres Bleiben zu betreiben schien. Auffallend war es, wie der Marquis de Souvré Miss Gray bei ihrer Ankunft ausschliesslich in Anspruch nahm und die kleine, unbedeutende, gebrochen französisch sprechende Miss Gray zum Gegenstand einer Aufmerksamkeit machte, als habe er erst jetzt ihr Verdienst erkannt und sie damit zu gleicher Zeit zu seiner ausschliesslichen Gefährtin erhoben. Es ging aber aus dieser besonderen Auszeichnung natürlich hervor, dass er überall in ihrer Nähe blieb und ihr ziemlich ungeschicktes Bestreben, sich Reginald zu nähern, abzuwähren wusste. Doch scheiterte der Marquis endlich mit seiner ganzen Feinheit an der listigen Beobachtungsgabe dieses etwas derben und dreisten Mädchens, die sehr bald, seine Aufmerksamkeiten für Spott und Hohn haltend und bloss die Absicht darin sehend, sie von ihren jungen Freunden zu trennen, ihm den Streich spielte, während einer kurzen Unterredung des Marquis mit einem Anderen, ihm zu entwischen, ohne Bedenken zu Reginald hinzulaufen, ihn mit sich nach der Bibliotek zu ziehen und diese eilig hinter sich zu verschliessen. "O hört, hört, ehe der listige Mann mir wieder nachrückt!" rief sie atemlos; "meine Mutter ist die alte Frau, die Euch in Eurer Jugend pflegte; sie beschwört Euch, nicht abzureisen, ehe Ihr nach Ste. Roche gekommen seid; – sie hat Euch ein grosses, wichtiges geheimnis zu entdecken, von dem Euer ganzes Lebensglück abhängt. Aber Ihr müsstet selbst kommenund solltet Euch um Gotteswillen vor dem abscheulichen Marquis de Souvré hüten; denn er habe Eure älteren ins Unglück gestürzt!"

Reginald blickte das kleine, hastige Mädchen, das so unweiblich lebhaft und übereilt ihm ihre Mitteilungen machte, mit einem nicht zu beherrschenden Ausdrucke von Missbehagen an, und es ward ihm fast unmöglich, darauf einzugehen. Sie waren so geheimnissvoll, Argwohn erregend, dass sie ihn aus seiner ganzen bisherigen Stellung und Gemütsstimmung zu reissen drohten, wenn er ihnen Glauben schenkte. Er, der bis zu diesem Augenblicke das Misstrauen nur dem Namen nach kannte, konnte es unmöglich durch diese Mitteilungen in sich aufnehmen. Er hörte daher nur höflich zu, ohne die Alteration des jungen Mädchens teilen zu können, und bat sie endlich, ihre Mutter von der Unmöglichkeit zu unterrichten, jetzt nach Ste. Roche kommen zu können; da die Abreise nach England für den andern Morgen festgesetzt sei, und es nicht mehr in seiner Macht stehe, dies abzuändern. Bei seiner Rückkehr werde er dagegen den Besuch von Ste. Roche als eine Pflicht ansehen und sich dann sehr freuen, seine alte Pflegerin wiederzusehen.

Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mitteilungen genommen, der ihr vollständig durch die Wichtigkeit, die sie denselben beilegte, gerechtfertigt schien; jetzt sah sie sie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erstaunen aufgenommen. Sie fühlte sich dadurch beschämt und ward bei ihrem empfindlichen charakter sehr beleidigt.

"Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr!" sagte sie, hochrot werdend; "ich habe bloss meine Schuldigkeit getan, bloss den Befehl meiner Mutter erfüllt, die allerdings klüger scheint, als manche anderen Leute, und durch ihre Jahre wohl berechtigt, Dinge zu wissen, von denen die Jugend sich Nichts träumen lässt. Jetzt muss ich überdies sehr um Verzeihung bitten; denn ich habe noch die letzten Stunden mit Gräfin Franziska gestört."

Vergeblich war Reginald bemüht, die Beleidigte aufzuhalten oder zu versöhnen. Sie enteilte, ihn empfindlich grüssend, und hatte die Gesellschaft erreicht, ehe der Marquis ihre kurze Abwesenheit inne ward.

Dagegen müssen wir gestehen, dass Reginald von dem ganzen Zusammensein mit Miss Gray nichts behalten hatte, als ihre letzten Worte. Das Nahen der Abreise hatte sein Herz erfasst und die überzeugung, Franziska d'Aubaine