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Vertrauen zu ihrem ehemaligen Lehrer kennen; doch hatte die geheime geschichte der zurückgelegten zwanzig Jahre, bis auf einige Punkte, sie der Wahrheit immer näher geführt, und sie in Reginald einen Anspruch an ihren Gemahl anerkennen lassen, den sie leise zu schützen und zu fördern suchte, und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmutes; aberwir müssen es gestehenzugleich auch, um sich dadurch jede mögliche Erklärung oder Rechtfertigung abzuhalten; denn hier fühlte sie beständig die Grenze ihrer Selbstbeherrschung. Sie zitterte sogar vor sich selbst bei dem Gedanken, dies unglückselige geheimnis wirklich zu kennen, und sie war zweifelhaft, ob sie es ferner dann in Reginalds Erscheinung werde ertragen können oder dürfen; da ihre Vermutungen nie so weit gingen, die Rechtmässigkeit seiner Ansprüche zu ahnen.

So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit, die Dinge sich von selbst machen zu lassen, und fand sich sogar überall von seiner. Gemahlin hierin unterstützt.

Die auffallende Tatsache, dass Reginald den Namen der besonders dem Grafen gehörenden Besitzung Ste. Roche führte, schien i h r nie auffallend. Sie zählte Reginald so bestimmt zu ihrem Hausstande, nahm so fest an, dass jene Besitzung ihm gehöre, ohne diese merkwürdige Annahme je entschieden auszusprechen, dass damit viele andere Nachfragen, nach den Eltern oder den Berechtigungen Reginalds, von selbst wegfielen.

Auch musste die Marschallin von Crecy bei diesen Verfügungen, die sie anfänglich mit dem grössten Zorn erfüllten, da sie ihr den unberechtigten Jüngling, dessen grösseres Recht sie hartnäckig vor sich läugnete, viel zu sehr begünstigten, endlich verstummen. Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede Anregung darüber überhört hatte, traf sie bei einem direkteren Angriffe hier auf einen so maasslosen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit, mit so drohenden Aeusserungen verbunden, dass sie schnell einsah, eine deutlichere Erklärung würde die Gemahlin ihres Sohnes zu den äussersten Schritten treiben, – sie würde sogar glauben, sie tun zu müssenund die Marschallin hatte kaum noch Zeit, indem sie jede erfahrene persönliche Beleidigung der Erzürnten übersah, beschwichtigend einzuschreiten, wodurch die junge Gräfin nun auch von dieser Seite völlig Ruhe bekam. – Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen seine edle Schülerin in dieser Prüfung zu leiten und zu schützen gesucht; selbst die beichte hatte nie den Namen für das geheimnis des belasteten Herzens aufgedeckt; allgemein war das Vertrauen des tief wohnenden Schmerzes, allgemein der Trost des würdigen Freundes! Beide kannten sich vollständig, und es fehlte ihnen in dieser schonenden Form nicht an ausreichendem Verständniss. –

Nur der Gegenstand so vieler Vorsicht und Selbstüberwindung blieb völlig unbefangen und sorglos, diesen Verhältnissen gegenüber. Er sah sich als eine Waise an, dessen Eltern der Graf Crecy gekannt, und daher sein Vormund und Verwalter seines Vermögens, wofür er die Besitzung Ste. Roche hielt, deren Namen er trug, geworden war. Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy, aber fast noch mehr an der Gräfin; denn das düstere, gedrückte Wesen seines Vormundes passte viel weniger zu seinem raschen, glühenden Feuergeiste, als der lebhafte Geist der Gräfin. Auch liebte die Gräfin ihn wirklich; sie liebte ihn mit der schönen Unparteilichkeit, die sie seine seltenen Fähigkeiten erkennen liess; sie liebte ihn zugleich als den Freund, als den Beschützer ihres eigenen Sohnes, der mit einer zarteren physischen Bildung, auch geringere geistige Gaben besass.

Dieser Jüngling lebte nur von der befruchtenden Glut seines geliebten Reginald; er ward ergänzt, getragen, belebt durch ihn, und seine scharfblickende Mutter sah bald den ganzen Vorteil dieser innigen Verbindung, und war Reginald in der Stille dankbar für einen Dienst, den jener nicht ahnte, und den beide Jünglinge durch ihre innige Zuneigung für einander sich bezahlten.

Nur ein Wesen gab es in dieser friedlichen Ausgleichung, welches, j e d e m friedlichen Zustande zürnend, am wenigsten ihn einem haus gönnte, dem es grollend gegenüber bliebes war der Marquis de Souvré, welcher trotz Alles, was er erreicht, sich doch noch nicht genug getan hatte und nie das Auge von der Hoffnung abwendete, mit einem plötzlichen Schlage die Mine, die, von Allen so sorgfältig verdeckt, dennoch unter ihren Füssen weglief, dereinst in die Luft sprengen zu können. Er war, wie zu erwarten stand, durch zunehmende Jahre nur verhärteter und böswilliger geworden; von tausend ehrgeizigen Plänen verscheucht, verachtete er Alles, was er erreicht, um seine vollständige Bitterkeit gegen die Welt fortsetzen zu können. Er rächte sich für jede ihm fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft; das Individuum galt ihm fast gleich; denn jedes Gelingen beleidigte ihn, und er trat demselben entgegen, so viel es möglich zu machen war. Ja, dies ward nach und nach eine grössere Beschäftigung für ihn, als seine eignen Angelegenheiten, da er, ohne es sich einzugestehen, den Fluch der Sünde erfuhr, gegen alle erstrebten Vorteile mit Gleichgültigkeit und Ekel erfüllt zu sein.

Seit dem tod der Königin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehörte zu ihrem kleinen Zirkel, hier eben so, wie früher bei Madame Henriette und der Königin, gefürchtet und geschont. Er hatte den heiligen Geistorden und den KammerherrnSchlüssel, und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals, wenn er ihn sah, zu sagen: "Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzuteilen?" Er musste sich selbst eingestehen, er werde es schwerlich höher treiben, und deshalb gewann sein charakter in der angedeuteten Richtung Stärke und Dauer, und die Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug