1839_Paalzow_084_186.txt

, mit dem er sich herabliess, nach Laune und Willkür zu spielen. Wir werden begreifen, dass der Marquis de Souvré aus dem Leben gemacht hatte, was er als seinen Inhalt annahm, und dass seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Bestätigung dieser Annahme schien. – Nur einen Punkt in seinem Leben gab es, an den er nie ohne ein unfreiwilliges Erschrecken denken konnte; – es war die Erscheinung Fennimors! – Wie sehr er sich auch bemüht hatte, ihre wunderbare Ueberlegenheit zu verläugnen, sie gering zu schätzen, sie zu bespötteln und zu verachten, es zeigte sich Alles unzureichend, wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor ihm auftauchte, wo sie vor ihm stand, wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen Schwerte der Gerechtigkeit, und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religiösen Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt, in dem er sich, überwältigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit, erkannt hatte, und vor dem ihn eine stets geläugnete überzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte. Er erlebte, ohne es hindern zu können, die Strafe, sich an jedes Wort, jeden Zug ihres Gesichtes, jede Bewegung erinnern zu können. Er musste der Erscheinung in seinem inneren, wie gefesselt stille stehen; er hörte den Ton ihrer stimme, er musste sie begleiten, bis sie vor seinen Augen, wie er damals glaubte, starb. Er hatte nie Aehnliches erlebtdieser Tod hatte ihn nicht befriedigt, nicht an ihr gerächt; es schien umgekehrter lag wie eine Rache, die er erlitten, in seiner Seele. – Er selbst war von diesem platz entflohen, von einer Macht in die Flucht geschlagen, die stärker war, als er; er nahm die ganze Last einer Verwerfung und Herabwürdigung mit sich, die er nie zu erleiden gedacht, und er nahm sie mit, ohne sich seiner Empfindung nach gerächt zu haben. Kam Souvré Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung, fuhr er in die Luft, wie von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt. Er konnte es kaum fassen! Da es aber dasselbe blieb in seiner überzeugung, warf er prüfend den blick umher und suchte den Gegner zu entdecken, der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke seiner Seele zusammen hing. Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden Jüngling mit den tief blauen Augen und dem braunen, goldbesäumten Heiligenscheine seines Lockenhaares. Wenn dieser Jüngling, der ihn beständig reizte, alle Dämonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen, ihn dann plötzlich ernst und ruhig anblickte, fühlte er den Blitz, den Fennimor einst über ihn entzündete; und wenn er ihn hassend und zürnend doch selbst zu locken schien, als ob der Dämon in ihm unter den Augen dieses Jünglings in Zuckungen verfiele, so gelobte er sich eben so oft, diese einzige Gewalt seines Lebens, die ihm ungebeugt gegenüber gestanden, sollte dennoch von ihm gebrochen werden.

Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin von Crecy. Beide waren auf der Geistesbahn, die sie erwählt, nicht stehen geblieben. Bitter grollend stand die Marschallin, eben wie Souvré, der Welt gegenüber, die es gewagt, statt siegreichen Gelingens, ihr so viel gescheiterte Pläne und Wünsche zu geben. – Obwol jetzt in hohem Alter, hatte sie noch keine Schwächen desselben zu erleiden; und verknöchert in den Formen ihres Hofdienstes, schien sie fast dieselbe zu bleiben. Aber wo war der Glanz ihres Hauses, den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte? Niemals hatte derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen, also auch sein Ansehen in den Zirkeln, die sie einst beherrschte, nie wieder erlangt. Seit dem tod der Königin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom hof entfernt; und da Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war, setzten Beide ein, wie es der Marschallin schien, höchst unwürdiges Privatleben fort, das sie vergeblich zu verändern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit wieder zu stören versuchte, um mit derselben beleidigenden überzeugung sich zurück zu ziehen, dass ihr Einfluss hier an dem finster grollenden Eigensinne ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern müsse. Dessen ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem haus der Marschallin nicht, und scheinbar blieb das vollkommenste Einverständniss. Aber wenn die Marschallin, von immerwährender Missbilligung gereizt, bedachte, wem sie das Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Pläne danke, dann kam sie scharfsichtig kombinirend endlich zu dem kleinen, unscheinbaren Punkte, den sie so tief verachtet, so leicht zu erdrücken dachte, wie den Wurm unter ihrem fussFennimor, dies unberechtigte, geringe Wesen, dessen Ansprüche ihr kaum der Widerlegung wert geschienen, hatte doch mit seinem unbedeutenden Leben den Boden untergraben, auf dem sie fest zu stehen glaubte; und sterbend noch schien sie die Rache, alle Pläne umzustürzen, die auf ihren Untergang berechnet waren, vollführt zu haben. Von Leonin's Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens, musste die Marschallin den Verfall des Glanzes ihres Hauses herrechnen. Wenn sie an den Morgen des Tauftages dachte, musste sie sich sagen, dass ihr Herz, in stolzer Befriedigung schwellend, ihr fast die Brust beklemmt habe; und wenige Stunden nachher war Alles in einem Grade verändert, den sie in ihren Verhältnissen für unmöglich gehalten hatte.

Wir haben hier noch einmal die Veranlassungen zu ihrem Gemütszustande berührt, um uns dann um so deutlicher denken zu können, mit welchen Empfindungen sie Reginald, mit dem beleidigenden Zunamen Ste. Roche, ansehen musste, der, wenn ihm auch sein