die Zimmer, in denen ihr Liebling einst gelebt und hütete sie, und blieb der ganzen übrigen Welt unzugänglich und bitter grollend.
Dagegen blühete das herrliche Kind unter Fenelon's weiser Hand trefflich empor. Er stürzte sich auf den Unterricht, den er erhielt, mit der Begierde eines Hungrigen; und sein Lehrer fühlte bald eine so warme, innige Zärtlichkeit für ihn, dass er ihn in Allem selbst zu unterrichten anfing. –
Nachdem Leonin den Rausch des Herzens durchgemacht, teilte ihm Fenelon mit, dass Viktorine, die ihre Andacht in St. Sulpice hielt, ihn gebeten habe, ihren Sohn den Kostgängern des Klosters zuzugesellen. Er habe die Entscheidung hinzuhalten gesucht bis zu seiner Rückkehr und frage jetzt um seine Meinung. Augenblicklich willigte Leonin in diesen Plan, der ihm eine süsse Hoffnung gab, die Brüder vereinigt zu erziehen, vielleicht Freunde aus ihnen werden zu sehen. "Dies hoffnungsvolle Kind," sprach Fenelon – "hat Viktorine mit dem Wunsche erfüllt, beide Knaben mit einander verbunden zu sehen, da Ludwig, ihr Sohn, von zarterer natur und von geringeren Fähigkeiten ist."
Diese Nachricht war der erste Trost für Leonin's darbendes Herz, und er kehrte mit so verändertem Wesen zu Viktorinen zurück, dass diese sich tief gerührt fühlte, da sie es dem Vergnügen glaubte zurechnen zu müssen, mit welchem Leonin ihren Plan für die Erziehung ihres Sohnes auffasste und mit ihr die Ausführung desselben verabredete. "Gottlob er liebt sein Kind noch!" rief sie in Tränen der Freude, als sie allein war; "dies Gefühl wird die brücke werden, die über die Tiefe zwischen uns aufsteigen und sie verdecken muss!"
Auch gab es ausserdem Familienfeste, denen Leonin sich nicht entziehen konnte. Louise de Crecy sollte jetzt mit dem Marquis d'Anville, der den Feldzug mitgemacht und nach dem Frieden zu seiner Familie zurückgekehrt war, vermählt werden. Das Glück, das ihrer wartete, schloss Louise nur noch inniger an ihren Bruder. Sie konnte es nicht fassen, warum ihr sonst heiterer, immer mit ihr scherzender Leonin so finster und ernst sei. Sie hing sich mit der jugendlichen Hoffnung an ihn, sie werde ihn erheitern können, und Leonin musste sich wenigstens in Etwas teilnehmend zeigen, um das geliebte Wesen nicht zu schmerzlich zu täuschen. Er durfte sich überhaupt diesen Anforderungen nicht entziehen, da es ihm, als Oberhaupt der Familie, zukam, seiner Schwester die Honneurs zu machen. Man konnte in dieser Zeit nichts Schöneres sehen, als den Marquis d'Anville mit seiner Braut, und der Hof nahm selbst den schmeichelhaftesten Anteil an dieser Erscheinung, welche Lebrun in einem ausgezeichneten Bilde verewigte.
Nach den vollzogenen Vermählungs-Feierlichkeiten beurlaubte sich das junge Ehepaar vom hof, und Leonin hatte nun Zeit, für seinen Sohn die Einrichtungen in St. Sulpice zu betreiben. Bald zeigte sich die geheime Hoffnung Leonins erfüllt. Beide Knaben schlossen sich mit grösster Liebe an einander, und besonders hatte Ludwigs Liebe fast etwas Leidenschaftliches und Schwärmerisches für Reginald; denn, sei es das eine Jahr, was dieser älter war, sei es ihre auffallende Karakterverschiedenheit, genug, ungesucht wurde ihr verhältnis das eines Beschützers und eines Beschützten.
Wir verlassen hier den Kreis, den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten. Es kommen in dem Leben jeder Familie zeiten vor, die leer erscheinen und erst mehrerer Jahre bedürfen, um Resultate zu zeigen. Eine solche trat hier ein. Es wird weniger ermüdend sein, uns aus den angegebenen Stellungen der Karaktere und der Verhältnisse, die wachsenden Zustände selbst zu erklären, als ihnen an der kleinen Stufenleiter reizloser begebenheiten nach zu klimmen – und so wollen wir erst d a wieder unsere Mitteilungen beginnen, wo wir Tatsachen anführen können, die ein Resultat der Vergangenheit sind und neue Katastrophen herbeiführen.
Dritter teil
Obwol Fenelon nicht mehr persönlich die Erziehung in St. Sulpice leitete, da seine grossen Fähigkeiten, nach mehreren, besonders durch den König ihm übertragenen Missionen, ihn jetzt zum Erzbischofe von Cambray berufen hatten, so behielt er dennoch ein leitendes Auge für die dortigen Angelegenheiten, und vor Allem für Reginald und Ludwig – er erklärte die Erziehung der beiden jungen Leute für vollendet!
Reginald hatte sein einundzwanzigstes, Ludwig sein zwanzigstes Jahr erreicht; Fenelon fügte als Rat für Beide hinzu, sie nicht zu trennen, sondern vereinigt, wie ihre Herzen waren, sie auch gemeinsam auf Reisen zu schicken. Dieser Vorschlag ward von dem Grafen Crecy und seiner Gemahlin mit vollständiger Zustimmung aufgenommen; – er verschob für den Grafen den gefürchteten Augenblick, den Jüngling Reginald, der unter dem Titel des Chevalier de Ste. Roche, als sein Mündel, bis jetzt noch von jeder Nachfrage seiner Verhältnisse abgehalten war, zu einem neuen Lebensabschnitte geführt zu sehen, der die fast notwendige Frage entalten musste, welcher Platz ihm zustehe, in der Welt einzunehmen. Obwol der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, diesen Augenblick zu überlegen, so hatte er ihn doch, seinem charakter gemäss, heranschleichen lassen, ohne für seine Anfrage eine Antwort finden zu können; und gänzlich beruhigt durch die Freigebigkeit, mit der er beide junge Leute gleichmässig ausstattete, war er sich nur bewusst, diese sorglose Freiheit des Reichtums ihm erhalten zu wollen, die nötige Form, in der sie ihm zu erhalten wäre, von seinem alten Troste, dem Zufall, erwartend. – Wir müssen annehmen, dass seine Gemahlin ebenfalls Gründe hatte, sich mit Fenelons Rat einverstanden zu erklären, da wir ihr grosses